David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Bürogemeinschaft tut’s auch. Soeben ausgelesen: Jarvis Cocker – „Good Pop Bad Pop“ (2022)

von David Wonschewski

Nachdem ich zuletzt einige sehr gelungene Musiker- (bzw. musikaffine) Biografien las (u.a. Bryan Ferry, Mark Lanegan, John Lydon, The Kinks, The Who, Bernard Sumner, Peter Hook, Alan McGee, John Peel) war ich mir sicher mit der Lebensbetrachtung von Pulp-Frontmann Jarvis Cocker das Prunkstück dieser illustren Sammlung erworben zu haben. Haderte dann meine zehn bis fünfzehn Seiten mit dem vom Briten gewählten Konzept, erachtete es als das leider mieseste, um eine Biografie aufzuziehen. Um dann zu erkennen, dass es doch das Beste und Faszinierendste ist. Sich dem eigenen Leben anzunähern wie er es macht in „Good Pop Bad Pop“.

Doch beginnen wir vorne: Mit „Nevermind“, dem Grunge-Urschrei von Nirvana, fing der ganze Optikdreck auch für mich an. 1991 erschien das Album, ich war 14 Jahre alt. Und jeder Junge der Gegend, der was auf sich hielt – also cool sein wollte – änderte binnen weniger Wochen seinen Look. Lange Haare, Holzfällerhemd, Vans-Schuhe an den Füßen, man kennt es, die gähnend öde Uniform der ach wie Individuellen. Binnen kürzester Zeit sahen nahezu alle Jungkerle also gleich aus, verkauften es aber als Statement gegen Massenwahn, als das große Contra, die ehrliche und mutige Gegenbewegung. Gegenbewegung zu was? Egal, System, Strukturen, „die da oben“. Die Argumentationen so fahrig wie das Äußere. Einer der wenigen, die nicht einmal den Versuch unternahmen optisch mitzuziehen, war ich. Okay, das hatte zunächst den Grund, dass ich auf Wunsch meiner Mutter meine gesamte Kindheit hindurch relativ lange Haare tragen musste und Freiheit mitsamt Rebellion für mich eben leider bedeutete, ab der Pubertät endlich kurze Haare tragen zu dürfen. Auch sehen lange Haare bei mir kein Stück verwegen aus, ich werde einfach nur auf einen Schlag deutlich hässlicher. Der Beach Boys-Heroe Brian Wilson machte für seine „Pet Sounds“ (1966) einen tollen Song aus diesem und für dieses Gefühl: „I just wasn’t made for these times“.

Doch das war nicht alles. Ich erinnere mich, dass ich dieses ganze optische Grunge-Geiere auch deswegen nicht mitgehen konnte, weil ich nicht verstand, wo denn da das Subversive ist, wenn es jeder Fatzke macht. Zumal in der bundesrepublikanischen Provinz. Da macht doch das Schaf den Hirten zum, ehm, Schaf! Ich will nicht so postheroisch tun, aber in jenen Jahren wacker weiter als StiNo (stinknormal) herumzulaufen, doch, das war weitaus mutiger und mehr Statement als lange Haare und Holzfällerhemd je sein konnten. Auch wenn natürlich niemand mitbekam, dass ich quasi die Subversion unterwanderte, schon gar nicht die Mädchen. War wohl irgendwie der entscheidende Dreh zu viel, um gut anzukommen. Als ich viele Jahre später erstmalig das 1995er-Lied „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ von Tocotronic hörte, doch, da musste ich mich totlachen. Was hätte ich den Song schon 1991 gut gebrauchen können. Denn dass man in einer Welt aus Möchtergern-Cobainianern als Otto-Normaler der wirklich Subversive, der wirklich Widerständige ist, nein, das kriegt man in dem Alter kaum kommuniziert. Ja ja, ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein und so. Tocotronic wussten schon früh, wie man auf den Punkt formuliert – und sogar Fans generiert damit.

Mal eben reinhören? Sonst unter dem Clip weiter…

Nun könnte man meinen, das sei halt so unter Teenagern, das mache jeder in dieser Lebensphase auf diese oder jene Art mit, sei doch ganz amüsant, so in der Rückschau, Identitätsfindung et cetera. Pustekuchen. Letztlich tauchte dieses seltsame Phänomen in unterschiedlichen Ausprägungen bis in meine mittleren Dreißiger immer wieder auf. In einer Radioredaktion, in der ich mit 28 Jahren arbeitete, waren eine ziemlich lange Zeit alle scharf auf Shirts und Pullover von Abercrombie & Fitch und Hollister. Die rannten im Grunde in gar nichts anderem herum. Wann immer ein Kollege rüber in die USA flog, durfte er kofferweise Zeug dieser Marken für die halbe Mitarbeiterschaft mit zurückbringen. Nur, wir ahnen es, für mich nicht. Ich wollte nichts haben und brachte auch niemandem was mit. Ich fliege doch nicht beruflich für zwei Tage nach New York oder L.A. und hampel die wenige Freizeit, die ich dort habe, in Klamottenläden herum! (rief ich manchesmal zürnend, betont unlocker aus). Ich bin doch nicht bekloppt, ich bin doch kein Opfer! Ich bin das wahre Contra!! (Okay, das auszurufen traute ich mich nicht, denn auch ich, ehm, möchte Teil einer Bürogemeinschaft sein …)

Wir ahnen das Ergebnis, die Meinung der ach wie trendig-subversiven Masse: Ich sei der einzige, der sich wirklich kein Stück für hippe Klamotten interessiere. Und man fragte sich und mich, mal ketzerisch, mal wirklich besorgt, ob mir der Mut fehle mehr aus mir zu machen. Wenn ich es mir recht überlege, war es wohl diese Hartnäckigkeit der Verseuchten (brüll), der Korrumpierten (schrei), die mir irgendwann das Gefühl gaben, eine Therapie anfangen zu müssen. Was ja so falsch gedacht nicht ist, denn hätte ich den Charakter gehabt Grunge zu werden oder Hollister zu tragen, vermutlich wäre ich längst verheiratet, mit Kind, Eigenheim etc. Was Otto-Normale halt so machen, wenn Kinderkarneval vorbei ist, was aus den Coolen von damals halt landläufig so wird mit den Jahren.

Später dann, mit 34, war ich Musikchef in einer anderen Abteilung, „unter mir“ hatte ich unter anderem einen langhaarigen Heavy Metal-Fan und einen Hip-Hop-Spezialisten, beide klamotten- und frisurentechnisch jeweils voll auf der Höhe ihres Styles. Dummerweise war ich ihr Vorgesetzter, als sie mich also das Ewigliche fragten, nämlich: Warum ich mich für die Optikvariante „boooring“ entschieden hätte, ja ob ich denn nie nie nie einer Szene angehört habe. Zumal ich charakterlich gar nicht so wirke wie ich, hüstel aussehe. Wir ahnen es, auch da sagte ich nicht alles, was mir durch den Kopf ging. Beließ es bei einem lapidaren: „a) Variante boring, weil ich keine gottverdammten 12 Jahre alt mehr bin und b) nein, keiner Szene je angehört, weil mein Ego und meine Eier stets groß genug waren, als dass ich mit so einem Schwachsinn irgendwas hätte aufpimpen müssen. Außerdem, fügte ich noch an, bringe ich keine Platten raus, was soll ich mich also verkleiden als einer, der so etwas tut? Auch eine Form kultureller Aneignung oder wie das heute modern so fesch heißt. So.

Und so ganz hört es bis heute nicht auf. Ich nehme sehr wohl wahr, dass ich auf den Konzerten, zu denen ich gehe, total edgy rüberkomme. Weil ich keine tätowierten Unterarme habe, keinen Hipster-Vollbart, keinen Tunnel im Ohr. Ich aussehe wie einer, der auch Versicherungen verticken könnte. Warum Scharen von Menschen versuchen auszusehen wie ihre Musikstars, ich aber derjenige bin, der freiwillig in die Psychosprechstunde eiert, nein, das habe ich bis heute ebenfalls nicht kapiert. Je mehr ich darüber nachdenke, desto verdrehter erscheint es mir. Die Normalen sind die offenbar die wirklich Subversiven. Und die vermeintlich Irren die eigentlich Normalen. Der Autor Manfred Lütz hat recht – wir therapieren seit Jahrzehnten die Falschen.

Doch genug davon, hört ja doch wieder nur der Pudding mein Weinen. Dass ich dieses optische StiNo-Anti-Statement irgendwann mit einigem Selbstbewusstsein, ja sogar Stolz vertreten konnte, das habe ich einem Mann zu verdanken: Jarvis Cocker. Der, wie ich nach der Lektüre seiner Biografie nunmehr weiß, es seinerseits einem anderen Mann zu verdanken hat: Mark E. Smith, Frontmann der Post Punk-Mitinitiatoren von The Fall. Fragen mich Musikfreaks meiner Generation, ob ich während des Abiturs in den mittleren 90er-Jahren mehr so Team Gallagher oder doch eher Team Albarn war – also Oasis oder Blur – antworte ich stets: Team Jarvis! Ergo Pulp. Denn so sehr ich mich bis heute für Blur und Oasis begeistern kann, meine Adoleszenz veredelt (sage ich) oder auch für alle Zeit versaut hat der Mann aus Sheffield. Was insofern interessant ist, da auch Leute meiner Generation nicht allzu häufig was mit dem Namen Jarvis Cocker anfangen können. Ich weiß noch, wie ich ihn zum ersten Mal auf der Mattscheibe sah, damals, und gleich fasziniert war. Warum und wovon vermochte ich zunächst gar nicht zu sagen, rannte der Kerl doch in Anzügen von der Stange durch die Gegend, sah durchaus ein wenig lässig, aber eben kein Stück cool aus dabei. Eher semi-nerdig, dazu noch mit diesem Kassengestell von einer Brille auf der Nase (von der ich nun erst weiß, dass sie dereinst tatsächlich jedes sehschwache britische Kind umsonst von der Kasse bekam und Cocker sie in jenem Moment zu seinem Markenzeichen machte, als er sah, dass auch eines seiner frühen Idole, Elvis Costello, das gleiche Fabrikat via Understatement zum Kult erhob). Der Mann ist also eine bewusst und geplant aufgesetzte Mischung aus Costello und Mark. E. Smith. Weniger authentisch geht kaum, könnte man meinen. Und hat damit sogar recht. Das ist ja das Wunderbare an ihm! Das gibt er selbst einige Male unumwunden zu in dieser Biografie, stellvertretend sei die Anekdote erwähnt, wie sich sein Kindheitstraum – ein Auftritt in der legendären BBC-Show Top of the Pops – erfüllte. Es waren jene Jahre, die Nirvana und Clapton mit ihren Unplugged-Großtaten prägten und es zum guten Ton gehörte, in TV-Shows möglichst live zu performen, weil echt, weil real, weil credible. Nicht mit Jarvis, er bestand auf Vollplayback, die ganze Soße sollte bitte vom Band kommen. Aber nicht, weil er gegen den Zeitgeist schwimmen wollte. Sondern weil er die Show aus seiner Kindheit in den 70er-Jahren kannte und liebte, Playback damals normal war. Bei Top of the Pops live zu spielen, bekennt er, hätte sich einfach falsch angefühlt. Authentisch ist für ihn im Fernsehen nur so zu tun, als ob man wirklich musiziere, singe.

Es dauerte seine Zeit bis ich raffte, dass er der für mich erste sichtbare Musiker war, der genau das zur Kunstform erhob, was ich zuvor eher schlecht als recht und bestenfalls in Ansätzen aufrichtig getan hatte. Mit seinen aus meiner Sicht charismatischen Auftritten erklärte er cool zum neuen feige, verpasste seit jeher kapriziösen Rockstaroutfits jeglicher Art einen kräftigen Tritt ins Hinterteil, entlarvte auf seine Art das Schmalbrüstig-Uniforme im angeblich Individuell-Subversiven. Doch nicht nur das: Auch in den Songs des Meilenstein-Albums „A Different Class“ (1995) nahm er eine Erzählposition ein, in der ich mich zum ersten Mal persönlich wiederfand. Und die ich in meinen eigenen Romanen – allen zuvorderst „Zerteiltes Leid“ (2015) / mehr Infos zum Roman HIER – später einflocht. Es war die Sicht des durchschnittlichen jungen Mannes, untere Mittelschicht par excellence, ausgestattet mit vielen Träumen und Sehnsüchten, für die er einfach nicht gemacht, die er niemals wird erfüllen oder erreichen können. Der leicht abnorme, letztlich aber ungefährliche Stalker von nebenan, über den man sich eher amüsiert als dass Frau sich vor ihm wirklich ängstigen müsste, er ist der Protagonist vieler verzweifelt-schöner Pulpsongs. Wie der Typ im Hit „Common People“, der das Interesse einer schönen Kommilitonin aus bestem sehr begütertem Hause weckt, die sich aber nur deswegen für ihn interessiert, um mal zu sehen, wie sich normale middle class-Menschen so fühlen, sich suhlt an seiner drögen Alltäglichkeit, diesen traumunkompatiblem Tagesnöten. Oder der Single-Hit „Disco 2000“, das vielleicht schönste unballadeske und dabei komplett schmalzfreie Liebeslied einer vergeblichen Sehnsucht nach einer unerreichbaren Mitschülerin, das mir je zu Ohren kam.

In „Good Pop Bad Pop“ macht Cocker zunächst das, was man von ihm erwartet. Er redet frei von der Leber weg. Das Schöne daran: Er geizt nicht mit Bekenntnissen, die seinen deutlichen Hang zur Manieriertheit hervortreten lassen. So lässt er uns einen Blick in sein „Pulp-Manifest“ werfen, das er als Teenager schrieb, im Grunde eine Art selbstverliebter Masterplan. Es gab noch keine Band, Songs auch nicht, ja Jarvis hatte nicht einmal angefangen ein Instrument zu üben. Käste sich aber mitsamt vielen Zeichnungen und Schaubildern darüber aus, wie die Attitüde von Pulp ist, welche Klamotten sie tragen und welchen großen Nutzen sie für die Menschheit haben werden. Auch wenn es sich bei Pulp um keine Castingband handelt, so gibt Cocker zu, dass er sie in Ansätzen am Reißbrett erstellt hat. Und siehe oben: Auch hier gerät der Plastikansatz zum wirklich Authentischen. Denn seien wir ehrlich: Der Unterschied zwischen uns und Jarvis ist lediglich der, dass er seine Sehnsüchte von baldiger Berühmtheit so akribisch festgehalten hat. Wobei auch das so nicht stimmt, denn berühmt wollte er nur in zweiter Linie werden, Berühtmheit war für den kleinen Jarvis nur Mittel zum Zweck. Was er wirklich wollte ist: ins Fernsehen. Und das nicht im übertragenen Übertragungssinne, nein, das ist körperlich zu verstehen. Seine Eltern reglementierten seinen TV-Konsum streng, was ihn, wie es so läuft, zum TV-Junkie werden ließ. Im Fernsehen, also im Gerät, da fand das echte, das wirklich erstrebenswerte Leben statt. Er wollte da hineinkriechen, drin sein, in der Glotze leben. Dafür musste man aber eben berühmt werden, sonst bleibt man immer nur davor hängen. Wer sich ein wenig mit Pulp auskennt, versteht nun, warum das TV-Gerät so oft auftaucht, oftmals mit einem Jarvis der da rausschaut, in Clips, bei Auftritten, allüberall.

Das Buchkonzept, das mir auf den ersten Seiten ein wenig übel aufstieß, geht so: Jarvis ist einer jener Menschen, die mit Veränderungen nicht klarkommen. Kein Messie, aber wegwerfen ist schwierig. Wenn eine Firma ankündigt, dass ihr Produkt ein neues Layout kriegt, rennt er durch die Stadt und kauft Restbestände der alten Versionen auf. Sogar, wenn er dieses Produkt nicht nutzt. Und so hat er über 20 Jahre hinweg Zeug angesammelt, oben, in so einem Dacherker. Und holt nun, scheinbar per Zufall, ein Utensil nach dem anderen heraus, lässt uns mit ihm entscheiden: weg oder behalten? Denn eine Zivilisation, sagt er, erkennt man nicht an den Dingen, die sie für die Ewigkeit geschaffen hat, sondern an den Dingen, die sie erschafft und umgehend wegwirft. Die schnöden Artikel des Alltags – Good Pop oder Bad Pop? Das Konzept funktioniert nicht sofort, was eventuell auch daran liegt, dass es britische Produkte sind, die er da hervorzieht, sodass wir hierzulande so gar kein Aha-Erlebnis haben, schlecht nostalgisch werden können.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass dieses Buch wahnsinnig liebevoll gemacht ist. Klingt wie Floskel, stimmt aber. Das kann man nicht beschreiben – es sei denn dadurch, wie es nicht ist. Es gibt nicht diesen üblichen Mittelteil mit 48 Fotos, die den Protagonisten im Alter von 6 bis 56 zeigen. Fotos von Jarvis in diversen Lebensphasen sind zwar da, aber nicht die Hauptsache. Das Kaugummi von 1964 ist es, das Comicheft von 1970, der Pullover von 1976.

Es dauert ein wenig, aber schnell wird Cockers Idee zum Triumph, denn er erzählt nicht komplett linear, wie man es gewohnt ist zu derlei Anlässen, sondern eben anhand von Relikten. Die manchmal, oft, mehr über eine Jugend in den westeuropäischen 70ern und 80ern verraten als denn eine Stargeschichte zu erzählen. Auf seine manierite Art holt er sich damit selbst vom Sockel. Oder: zieht sich aus der TV-Glotze, macht sich wieder zum Zuschauer, Betrachter seiner eigenen Show. Anders als viele Rockstars es tun, gibt sich Cocker dadurch schnell als – auch daher der Titel – „Pop-Opfer“ zu erkennen. Hier gerate ich nun ins Spoilern, denn Cocker ist voll von Anekdoten und Anekdötchen. Die er serviert wie Pointen und die deswegen so zünden, weil er eben nie den Rebell mimte. Beispielsweise verwendet er viele interessante Gedanken darauf zu erklären, was es bedeutet als Künstler auf der Bühne zu stehen. Er lässt uns teilhaben an seiner Vorliebe für Mikros mit langem Kabel, erläutert – nicht technisch, sondern menschlich – die vielen Vorteile, warnt aber davor sich „am Daltrey“ zu verheben. Fans von The Who wissen Bescheid, der Sänger hat eine unnachahmliche Art sein Mikro wie ein Lasso über dem Kopf kreisen zu lassen und elegant wieder einzuholen. Sieht simpel aus, ist aber höchste Fingerfertigkeit, wie Cocker sehr amüsant beschreibt. Sagen wir mal so: vom Mikro über Boxen bis hin zu Zuschauerschädelplatten geht bei der Nummer bei allen, die es nach Daltrey je versuchten, auch so ziemlich alles zu Bruch. Ganz zu schweigen davon, dass man seinen Ruf als coole Sau daraufhin erst einmal auf Jahre vergessen kann.

Oder jener frühe Pulp-Auftritt, Anfang 1980, als seine Gitarre plötzlich ausfiel, die er doch eh kaum beherrschte. Kein Ton kam mehr aus dem Mistding. Das war ihm derart peinlich vor den 24 zahlenden Zuschauern, dass er sich auf den Boden warf und weinte, auf die Gitarre einschlug. Er wusste in jenem Moment, seine Karriere, da war er gerade 16, ist vorbei. Sein ganzes Wissen um seine fachliche Unzulänglichkeit brach sich Bahn, er heulte, schlug um sich, live. Doch als er sich beruhigt hatte und aufstand: klatschten alle, jubelten ihm johlend zu. Fast schon vergessen jener Moment kurz zuvor, als der pubertär-unerfahrene Pulp-Bassist beim Versuch, das technische Rückkopplungsproblem seines Instruments zu beheben, sich langsam von der Technik weg rückwärts bewegte. Keine Ahnung, ob das helfen kann, was helfen würde, wären definitiv Augen im Rücken. Hatte er aber nicht, also purzelte er hintenüber mitsamt Bass von der Bühne bei der Aktion. Und die lokale Indiepresse jubelte: So viel Authentizität habe man selten gesehen, mit der Band sei zu rechnen. Jarvis erwähnt auch seinen Mathelehrer, ein Pink Floyd-Fan, der ihm nach einem anderen vermurksten Auftritt in der Aula sagte: vergiss nicht, wenn du unbekannt bist – weiß keiner, wie es gut oder richtig hätte klingen sollen. Das mit der Unbekanntheit war dann zwar schnell vorbei, zumindest auf regionaler Ebene, doch auch das stützt den Buchtitel und ist eine Lehre, die er seitdem befolgt: Egal welcher Mist dir widerfährt, welche Peinlichkeiten du vollbringst, in welches Chaos du kopfüber stürzt, behalte deine Gesichtszüge im Griff. Tu einfach so als wäre das alles exakt so gewollt, exakt so geplant gewesen. Es ist eh alles eine Show, du bist eine Show. Zum Teufel also mit der Authentizität, die seit jeher nichts anderes als ein Märchen ist, vor allem für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Ehrlichkeit im Pop bedeutet also: sich seiner Künstlichkeit zu stellen.

Weit über die erste Hälfte widmen sich Pulps frühen Sheffielder Jahre, bevor sie sie mittels „John Peels Radioshow“ von einem mittleren regionalen Act zu einem kleineren landesweiten wurden – auch wenn es bis zum richtigen Durchbruch im Fahrwasser von Blur und Konsorten noch eine ungehörig lange Zeit dauern sollte daraufhin. Unnötig zu erwähnen, dass Jarvis Cocker sich John Peel fast schon die Füße werfen musste, um ihm sein erstes Demotape aufzuhalsen. Der Indie-Meister aber nah es, versprach es sich direkt im Auto anzuhören. Und hielt Wort. Frühe Erinnerungen an Peinlichkeiten und ein Scheitern, das das nächste jagte, dazu das Quäntchen Glück, dass alle großen Band zu einem frühen Zeitpunkt einmal hatten – alles von Cocker derart locker und amüsant aufgetischt, dass man sich hinter dem eigenen Grinsen doch fragt, warum sich junge Menschen diese besonders zähe Form der Entblößung bis heute so gerne antun.

Was offenbar wird, ist Cockers etwas bizarre Ambivalenz. Gleich mehrfach hebt er die Vorteile hervor, die es hat, wenn man, wie er es viele Jahre tat, seine Klamotten Second Hand oder auf Flohmärkten kauft. Um im übernächsten der guten alten Plastiktasche aus dem Supermarkt hinterherzutrauern, die er bis heute sammelt, so gut noch möglich. Weil sie mit ihren vielen temporären Gestaltungsmöglichkeiten lebte – ganz im Gegenteil zu diesen modernen, zwar nachhaltigen, aber eben seelenlosen Dauerbags, die man einmal kauft und dann auf Jahre nutzen kann. Good Pop Bad Pop eben. Auch, dass der „Indieboy“ Disco liebt, die Beatles sowieso, passt zunehmend besser ist Gesamtbild. Die Beatles waren Mainstream und Kommerz, zugleich kapitalismuskritische Neudenker und querdenkende Musikwegbereiter. Und Disco, auch in seinen damaligen Kreisen schon verschriene als billig, plump, Plastik eben? Cocker gesteht, dass gerade er, mit seinem großen schlaksigen Körper, tanzbarer Diskothekenmusik viel zu verdanken hat. Es war eben nicht die durchaus heiß geliebte Indiemukke seiner Sheffielder Nachbarn von Cabaret Voltaire, es waren auch nicht Bauhaus, die ihm beibrachten sich in der Öffentlichkeit und vor Leuten zu bewegen, ja sich mittels Musik selbst zu spüren. Das vollbrachte Discomusik, die er sich jahrelang auf Dancefloors reinzog. Als er einfach nicht vom Fleck kam, von „Stütze“ lebte.

Für die fortgeschrittenen Poptheoretiker unter uns: Ja, auch Cocker benennt jenen Wendepunkt Ende der 80er-Jahre. Als Pop nicht länger für populär zu stehen begann, sondern zunehmend für populistisch. Sich die Möglichkeiten als er kommerziell erfolgreicher Künstler subversiv zu agieren beschränkten, der Kommerz aber lernte, das Subversive für sich zu nutzen. Eine paradoxe Umkehrung, unter der wir mitunter bis heute zu knacken haben, nicht nur was Musik betrifft.

Ja, wir erfahren viel über die düsteren Lebensverhältnisse im von Margaret Thatcher geprägten Sheffield der 80er-Jahre, wir erfahren viel über die Lebensphilosophie des Jarvis Cocker, die der Künstlichkeit einen gleichberechtigten Platz neben dem Künstlerischen einräumt – und wir erfahren einiges über Musiker, die ihn prägten, beginnend bei The Velvet Underground und Scott Walker bis hin zu Barry White, Julian Cope und Leonard Cohen. Wir erfahren nahezu nichts über: seine Lieder und die Zeit ab Mitte der 90er-Jahre, die Namen Blur und Oasis fallen kein einziges Mal, auch den Begriff „Britpop“ umschifft er großräumig. Warum er nichts über seine Lieder erzählt er, Leonard Cohen hat ihn davor gewarnt das jemals zu tun, sei das doch wie ein Zauberer, der nach jeder Show dem Publikum seine Tricks verrät. Warum er nicht über die wirklich erfolgreiche Zeit von Pulp spricht, nun, da können wir nur mutmaßen. Entweder ist er der Meinung, dass über eine Zeit, die mehr oder minder vor der Weltöffentlichkeit stattfand, nichts mehr gesagt werden muss. Oder aber, das Buch endet ein wenig abrupt: Wir können uns auf einen zweiten Teil freuen.

Eine tolle Biografie (früher Jahre), leicht zu lesen, in kleinerem Maße philosophisch, oftmals witzig, nicht selten haarsträubend. Kann „Good Pop Bad Pop“ also weg oder behalten wir es? Wir behalten, definitiv.

Zu den misanthropisch-sarkastischen Romanen von David Wonschewski: HIER entlang.

Oder schauen und hören Sie es sich direkt an:

Ein Kommentar zu “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Bürogemeinschaft tut’s auch. Soeben ausgelesen: Jarvis Cocker – „Good Pop Bad Pop“ (2022)

  1. Marlene Beilharz
    12. Januar 2023

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Januar 2023 von in 2022, 5 Sterne, Cocker, Jarvis, Musikrezensionen, Nachrichten, Sachbücher | Biografien und getaggt mit , , , , , .
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