David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Männer, die auf Abtreibungen starren / Teil I. Einlassungen zu meinem neuen Romanmanuskript: „Franziska. Einladung zum Totschlag.“ (erscheint Ende 2023/ Anfang 2024)

von David Wonschewski

Zugegeben, der Titel dieses Beitrags tut (auch) mir schon beim Lesen weh: „Männer, die auf Abtreibungen starren“. Haben wir das nicht irgendwie weicher da, netter? Nein, selbstverständlich haben wir das nicht. Und wenn selbst ich, als eher schwangerschaftsunverdächtiger, wahrlich action- und splatterfilmgestählter Mann das so empfinde, ja, wie mag es da Frauen gehen bei dem Thema? Bleibt also so, der Titel.

Ab und an, Autoren kennen das, gibt es eine seltsame Koinzidenz von Themen. Als ich das Grundthema meines neuen Romans, der „Franziska“ fand, nicht zuletzt in Ansätzen, als etwas absurde Randnotiz in meiner eigenen Vita, war das Thema Abtreibung zwar der gleiche Dauerbrenner, der es letztlich seit Jahrhunderten schon ist. Aber es war verschwunden aus der Tagespolitik. Als ich vor einigen Monaten in den letzten Zügen, am Feinschiff saß, purzelten die aktuellen Ereignisse aber nur so zum Fenster rein. Erst verschärften die Polen, dann die US-Amerikaner ihr Rechtssystem, nebenbei bekam hierzulande die Ärztin Kristina Hänel, die auf ihrer Website (damals noch rechtswidrig) über Schwangerschaftsabbrüche informieren wollte: gottlob recht. Und ich blickte auf „meine Franziska“ und dachte: uff. Ich habe über Depression, Stalking, Suizidgedanken und Krebstod geschrieben, alles quasi kein Problem, hau raus den Text. Aber ein männlicher Autor, der anno 2023 das Thema Abtreibung auf letztlich auch männliche Weise einmal durchdekliniert, da kam doch ein wenig Angst vor der eigenen Courage auf. Noch nicht einmal im Lektorat erschien und erscheint mir das Votum längst klar. Frei nach dem ehemaligen Bayerntrainer Trapattoni lautet es: Was erlaube Wonschewski… Wonschewski hat geschrieben wie Flasche leer! Denn die Frage steht, durchaus berechtigt, im Raum: Muss das wirklich sein, dass Männer sich zu dem Thema auch noch äußern? Und wie kommen Kerle überhaupt darauf, dass sie da überhaupt mitreden können?

Ich las vor wenigen Monaten ein sehr tolles Interview mit einer feministischen Literatin, mittlerweile weit über 80 Jahre alt. Ich kannte sie gar nicht und habe – typisch! – den Namen auch wieder vergessen. War aber angetan, denn diese Grande Dame feministischer Theorie argumentierte und redete auch so, wie eine Grande Dame eben. Polarisierte nicht, öffnete nicht das übliche Opfer-Täter-Schema, nutzte nicht einmal die mittlerweile so verdammt leeren Begriffe „Patriarchat“ oder „Privilegien“. Sie erwies sich als weise, schlau, rhetorisch begabt, kurzum: eine Intellektuelle, der auch Mann gerne zuhört.Wenn da nicht mittendrin dieser eine Satz gewesen wäre. Als diese so kluge Frau, dementsprechend befragt, quasi zu Protokoll gab, ihr wäre nicht bekannt, dass eine Abtreibung je irgendeine Auswirkung auf das Leben eines Mannes gehabt hätte, Männer seien befreit von dieser Last und sollten daher bitte auch nicht gefragt werden zu dem Thema. Denn das sei wirklich übergriffig, sich in Dinge einmischen, die einen nullkommanull angehen. Mir klappt selten die Kinnlade herunter beim Lesen, da aber geschah es. Vermutlich, weil diese Obercheckerin von einer sanften Intellektuellen hier plötzlich so redete wie jene Feministinnen, deren Rufe nach Gleichheit von lupenreinem Opportunismus kaum noch zu unterscheiden sind.

Kurzum: Ich nahm das Argument, Männer sollten bei dem Thema lieber „den Rand“ halten, zum ersten Mal ernst. Wenn sogar diese Frau das meint, nicht nur ein paar radikaltraumatisierte Opportunistinnen in Feminismusverkleidung – wie viele Frauen denken wohl so? Klar, den Rand halten, kann man machen, wenn man persönlich, zumindest aktuell, nicht betroffen ist und in der Öffentlichkeit gut dastehen möchte.Wird nur schwierig, wenn „die Franziska“ fertig geschrieben auf dem Laptop hockt, der Verlag Bescheid weiß – und man doch so gerne in die Phalanx wirklich mutiger Autoren aufschließen würde. Was nur funktioniert, wenn man seine wirkliche Meinung zu dem Thema preisgibt. Auch wenn die momentan wenig angesagt ist, zwangsläufig auch männlich, was auch sonst.

Nein, keine Sorge, so bedeutungsschwa…ehm….bedeutungsschwägerhaft sich das nun liest, die „Franziska“ wird weder erzkatholisch noch medizinisch, eindimensional maskulin und stammhalterhaft schon mal gar nicht. Es geht eher um erwachsene Männer und Frauen in erwachsenen Beziehungen, mit aber wohl letztlich kindlichen Sehnsüchten rund ums Ankommen, ums Leben, Lieben sowieso. Und ein wenig auch um Fortpflanzung. Von Frauen, die Karriere machen und Männern, die sich einer solchen verweigern. Dem stetigen sich Reiben linkspolitischer Ideale an diesem verworrenen Traum aus Kind, Heim, Herd.

Teil II dieses Beitrags zu eben diesem Thema folgt…

Über die Nerven zermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“, „Zerteiltes Leid“ und „Blaues Blut“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Artikelfoto oben: Masha Potempa

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Januar 2023 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , .
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