David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Keine Suizide mehr. Oder: I prefer not to. Auszug aus meinem aktuellen Roman „Blaues Blut“.

Blauweb

karte5

Der vieldiskutierte schwarzhumorige Aussteigerroman „Blaues Blut“ von David Wonschewski ist am 28. März 2022 erschienen. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

„Na wer wird denn gleich weinen?“ – erste Rezensionen aus Presse & Funk sieht man: HIER.

Brutal ehrliche Leserkritiken gibt es: HIER.

„Du verlässt deine Wohnung nicht mehr. Hockst mit angezogenen Knien auf deiner Matratze, entscheidest dich gegen eine Zigarette, entscheidest dich gegen einen Kaffee, entscheidest dich gegen ein Buch. Entscheidest dich dazu, keine Entscheidungen mehr zu treffen. Zu einem entscheidungslosen Menschen zu werden. Aufzubegehren gegen diesen allgegenwärtigen Aufruf zur Entschiedenheit, diese allgegenwärtig propagierte Entschlussfreude. Feste treten sollte man alle die, die fest etwas vertreten, beständig für etwas eintreten. Sie sind die wahren Zerstörer, die wirklichen Zersetzer. Die Welt krankt an plakativem Anstand. Und sie verreckt an polarisierender Aufrichtigkeit.

I prefer not to, sagte Melvilles Bartleby, der Schreiber. Und wie richtig er doch lag damit.

Denn auch Du magst kein Aufhebens mehr machen. Nicht um andere. Und schon gar nicht um dich selbst, deine viel zu vielen Worte, deine viel zu langen Sätze. Deine Adjektive, deine Prädikate, das unweigerliche Subjekt – du möchtest das alles loswerden, es ein für alle Mal streichen aus deiner Grammatik. Willst niemand mehr sein und nichts mehr tun. Nicht mehr teilnehmen an deinem eigenen Leben. Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon. Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär. Was du anstrebst ist: Gedankenlosigkeit. Wonach du dich sehnst ist: Stumpfheit. Ist: beglückende Lethargie.

So, überlegst du, könnte es gehen. So, denkst du, könnte es sich leben lassen. Nein, du solltest nicht mehr unter Menschen gehen. Solltest aufhören dich beständig mit wem zu treffen, dich mit wem zu beschäftigen, mit diesem und jenem zu reden. Um nur diesem menschlichen Urzustand, der Langeweile entgehen, fortwährende Zerstreuung finden zu können. Unehrlich erscheinen dir jene, die permanent Gesellschaft suchen mit einem Mal. Unaufrichtig. Heuchlerisch. Betrügerisch.“

„Na wer wird denn gleich weinen?“ – erste Rezensionen aus Presse & Funk sieht man: HIER.

Brutal ehrliche Leserkritiken gibt es: HIER.

Wer das Buch direkt bei mir bestellen möchte, da es sie oder ihn zu Signatur und persönlicher Widmung sowie Unterstützung brotloser Kunst zieht – sende mir einfach eine kurze Nachricht: HIER.

Ein schmuckes Trailervideo hier:

Wem der Sinn nach ähnlichen frohlockigen Gedanken steht, dem seien auch meine Romane „Schwarzer Frost“ und „Zerteiltes Leid“ ans wankende Gemüt gelegt. Mehr Informationen gibt es: HIER.

5 Kommentare zu “Keine Suizide mehr. Oder: I prefer not to. Auszug aus meinem aktuellen Roman „Blaues Blut“.

  1. Von Depressionen und Suizid

    Leben wir nicht alle mit unseren kleinen und großen Depressionen? Die Depression mit Suizidfolge, die will nur ihre Nachbarn und Angehörigen nicht belasten. Die kluge Depression will gerade und besonders ihre Nachbarn und Angehörigen belasten, sie nervt sie und ist auf Krach gebürstet. Ärger und Streit gehören zu ihrem Alltag. Welche Depression ist nun besser? Der Selbstmörder auf der Straße und auf der Bahn macht nur Dreck, den Andere, nicht Beteiligte wegmachen müssen. Von der Sauberkolonne die hier die schmutzige Arbeit hat spricht keiner. Die erste Pflicht ist doch, wie wir es erreichen, das werde andere Menschen geschädigt, wie beim Amoklauf, noch andere Menschen belastet, wie die Säuberungskolonne, werden. Und dann geht es um Reden. Wo sind denn die Psychologen die ihre Ideen verkaufen, wenn sie gebraucht werden? Diese müssten rund um die Uhr, Tag und Nacht und selbst bei ihrer eigenen Hochzeit für den Patienten erreichbar sein. Alles andere Gerede ist Heuchelei. Es geht doch hier nur um Medikament, Therapien und leeres Gerede zu vermarkten. Wenn einer eine Depression hat ist er doch verloren. Jetzt reden alle davon, sich sofort zu melden bei geringen Anzeichen. Das sagen auch Banken zu Existenzgründern. Wenn es mal nicht so klappt, bei ersten Anzeichen, bitte melden sie sich sofort. Dann machen sie die Firma platt. Beim Sport und im Geschäft ist es doch ähnlich. Wer sich meldet hat seine Karriere für immer beendet. Das wird sich und kann sich auch niemals ändern. Wer preist die Kranken? Wir verehren die Toten. Lieben nazistische Götterdämmerungsbegräbnisse inszeniert wie beste Leni Riefenstahlproduktionen. Schweigeminuten, Stunden, Tage. Wer spricht macht sich schuldig. Auch der Depressionskranke. Die Helden schweigen. Der Kluge Schweigt.

    Suizid

    Gib mir noch eine von den Verschreibungspflichtigen
    Ein Attest für Einwegspritzen
    Bläh mir die Ader
    Teile das Pulver der Schlafbeere
    Isotrop sammeln wir unsere Einsamkeit
    Dies ist Konzentration
    Das Gehirn hat schuld

    Suizid im philosophischen Institut
    Der frühe Morgen, der Morgen, der Aufgang, der Aufgang der Sonne, kein Aufgang der Sonne, kein Aufgang, kein Abgang, kein Aufgang, ein Abgang, ein Abgang im Hochparterre des philosophischen Institutes, des Aufgangs, und er trat mit dem Geist der Erinnerungen, mit alten Erinnerungen, mit schlechten Erinnerungen, mit guten Erinnerungen, mit allen Erinnerungen, Erinnerungen, die traten, die traten in dieses Haus, dieses Haus voller Erinnerungen, in dieses philosophische Haus, in dieses Haus der Philosophie, dieses philosophische Institut, der philosophischen Ideen, Ideen, die ihn trieben, die ihn in seinen Gedanken trieben, Ortlos, heimatlos, schlaflos, die sein Gehirn marterten, die sein Gehirn trieben, in dieses philosophische Institut, hinein in dieses philosophische Institut, in dieses Hochparterre, in dieses Vergangene, dieses Vergangene, das Vergangen und doch noch nicht vergangen, das einmal war, wo er einmal war, wo er einmal eintrat, eintrat in diese philosophische, trat und trat und ging hinein ins philosophische, ins Hochparterre der Ideen, trat und wendete sich zu den Toiletten, zu den Toiletten, den frischen, den Alten, den gesäuberten, den ungesäuberten, den gereiften, hausmeistergepflegten, den philosophischen, von aller Philosophie gereinigten Toiletten, Erinnerungen und Schriften, Schriften auf den Toiletten, wie diese, wie diese an den Wänden,

    Der Tod tut Not
    das heißt philosophieren
    Das drückt philosophieren aus
    Sterben lernen
    im WC des Philosophischen Instituts
    lohnt oder lohnt nicht
    Was fühlen sie nun
    mit offenem Hals, tragisch
    und noch die Spülung vergessen
    Immer dabei zu sein
    mit Mythos von Sisyphos
    Es ist nichts mehr, es war
    und auch das Sein fällt schwer: Coda
    Schweigen über WC, über Tod
    über philosophisches Institut
    Tabus, alle drei
    Gräber, werden seltener besucht
    doch wenn man muss!
    Ein wahrer philosophischer Akt
    Wie schön, ästhetisch
    Es ist Nichts gewagt

    Erinnerungen die traten, traten in sein Gehirn, sein Gehirn, in seine Gedanken, in seine Erinnerungen, traten in diese Toilette, in die Toilette der Erinnerungen, er öffnete die Tür, eröffnete Sie mit Erinnerungen, mit Schuld, mit Angst, mit Hass, mit Liebe, mit Zorn, öffnete die Toilettentüre, öffnete und erkannte, er erkannte dort, an diesem Ort, es war der Ort, der Stille Ort, der Ort der Erinnerungen, der Ort des Hier, der Ort des Jetzt, des Jetzt und Hier, der Ort des Nun, der Ort hier, jetzt, nun, es ist, es wird, es muss, es muss geschehen, es muss sein, hier und jetzt, hier und jetzt, an diesem Ort, an diesem Ort, auf diesem Ort, Jetzt, es ist gut, es war gut, er fand alles, er fand alles gut, er zog dabei ein Messer, er zog aus seiner Tasche ein schäbiges Messer, ein kleines Messer, ein gutes Messer, ein scharfes Messer, er zog aus seiner Hosentasche, zog er, zog er ein Messer, zog er aus seiner Tasche, aus seiner Hosentasche, zog er ein Messer, es war sein Messer, das Messer hatte er mitgenommen, mitgenommen, hierhin, hier, auf die Toilette, auf die Toilette des philosophischen Instituts, hatte er dieses Messer mitgenommen und er nahm dieses Messer, es war seine Tat, es war nun, es war jetzt, es war hier, es war wahr, es war die letzte Tat, es war seine letzte Tat, es war der Moment, es war jener Moment, dieser Moment, der jetzt geschehen muss, hier und jetzt, jetzt und hier geschehen muss, muss geschehen, hier und jetzt, hier auf dieser Toilette, diesem Ort im philosophischen Institut, hier, sein oder nicht sein, nichts sein, kein Nichts sein, hier in diesem Moment, in dieser Sekunde, jetzt, nun, zu dieser Stunde, an diesem Tag, in diesem Monat, in diesem Jahr, in diesem Jahrhundert, zu dieser Sekunde, nun, nahm er das Messer, griff dieses Messer, mit einem Griff, mit dem Griff eines Mörders, er war der Mörder, jetzt wurde er zum Mörder, er wurde zum Mörder an sich, wurde zum Mörder an sich selber, er wurde zum Selbstmörder, er, der Selbstmörder wie ein Blindgänger unter den Bombern war er ein Selbstmörder unter den Mördern, Mörder, Blindgänger, Selbstmörder, Bombe, er der Selbstmörder im philosophischen Institut, der sich mordete, der sich tötete, der sich selbst mordete, still, es war still, Stille, Stille war hier, hier war Stille, im philosophischen Institut, in der Toilette des philosophischen Instituts war die Stille, alle Philosophen schwiegen, die Philosophie schwieg, die Philosophie tötete sich selber, und er nahm dieses Messer, tötete sich und die Philosophie, er setzte dieses Messer an in einem philosophischen Akt, nein, er setzte dieses Messer an in einem realen Akt, und schnitt, schnitt, quer über seinen Hals, schnitt quer über seinen Hals, tief, schnitt tief, quer über seinen Hals, tief, quer über seinen Hals, und sein Kopf knickte bei diesem Schnitt, knickte bei diesem Schnitt nach hinten, knickte zurück, und er sackte in die Knie, legte sich in sein Blut, es war vollendet, es war getan, es war getan was er tun musste, es war im philosophischen Institut, auf der Toilette im philosophischen Institut, ein Selbstmord, sein Selbstmord, und es gab niemand, niemand, es gab niemand, der ihm auch nur eine Träne nachweinte, niemand der auch nur einen Gedanken ihm nachdachte, er war Niemand, er war nur dieser, dieser Verrückte, dieser entrückte, dieser philosophisch entrückte im philosophischen Institut, dieser verrückte, entrückte Selbstmörder auf der Toilette des philosophischen Institut, er war Niemand nicht einmal eine Zeile in den Nachrichten der Tageszeitung, nur eine Sekunde bevor er sterben wollte schrie er: sagt das ihr mich liebt, sagt das ihr mich liebt. Suizid.

  2. amanita
    3. Oktober 2022

    Schlafen ist (jedenfalls für mich) das Schönste auf der Welt. Seit ich das erkannt habe, leide ich nur noch selten unter Entscheidungsdruck, Grübeleien oder Todessehnsucht.

  3. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Lieber David,
    nun möchte ich aber doch hinzufügen, daß es mitunter zwar gut und richtig sein kann, alleine vor sich hinzuschmoren, daß es aber immer wieder auch wichtig sein kann, dann doch wieder jemanden zu treffen, da der Dialog mit anderen einem wieder vor Augen führt, was man zwar theoretisch wohl weiß, aber immer wieder vergißt: daß nämlich die eigene Perspektive (und die eigene Sicht auf sich selbst und auf andere) doch stets eine sehr begrenzte ist. – Und diese Erkenntnis kann nicht nur frustrierend, sondern auch hilfreich sein, da sie negative Denk- und Grübel-Schleifen – und -Spiralen aprupt unterbrechen und den Horizont wieder weiten und für andere Perspektiven (und Lebenseinstellungen und Schicksale und Sichtweisen) öffnen kann… All dies weißt Du natürlich, aber weiß Dein Protagonist das auch?
    Lieben Gruß, Hannah

  4. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Alleine zu Hause sitzen, ohne Gesellschaft, ja, das kann immer wieder heilsam sein.
    Aber ohne Kaffee, Zigaretten und die ohne eigenen Worte und Sätze aufs Papier zu bringen (und seien sie auch noch so lang!) würde ich durchdrehen… ! Wenn jemand das aushält, dann kann ich nur sagen: Hut ab!
    Übrigens gefallen mir die Sätze: „Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon.
    Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär.“ –
    Sehr schön… !! – Ich wünschte, das wäre von mir… ! ; )
    Herzliche Grüße, Hannah
    P.S. Ich danke Dir für Deinen komplexen Kommentar von vorhin zum Thema Kritik! – Ich muss nun noch ein Weilchen über eine Antwort nachdenken…

  5. Sanguine
    2. August 2015

    So wenige, und doch so einschneidende Zeilen wieder.

    Da melden sich gleich drei meiner Ich’s. Eines sagt „Wer so wirklich permanent denkt, der muss schon recht depressiv sein.“ Einem weiteren fällt auf, wie sehr ihm hier und da der Spiegel vorgehalten wird. Und das dritte würde zum Sargnagel doch nicht nein sagen.

Kommentar verfassen

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Januar 2023 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: