David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Zu einer Zeit, als Verschwörungstheoretiker und Querdenker noch wichtig, noch toll waren. Soeben ausgelesen: Philip K. Dick – „Nach der Bombe“ (1965)

von David Wonschewski

Herman van Veen ist schuld.Okay, eigentlich eher die Amis und die Russen und die Menschheit als solche, klar. Künstlerisch-philosophisch aber: Herman van Veen. Ja genau, der niederländische Chansonnier, der gar nicht einmal seinen Alfred J. Kwak hätte erfinden müssen, um auch hierzulande ziemlich populär zu sein. 1983 erschien sein Lied „Die Bombe fällt nie“, ich hörte es erst glatte 30 Jahre später, 2015 etwa – und fühlte mich entlarvt, war beeindruckt wie selten. Denn van Veen bürstet hier ordentlich gegen den Strich. Dass wir Mitteleuropäer, zerrieben zwischen den Weltmächten und Blöcken, Angst davor hatten, dass DIE BOMBE halt doch noch fällt und wenn, dann gewiss galliermäßig auch direkt auf unseren Kopf, ja, daran erinnere sogar ich als Kind der 80er-Jahre mich noch gut. Aber kann man auch Angst davor haben, dass die Bombe eben NICHT fällt, ohne dabei ein Übermaß an dystopischer Misanthropie zu offenbaren? Ja, das geht und es gibt kaum ein Lied in deutscher Sprache, das mir mehr über das mitunter verdrehte Wesen „Mensch“ erklärt hat als van Veen es hier tat. „Hat das nicht schlimme Konsequenzen, die Zukunft hatte bislang Grenzen“, so singt er und fährt fort: „Denn wenn man wieder planen kann, was fängt man mit der Zukunft an?“

Gute Frage. Ob gesellschaftlich oder individuell, nichts ist so effektiv wie das Wissen um einen baldigen Tod. Deswegen habe ich auch den, zugegeben tollen, Alphaville-Song nie gerafft. Ewig jung und so. Kann doch niemand ernstlich wollen.

War die Bombe für mich, wie wohl für die meisten Menschen, zuvor einzig und allein körperliches Schreckensszenario, so machte van Veen sie zu einem etwas absurden philosophisch-mentalen Sehnsuchtsvehikel. Nicht nur alle Filme, Lieder und sonstigen Kulturerzeugnisse rund um „die Bombe“ ziehen mich seitdem magisch an – oh und es gibt eine Menge! – ich glaube sogar, dass ich erst durch van Veen gelernt habe SciFi-Literatur zu schätzen. Denn so peinlich es mir ist und auch wenn mir schon mein Geschichtslehrer kurz vorm Abitur einzuimpfen versuchte, dass es bei Star Trek nur am Rande um fremde Welten und Raumschiffe und Asteroiden geht, das ganze laserrumgeschwerte eher eine illustre Verpackung für tiefe Gesellschaftsphilosophie ist: Ich war erst ab Mitte 30 bereit dafür. Hatte zuvor – trotz He-Man und Luke Skywalker, an denen in meiner Kindheit kein Vorbeikommen war – meinen, nun, Fixtern einfach noch nicht gefunden. Heute, so scheint es mir nach der fünften Romanlektüre von Philip K. Dick, habe ich ihn geortet. Philip K. Dick eben.

Die Seltsamkeit des Philip K. Dick lässt sich schon daran erkennen, dass er ein schizoider LSD-Freak war, der jahrzehntelang besessen, aber wirkungslos vor sich hin tippte. Zu irre seine Gedanken, zu bekloppt seine Überlegungen. Zwar war die Menschheit und nicht zuletzt seine Heimat, die USA, ab Ende der 60er-Jahre ziemlich mondlandungsbesoffen, auf Jahre sozusagen Sterne-High. Sich ethisch, moralisch, philosophisch fragen, was denn das alles bedeutet für den Menschen als Individuum, das konnte keiner. Außer eben Dick, voll auf LSD und immer – kein Witz – mit Schiss vor FBI und CIA. Verschwörungstheoretiker und Querdenker durch und durch, zu einer Zeit als das noch ein Gütesiegel war. Ja, ein Außenseiter, außerhalb der USA ist sein Name auch bis heute wenig bekannt (außer bei Freaks, klar). Und doch wurden diverse seiner Stoffe von Hollywood verfilmt (Total Recall, Bourne Identität, Blade Runner, The Man in the High Castle etc.). Und der S.Fischer-Verlag, bei dem seine Romane hübsch editiert hierzulande erscheinen, ist ja nun auch wahrlich weit weg von Underground.

Wer nun hadert, ob sie oder er weiterlesen soll, weil eben wenig Bock auf Laserschwert-Whooosh und „ich bin dein Vater, Olaf!“-Gerede – das ist nicht Dick. Dick-Romane sind zeitlich oftmals so gelagert, dass man sie mit Mühe als SciFi sehen mag. „Nach der Bombe“ beispielsweise erschien 1965 und spielt in den Jahren 1970 bis 1981 etwa. So much for Zukunft. Was insofern ein cooler literarischer Kniff ist, da es die Leserin und den Leser selten überfordert. Der Mensch ist so wie wir ihn kennen, geht zur Arbeit, kriegt Kinder, Chef nervt, Nachbar nervt, abends in den Pub. Nur mittendrin taucht dann öfter Mal was auf, was neu ist. Eine crazy Kopfgeburt von Dick, eine total weirde Erfindung – die es heute, 2022 aber oftmals tatsächlich gibt, von der aber doch keiner schon in den 60er-Jahren wissen konnte…doch, Dick sah das voraus, irgendwie. In „Nach der Bombe“ beispielsweise ist ein diskriminierter Behinderter einer der Protagonisten, für sich selbst schafft Dick einen Schwarzen als Alter Ego – allein das ist für 1965 schon ziemlich wow. Der Homunkulus (das sind künstlich geschaffene Menschen, die man sich aber nicht Hightech-Roboter vorstellen darf, sondern eher als kleine, verrenkte oder gliedmaßenlose Individuen vorstellen darf, denen mit modernsten Prothesen ein halbwegs normales Leben ermöglicht werden soll. Ältere erinnern sich gewiss noch an den auf einem Skateboard umher rollenden „Kenny“, es geht ein wenig in diese Richtung), der Homunkulus also nimmt an der Gesellschaft Rache für das jahrelang erlittene Unrecht. Und zwar, indem er sich, körperlich verkrüppelt, aber groß im Hirn, in ihre Systeme hackt. Ja ja, schon klar, halbwegs Usus anno 2023, kann man sich schon vorstellen. Aber 1965? Was zum Teufel sind SYSTEME? Was ist HACKEN? Und was haben der Schwarze und der Homunkulus da zu suchen im Roman, hä? Kein Wunder, dass Dick lange Jahre nicht gelesen wurde. Er war, wie man heute sagen kann, nicht weit genug in der Zukunft, auf verwirrende Weise zu nah. Bevor das aber hier in allzu plumpe Fanboy-Manie ausartet, Dick-Romane werden auch deswegen zum Faszinosum, weil er in seinem wahrlichen Feuereifer oftmals total danebenhaute, was anno beim modernen Leser eben so eine gewisse, stetig wiederkehrende diebische Freude unangebrachter Überlegenheit aufkommen lässt. Da hat einer zwar Systeme und Hacker vorhergesagt, glaubt aber offenbar, dass Walkie-Talkies für die Ewigkeit erfunden wurden. Bitte wer, Walkie-was? Eben.

„Nach der Bombe“ beginnt, wie viele seiner Romane: Man ahnt nichts von Sciecne Fiction. Ein farbiger Handlanger – Dicks Alter Ego – fegt vor dem Gebäude seiner Firma den Gehweg, man repariert und verkauft, hüstel, TV-Geräte. Nun, wie der Titel schon sagt, geht es hier nicht, wie bei van Veen, um Überlegungen vor der Bombe, sondern um solche danach. Und so wie van Veen gegen den Strich bürstete, tut es auch Dick. Denn wir alle kennen wohl Romane oder Filme, die von der Zeit nach dem nuklearen GAU erzählen. Der Ton ist immer gleich: Untergang, Auflösung, das komplette Fiasko, was haben wir Menschen nur falsch gemacht? Dick dreht es um, obschon eigentlich ein dystopischer Autor, sieht er die Bombe, mit der sich die Menschheit fast selbst auslöscht als Chance. Es wäre übertrieben, das Gesellschaftsbild, das Dick in dem Roman zeichnet, als überaus positiv zu glorifizieren. Und doch ist es derart, dass Menschenrechtler wie Naturschützer ihre kleinere Freude daran haben dürften. Und das genau ist das Revolutionäre an diesem Autor: Wo steht denn geschrieben, dass so ein atomarer Erstschlag nur negative Folgen hätte? Dieser Tage sah ich eine Dokumentation zu Steven Spielbergs Blockbuster „E.T.“ (1982). Ein Hauptgrund für dessen Erfolg war, dass Spielberg der Erste war, der sich weigerte, die Landung Außerirdischer mit Tod und Zerstörung in Verbindung zu bringen. Er wagte es, und das ist durchaus revolutionär, einen Außerirdischen kindgerecht zu zeichnen. Das gefiel den Kleinen und ließ die Erwachsenen aufatmen. Letztlich machte Dick knapp 20 Jahre eher schon das Gleiche, nur eben mit der fiesen Bombe.

Doch hinein in die Handlung: So sieht sie nun also aus, die Erde nach dem atomaren Faustschlag. Wir erleben die nahezu perfekte Idylle eines kleinen Dorfes irgendwo in der Provinz. Man könnte sich an der liebevollen Schilderung des Landlebens erwärmen, wären da nicht eben auch die allgegenwärtigen Folgen der radioaktiven Verseuchung …
Zu erkennen beispielsweise an der siebenjährige Edie, die ihren als eine Art subkutanen siamesischen Zwillingsbruder Bill in sich trägt, den niemand außer ihr hören kann. Abgesehen vom Arzt, der merkt, dass da wirklich eine klumpige Lebensform im Bauch des Mädchens steckt, denken alle, die Kleine hat sie einfach nicht, hat sich einen unsichtbaren Freund ersonnen, was in dem Alter ja öfters vorkommt. Doch das stimmt nicht, der ungeborene Bill hockt in ihr drin – und er ist wahrlich nicht gut drauf. Kein Wunder, wenn man nahezu körperlos in tiefster Finsternis feststeckt, so wie er. Sein einziges Talent, die Stimmen von Toten nachzuahmen, ist allerdings ein schwacher Trost dafür, niemals das Licht der Welt erblicken zu können.

Die Spannung, die den Leser „Nach der Bombe“ fast schon manisch durchhecheln lässt, bezieht sich daraus, dass in diesen ersten Jahren nach der Bombe alles noch ungeordnet ist, alle ehedem felsenfesten Hierarchien nichts mehr bedeuten, die Kleinen, die Unbedeutenden, die Diskriminierten und Vernachlässigten plötzlich auch das Sagen haben – neben den ehemals Mächtigen, vornehmlich weiterhin Reichen Grund- oder Fabrikbesitzern. Doch derweil die alte Elite eindimensional und laut auszurechnen wirkt, trägt diese neue Elite eine unheimliche Doppelbödigkeit in sich. Man ist sich, ähnlich wie bei der kleinen Edie, nie ganz sicher, ob sie nicht doch zuvorderst Böses im Schilde führen oder nicht zumindest etwas Unheimliches in petto führen, auf das die ausgemergelte Gesellschaft schlichtweg nicht vorbereitet ist. Zumal auch jener Wissenschaftler, der die Bombe einstmals entwickelte, beschließt sich dort in der Gegend unter falschem Namen als eremitischer Schäfer niederzulassen …

Sicherlich ist der Roman keins der Hauptwerke des Autors. Aber die Zeit der Entstehung (1963) lässt bereits ahnen, dass Dick sich auch hier von seiner besten Seite zeigt: weniger in Hinblick auf versponnen-paranoide Mutmaßungen über die Fragwürdigkeit des Realen als vielmehr im Sinne seiner ungezügelten Fabulierlust vor dem Hintergrund einer ernsthaften Bedrohung der Menschheit und Menschlichkeit.
Eine Satire zweifellos, und wie wohl jede gute Satire lebt auch dieses Buch von der Spannung zwischen unterschwelligem Zynismus und aufrichtigem Interesse der Darstellung. Dies gepaart mit dem Comic-haften Einfallsreichtum des visionären SF-Autors ergibt ein Bild des post-atomaren Lebens, das bei aller Komik verstörender wirkt, als es jeder Versuch einer realistischen Schilderung sein könnte.
Für Fans von Philip K. Dick ohnehin eine Pflichtlektüre. Für alle anderen ein kurzweiliges Lesevergnügen mit Tiefgang.

Zu den misanthropisch-sarkastischen Romanen von David Wonschewski: HIER entlang.

Oder schauen und hören Sie es sich direkt an:

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: