David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Deutschland den Deutschen, Reichsbürger raus. Oder: Sie wussten, dass sie angelogen wurden, doch waren die Lügen hinreichend schlüssig. Soeben ausgelesen: JG Ballard – „Das Reich kommt“ (2006)

von David Wonschewski

Heinrich XIII. Prinz Reuß. 71 Jahre alt, Reichsbürger, Revolutionär in Cordhose. Hm. Echt? Ich weiß ja nicht. Klar, situativ muss man Idiotinnen und Idioten am linken wie am rechten Rand ernst nehmen.Wer ein Problem mit unserer Verfassung unseren demokratischen Spielregeln und all dem hat, neigt, insofern das Hirn übermäßig zugeballert worden ist, zu Überreaktionen, sprich Gewalt. Sahen wir dieser Tage zwischen Neujahr und Lützerath vortrefflich. Auch wenn der Zweck unterschiedlich gewesen sein mag, er heiligt weiterhin nicht die wesensähnlichen kruden Mittel. Ist momentan wohl einfach die Zeit für Menschen, die sich auf verschiedenste Weisen zwar in den Wohltaten unseres Gemeinwesens suhlen – egal auf welcher Seite – zugleich aber eben de Zettel mit den Spielregeln gerne zerreißen möchten. Was insofern in Ordnung ist, so man sich bitte nicht selbst als anständig und gerecht hinstellt. Sondern bereit ist als der bigotte Opportunist, die ambivalente Egoshooterin dazustehen, die man ist.

Und doch, man mag mir Naivität vorhalten, den wirklich staatsgefährdenden Umsturz sehe ich da nirgends. Ich sehe situative Gefahren, weil aufgehetzte Hirne überschwappen, Feinde in Menschen sehen, die keine solchen sind. Immer eine Ausrede für die selbst angewendete Gewalt haben. Aber mehr? Ich dachte das schon vor etwa 20 Jahren, wenn ich prototypische Nazis sah, so richtig Klischee, Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, hasserfüllte Fratze, die entsprechenden Insignien, die entsprechenden Parolen, Stechschritt, Marsch. Glaubt wirklich irgendwer, das kommt in der Form zurück? Exakt so, wie es schonmal da war? Never. Klar, es kann was kommen, es wird gewiss auch was kommen, weil immer was kommt. Aber so nicht, was aber nun keine besonders gewagte These, sondern ein relativ weit verbreitetes Wissen. Die wirklich gefährlichen Nazis und Faschisten erkennt man schon lange nicht mehr auf Anhieb. Die gehen auch anders vor, machen sich allenfalls, mal mehr, mal minder elegant, den Mund schmutzig, nie aber die Hände. Prinz Reuß und seine Rentnergang waren wie Lützerath gute Staatsvehikel gewissermaßen Flagge zu zeigen. Das Ganze noch in Migrantenmilieus, dann passt es. Bevor mir nun doch noch wer Naivität, Verharmlosung oder – ganz schlimm – diesen entsetzlich leeren Quark von wegen Täter-Opfer-Umkehr vorwirft: Ich denke, dass es eine Gefahr gibt, die aber aus einer ganz anderen Richtung kommt. Einer unsichtbareren. Wir denken, wir haben die ideologisierten Deppen voll im Griff, haben es auch – und dann ist es Katze Minka, die uns die Beine wegzieht. Die war doch immer so süß, so verschmust. Und plötzlich, zack: „Kingdom of the cats“.

Okay, ich gestehe, ich stehe noch unter dem Einfluss der Lektüre von „Das Reich kommt“ von JG Ballard. Jenem Dystopiespezialisten, dem im angloamerikanischen Sprachraum – entsprechend unserem kafkaesk – die Ehre zuteilwurde, ein eigenes Adjektiv zu bekommen: ballardian. Was in etwa so viel bedeutet wie eben dystopisch, entstanden durch psychologisch-technologische Neuerungen. Letztlich laufen Ballard-Romane stets so ab, dass es ein Individuum im Hier und Jetzt in eine abgekapselte Umgebung verschlägt, wie sie durchaus bereits vorstellbar ist, es sie in Ansätzen auch längst gibt. Und dann durchspielt, wie uns das mental verändert, zu was für psychologischen Verformungen wir fähig sind, selten im Guten, oft im Schlechten. In „Betoninsel“ (1974) hat ein Mann auf der Autobahn einen kleinen Unfall und strandet auf so einem größeren Rasenstück, das ganz von Fahrbahnen, rasendem Verkehr umgeben ist. Handys gibt es nicht und weg kommt er von da auch nicht mehr. Dummerweise ist das Buschwerk auch noch so, dass ihn niemand sehen kann. „High-Rise“ – auch verfilmt worden – führt uns in das höchste Wohnhochhaus der Welt, eine soziale Utopie, in der alle Gesellschaftsschichten zusammenleben wollen und sollen. In „Das Reich kommt“, seinem letzten Roman, erleben wir nun das größte europäische Einkaufszentrum, einige Kilometer jenseits von London. Kann man sich vorstellen wie heute große Einkaufsarkaden, aber in 20 Mal so groß.

Richard Pearson, ein ehemaliger Werbeprofi, folgt wie automatisch der Intuition seines Wagens und verlässt die Autobahn in Richtung Brookfields, nähe Heathrow, wo sich das gigantische Metro-Centre befindet, ein Konsumtempel von unendlichen Ausmaßen, wie gesagt. Ist es zunächst der dort vermeintlich von einem psychisch Kranken verübte Mord an seinem Vater, den er aufklären will, so führen ihn seine Untersuchungen immer tiefer in mysteriöse Zusammenhänge, in deren Mittelpunkt das Metro-Centre selbst zu stehen scheint. Tagsüber dreht sich das Leben in den Vorstädten um nichts als Konsum, nachts aber finden rassistische Angriffe auf Einwanderer, nationalistische Zusammenkünfte unter wehenden Fahnen ortsansässiger Sportclubs statt. Ihr neuer Führer wird das Gesicht der Werbekanäle des Shopping Centers – und Pearson, tja, der verstrickt sich zusehends in die brandgefährlichen Geschehnisse im Metro-Centre, die hinter dem Konsumismus nach und nach einen neuen Faschismus sichtbar werden lassen.

Zunächst ist Pearson verwirrt: Nicht nur widert ihn die rassistische Gewalt an, er versteht sie nicht recht, denn wie wirklich faschistoide Typen kommt ihm der Mob nicht vor, der einer Logik ohne Struktur und ohne Führung zu gehorchen scheint, die er nicht begreifen kann. Er kennt die vermeintlichen Krawallos, eben aus dem Shopping Centre. Otto-Normalbürger. Und nicht nur das, als Werbefachmann weiß er wie sie ticken. Und nicht nur das: er versteht sie zu dirigieren, über die Sprache des Konsumismus….

Was für ein, mit Verlaub, visionärer Typ dieser Ballard (er starb 2009) war. Denn leist man dieses Buch im Jahr 2023, so kommt einem zwangsläufig immer wieder Donald Trump in den Sinn und wie gerade er, der – jede Wette – selbst so wahnsinnig rechts gar nicht ist, an die Macht kam. Bis hin zu jenem Sturm aufs Kapitol exerziert Ballard einiges von dem, über das sich mancher von uns noch immer verwundert die Augen reibt, durch. Wohlgemerkt über zehn Jahre zuvor:

Sie wussten, dass sie angelogen wurde, doch wenn die Lügen hinreichend schlüssig waren, dann definierten sie sich als glaubhafte Alternative zur Wahrheit. Emotionen beherrschten nahezu alles, und Lügen wurden von Emotionen angetrieben, die vertraut und hilfreich waren, wohingegen die Wahrheit Kanten hatte, die schnitten und schrammten.

Dem ein oder anderen mag meine Gleichsetzung der drei Gruppen zu Beginn zu wenig nuanciert sein. Das mag in politischer Hinsicht stimmen, nicht aber in emotionaler, wenn nicht gar spiritueller Hinsicht. Worte wie „Heilserwartung“ oder „Messias“ klingen religiös, sind seit dem Niedergang der Religionen aber zunehmend säkularer. Und sie laden sich auf, die Menschen suchen nach einem neuen Orientierungspunkt, einem neuen Gott, einer neuen Führung. Das Individuum sehnt sich nach dem abstrakten Großen, dem gemeinsam Sinnstiftenden. Dadurch wird er leicht dirigierbar, es muss nur einer oder eine kommen, die diese Heilserwartung zu kanalisieren versteht. Es gibt nicht wenige Psychologen und Analysten, die sagen, dass Trump, aber auch Greta Thunberg, ja sogar Steve Jobs solche Menschen sind oder waren, jeder aber halt nur in einer gewissen Bubble. Überladene Gestalten, quasi religiöse Zerrbilder einer Utopie. Heinrich XIII. Prinz Reuß? Never.

Die gefährlichen Auswüchse des Spätkapitalismus, der ungehemmt auf eine in Sicherheit und Wohlstand lebende Gesellschaft trifft, deren Einzelteile nichts mehr mit sich anzufangen wissen – „Das Reich kommt“ ist so hellsichtig, dass einem ganz düster wird. Volltreffer Nummer drei von Ballard.

Lesen Sie auch meine Besprechung zu: JG Ballard – „Betoninsel“ (1974): HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

3 Kommentare zu “Deutschland den Deutschen, Reichsbürger raus. Oder: Sie wussten, dass sie angelogen wurden, doch waren die Lügen hinreichend schlüssig. Soeben ausgelesen: JG Ballard – „Das Reich kommt“ (2006)

  1. Bludgeon
    20. Januar 2023

    Tolles Buch. Toller Autor, so scheint es. Aber geht er weit genug?
    Benennt er auch das Hauptproblem? Das „Über die Köpfe wegregieren“? Das Nichthörenwollen des ohrenbetäubenden Schweigens der Masse?
    Vieles ließe sich hier anmerken.
    Ein Aspekt brenzliger als der andere.

    Wer seinen Lebensabend, solange noch Olaf standhält und Frieden bleibt, genießen will, der schweigt.

  2. davidwonschewski
    19. Januar 2023

    😉 würde dir das ja gerne beantworten, aber ob „meinlebenohnepsychopharmaka“, dein Alias, so mitreden kann bei dem Thema?;-)

    Liebe Grüße!

  3. Sag mal David, schläfst Du auch mal? 😆

Kommentar verfassen

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Januar 2023 von in 2000 - 2018, 5 Sterne, Ballard, J.G., Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: