David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit, Teil 19. Heute: Terry Jacks – „Seasons in the Sun“ (1974)

von David Wonschewski

Eine meiner wenigen frühkindlichen Erinnerungen – also alles, was vor dem fünften Lebensjahr geschah – betrifft Musik. Meine Eltern hatten, klar, einen Plattenspieler, ein paar wenige LPs, immerhin ein paar mehr Singles. Letztlich überschaubar und sehr Mainstream. Was in frühem Alter aber bekanntlich nichts Schlimmes ist, muss man doch stets den ersten Schritt gehen, bevor man sich an zweite und dritte Schritte wagen kann. Meine Schwester schwor total auf Costa Coradalis und seine „Anita“, ich auf David Dundas, „Jeans On“. Das gab ein Hauen und ein Stechen im Partykeller, wie das auch so sein muss, wenn es um so bierernste Dinge geht wie eben Popmusik. Dass wir beide heil, zumindest körperlich, aus diesen Konflikten herauskamen war allein Terry Jacks zu verdanken. Und seinem Lied „Seasons in the Sun“. Fanden wir beide knorke.

Und obschon relativ viele Leute die Geschichte hinter diesem Lied längst kennen, musste ich fast 30 Jahre altjung werden, um zu kapieren, dass es sich hier um eine sehr spezielle Art von einem Coversong handelt. Und, oh Pein, ich erfuhr es auch nur durch den Hintereingang, gewissermaßen. Als ich mich für deutschsprachige Liedermacher zu erwärmen begann, 2010 etwa und Klaus Hoffmann für mich entdeckte. Sein Chanson „Adieu Emile“ sofort super fand, aber einfach nicht drauf kam, woher ich den durchaus amüsanten Schinken kenne. Bis mir klar wurde: Das hat der Hoffmann frech von Terry Jacks gemoppst!

Nun, mit dieser steilen These von einem Gedanken lief ich recht lange durch die Gegend. Dass Klaus Hoffmann mit seinem Lied der weltschnellste Fremdliedmoppser der Welt sein musste, um das hinzukriegen, dass da also schon rechnerisch was faul war an meiner Theorie, auf die Idee kam ich nicht. Das raffte ich erst, als ich Hoffmanns CD-Hommage „Klaus Hoffmann sing Brel“ (1997) erwarb und auf den Trichter kam, dass Terry Jacks hier offenbar niemals Pate stand. Sondern „Le Moribond“ – übersetzt gewissermaßen „Der Todgeweihte“, ein Chanson von 1961. Und von eben: Jacques Brel. Okay, typisches Spätgeborenenproblem, es gibt ja auch (kein Witz, selbst oft erlebt!) eine jüngere Generation, die Jahre brauchte, um zu kapieren, dass ABBA nur in zweiter Linie ein Musical oder Film ist, in erster Linie aber eine Band. Dennoch ist mir das derart peinlich, dass ich es nur durch absolute Transparenz zu verarbeiten weiß.

Hört man sich nun das Brel-Original an und das, was Terry Jacks daraus machte, so ist es für mich jedoch weiterhin faszinierend und ein Beweis dafür, dass Coverversionen – so der Künstler eben wirklich was Eigenes draus macht und nicht einfach nur plump einen Hit nachsingt – eine sinnvolle Sache und ein berechtigtes Genre sein können (die Pet Shop Boys-Version des Presley-Klassikers „Always on my Mind“ ist auch so ein sehr gutes Beispiel dafür). Denn machen wir uns nichts vor, selbst wenn man des Französischen nicht mächtig ist, so wird schnell klar, dass Brel hier eine temperamentvolle, offenbar auch pointierte Anklage mehr spielt als singt. Derweil Terry Jacks einfach nur eine Schnulze mit bestenfalls nett hüpfendem Singsang-Refrain draus macht. Beides zündet, auf jeweils eigene Art. Hoffmann ist interessanterweise zwischen beiden platziert, dafür sehr nah am Originaltext. Und an merkt: Das ist keine Schnulze, das ist auch keine weinerliche Nostalgie – das ist makaber, es ist zynisch, fast ätzend auf seine eben pointierte Weise. Brachial zusammengefasst geht es in Brels Chanson um einen alten Kerl, dem alle Menschen, die ihm einst was bedeuteten, nur noch auf den Sack gehen. Hauptsächlich sein bester Freund, der nichts Besseres zu tun hat, seine Frau mit Huren zu betrügen. Er glaubt daher nicht mehr an das honorable menschliche, zumal auch seien eigene Frau fremdgeht, wie er längst mitbekommen hat. Und so ist er froh, wenn er endlich im Sarg liegt und sich den Mist nur noch „von unten“ ansehen muss. Brel schrieb das Lied im Übrigen, als er sich selbst in einem Freudenhaus in Tanger aufhielt. Ha.

Hat Terry Jacks dem Brel Song also die Seele genommen durch seine seichte Version? Mitnichten. Zunächst sollte erwähnt werden, dass es Terry Jacks ähnlich ging wie mir, er kannte das Original gar nicht. Er kannte eine Version vom Kingston Trio aus dem Jahr 1964, die dem Original längst viele Zähne gezogen hatte. Und: Er kam auf die Idee zu „Seasons in the Sun“ als ihm sein eigener bester Freund mitteilte, er sei an Leukämie erkrankt und habe noch sechs Monate zu leben. Dann aber keine vier Monate mehr schaffte. Er erinnerte sich entfernt an dieses Lied, der in die Jahre kommende Kerl, der sich nach und nach von seinen Lieben verabschieden muss – und aus zunehmender Perspektivlosigkeit und auch Einsamkeit wenig noch mit sich anzufangen weiß. Gar nicht einmal so schnulzig.

Besonders interessant: Terry Jacks war gut mit den Beach Boys bekannt, die seine Fähigkeiten als Produzent schätzen, ihn auch manches Mal buchten. Da er gar nicht einmal vorhatte selbst als Sänger zu reüssieren, bot er „Seasons in the Sun“ daher den Kaliforniern an, es kam auch zu Studioaufnahmen. Dass es kein Beach Boys-Song wurde, lag an deren Mastermind Brian Wilson, der bekanntlich zwischen Genie und Wahnsinn pendelte wie kaum ein anderer, dadurch zum freakigen Perfektionisten wurde. Monatelang fitzelte er an dem Lied herum, liess es dann wieder wochenlang liegen, ging Terry Jacks hiermit und damit auf den Zünder bis dieser, wie er später sagte, fast einen Nervenzusammenbruch bekam wegen der Nummer. Also machte er es selbst und allein – im Hintergrund, als backing vocal, ist allerdings noch Al Jardine von den Beach Boys zu hören. Fragt mich bitte nicht wo, ich erkenne Al Jardine auf 50 Kilometer, höre aber irgendwie nur Frauensirenen ihr Aaaaaaah und Uuuuh abziehen.

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Oder lesen Sie auch die Hintergrundgeschichte zu:

Kansas – „Dust in the Wind“. Und zwar: HIER.

Kate Bush – „Wuthering Heights“. HIER.

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