David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Das gekonnt Lustige baute schon immer auf dem tragisch Ernsten auf, und andersherum. Soeben ausgelesen: Heinrich Böll – „Haus ohne Hüter“ (1954)

von David Wonschewski

Kennen Sie die deutsche 70er-Jahre Serie „Ein Herz und eine Seele“? Blöde Frage – ich „dusselige Kuh“, ich – kennt zumindest jeder, der des Zappens fähig ist, flimmert der berühmt-berüchtigte „Ekel Alfred“ (Heinz Schubert) doch mit freudiger Penetranz noch immer über die Mattscheiben der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Und derweil ich andere Dezemberunausweichlicheiten von „Last Christmas“ über „früher war mehr Lametta!“ bis hin zu „Dinner for One“ eher nostalgisch wahrnehme, finde ich „Ein Herz und eine Seele“ noch immer zum Schießen lustig. Auf eine seltsame Art gut gealtert ist die Serie, was vielleicht daran liegt, dass sie eben nur optisch altert, auch an der Oberfläche, was gewisse Politikernamen etc. betrifft – aber innerlich eben nicht. Schlimmer noch, als ich mir in diesem Jahr, man kam nicht dran vorbei, mal wieder die Folge „Silvesterpunsch“ reinzog, fand ich das noch lustiger als im Jahr davor. Und dem davor. Ich nahm gewissermaßen an mir selbst wahr, dass ich, obschon ich die Pointen allesamt auswendig kenne, tiefer, ehrlicher, inbrünstiger lachte. Und vielleicht sogar ein wenig gehässig. Ich spare mir hier einmal das Konstrukt der Serie zu erklären, schließlich soll es gleich um Heinrich Böll gehen, aber mir scheint, dass diese etwas miefige-piefige Otto-Normal-Familie Tetzlaff aktuell noch mehr den Nerv der Zeit trifft als all die Jahrzehnte zuvor. Dass es sich hierbei um eine linksliberale Produktion handelt, dürfte außer Frage stehen, genauso, dass gerade im Kniff ein, nun, sehr wertkonservatives Familienoberhaupt in Hitleroptik ins Zentrum zu stellen, das sich und sein ewiggestriges Denken permanent selbst entlarvt und ad absurdum führt Antifaschismus par excellence ist, auch. Und dennoch hat man mittlerweile von Jahr zu Jahr mehr Mühe diese Serie, die noch nie „woke“ war, statthaft zu finden. Was sie wiederum so prächtig altern lässt. Früher fand ich „Ein Herz und eine Seele“ einfach nur lustig, mittlerweile aber bin ich, bei aller Gegenwehr, wohl auch dermaßen von political correctness unterwandert, dass ich alle 30 Sekunden denke: „DAS – HABEN – DIE – GERADE – NICHT – ECHT – GESENDET?“. Ist ja nicht so, dass nur Alfred, dem Ekel, permanent diskriminierendes Zeug aus dem Munde fällt. Sogar dem linksintellektuellen Schwiegersohn (Dieter Krebs) und der bewusst naiv-dumm gezeichneten Mutter (Elisabeth Wiedemann) fallen auf jeweils eigene Art dauernd Unsagbarkeiten aus dem Schädel. Nun ja, ich für meinen Teil erwarte, dass es auch diese Serie bald erwischen wird. Die neuen gerechten Deutschen den alten aufrechten Deutschen aus den Programmen buhen.

Der Übergang von Ekel Alfred zu Heinrich Böll mag auf den ersten Blick nun wie ein regelrechter Spreizschritt anmuten, ist es aber nicht. Zumindest nicht in Anbetracht seines Romans „Haus ohne Hüter“ aus dem Jahr 1954. Auch wenn die Handlung gut 25 Jahre vor dem „Silvesterpunsch“ spielt, befinden wir uns hier in ähnlichem Ambiente, der piefig-miefigen Häuslichkeit der guten alten Bundesrepublik. Mit einem entscheidenden Unterschied, der jedoch, für mich, eine Verbindung zu Ekel Alfred herstellt: Der Vater fehlt. Oder besser gesagt: die Väter. Nicht aus dem Krieg heimgekommen. Ein Leid, ein Elend für die, die überlebt haben, Frauen, Kinder, Alte. Und doch stellt sich, mir, die unausweichliche Frage, was geworden wäre, wenn diese Väter, Soldaten, doch alle zurückgekommen wären. Es ist wohl nicht übertrieben zu vermuten, dass noch viel mehr kleine angesäuerte Ekel Alfreds durch unser Land gelaufen wären als eh schon. Den Nazi-Filz aus den Systemen und Strukturen zu vertreiben gelang bekanntlich auch mit so wenig Heimkehrern mehr schlecht als recht.Wenn es aber deutlich mehr gewesen wären, hätte dann ein Willy Brandt Bundeskanzler werden können? Ja, hätte die ganze 68er-Generation diesen letztlich durchschlagenden Erfolg haben können? Und noch weiter, hätten wir dann jetzt „schon“ eine politisch (mehr oder minder) grüne Außenministerin, eine Verteidigungsministerin nach der nächsten? Doch nicht nur das, denn auch wenn der Hochliterat Böll natürlich wenig komödienhaft daherkommt, so stellen sich viele Szenen in diesem Roman, denkt man sie sich als für das TV aufbereitet vor, durchaus ähnlich pointiert dar, wie wir es aus der Serie kennen. Das gekonnt Lustige baute schon immer auf dem tragisch Ernsten auf, dem tragisch Ernsten wohnt seit jeher eine schicksalshafte Pointe inne.

Ja, ich weiß: Lirum, larum. Unerquickliche Überlegungen, schon schwierig genug, den Ist-Zustand zu analysieren, da sollte man sich nicht noch mit Konjunktiven abplagen. Das sollte man Freaks wie Philip K. Dick überlassen, der sich 1962 in „Das Orakel vom Berge“ (als Serie 2015 adaptiert unter dem Namen „The Man in the High Castle“) in Länge der Überlegung hingab, was geworden wäre, wenn Nazi-Deutschland und Japan den Krieg gewonnen hätte. Freund von Dystopien, der ich bin, tun mir natürlich alle Familien leid, denen der Ehemann und Vater in einem Krieg verloren ging – rein gesellschaftlich betrachtet aber halte ich es für eine zumindest günstige Fügung.

Im Mittelpunkt von „Haus ohne Hüter“ stehen die beiden 12-jährigen Schulfreunde Heinrich und Martin, die beide in mehr oder minder ähnlichen Verhältnissen aufwachsen: in einem Haus, mit Mutter, Großmutter, hier und da mal ein Onkel, Untermietern – ohne Vater. Der größte Unterschied zwischen beiden „Eltern“häusern ist das liebe Geld, den Heinrichs Familie muss jeden Groschen zweimal umdrehen, was dazu führt, dass der Junge schon früh zu einem Rechen- und Feilschergenie mutiert, wird doch er früh in die Rolle desjenigen gepresst, der sich auf dem Wochenmarkt zu beweisen hat. Bei Martin ist es die schrullige Oma, die Kohle hat, was daran liegt, dass sie die Firma Ihres Mannes geerbt hat, die wiederum unter die „Kriegsgewinnler“ gezählt werden muss. Es geht zwar nur um die Produktion vor Marmelade, aber gerade dieses Geschäft läuft in gesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich üblen Zeiten besser denn je.

Dass Böll zwei 12-jährige ins Zentrum seines Romans stellt ist, man muss es so sagen, ein genialer Kniff. Ist es doch ein Alter, in dem Jugendliche schon viel verstehen, aber eben auch nicht alles. Ein interessantes Grenzalter, gewissermaßen, das dem Literaten Böll die Möglichkeit gibt, vor allem moralischen Nachkriegsirrsinn in all seinem Chaos besser zu beleuchten, als führte er das mit den Augen eines Erwachsenen aus. Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Onkeln. Wer bei diesem Begriff an den Bruder einer Mutter oder eines Vaters denkt, ist wohl ein privilegierter Spätgeborener, stand das Wort „Onkel“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit doch ein multiples moralisches Dilemma. Ja, so ein Onkel konnte der rein verwandtschaftliche sein, oftmals war er aber auch einfach ein guter Bekannter und Unterstützer der Mutter, ein netter Kerl eben. Und noch öfter war er der neue Liebhaber und/oder Lebensgefährte der Mutter. Ein heikles Thema in jenen Jahren, in denen nicht immer klar war, ob der Mann nicht doch noch heimkehrt, auf verschlungenen Pfaden. Und so klar war, dass er das definitiv nicht wird, die Sache für die meistens sehr jungen Witwen noch härter wurde. Denn zusätzlich zur generellen Moral, wie Witwen sich zu verhalten haben, galten die gefallenen Frontsoldaten noch als Helden. Die Frau, die einen neuen Mann an ihrer Seite hatte, wurde also zur Nestbeschmutzerin übelster Sorte. Und so lavierte man sich mit diversen Formen von „Onkel“ halt so durch, was nicht nur für Martin und Heinrich, die das mit der Sexualität gerade erst so langsam begreifen, genauso verwirrend ist wie Böll es dem Leser fast unmöglich macht, hier noch durchzusehen. Das Gefühlschaos jener Jahre wird so auch Jahrzehnte später in Ansätzen noch begreiflich.

Ähnlich interessant das Alltagserleben, beispielsweise in der Schule, in der es eine seltsame, nun, Hierarchie gibt. Zu erkennen vor allem an disziplinarischen Schülerbestrafungen. Heinrich beispielsweise kann sogar bewusst verbocken, was er will, er wird nie bestraft, was ihm selbst sehr gegen den Strich geht. Und er ahnt, es liegt daran, dass sein Vater im Krieg fiel, seine Mutter das Bild einer guten Witwe wahren kann – und sie kaum Geld haben. Martin wird immerhin etwas bestraft, aber kein Vergleich zu den armen Kerlen, die einen offiziellen neuen Vater haben oder deren Väter – Gott bewahre! – die Frechheit hatten, heil aus dem Krieg heimzukehren. Kommt einer heil von der Front zurück, so wird er wohl ein Drückeberger gewesen sein. Echte Helden, wie Heinrichs Vater – oder war es der von Martin? – verbrennen irgendwo in Russland in ihrem Panzer.

Schuljungen, Onkel, Väter, Soldaten, Heldenverehrung – ja, das klingt wie ein prototypischer Roman von einem Mann über Männer für Männer. Und doch ist „Haus ohne Hüter“ insofern ein typischer Böll, dass es eigentlich ein früher feministischer Frauenroman ist. Denn die moralische Verachtung hängt hier wie das Damoklesschwert über einer jeden Frau, letztlich fast egal wie sie sich verhält. Der Mief jener Jahre ist vor allem der Mief der weiblichen Enge, ein von allen Seiten eingeschnürt seins, braucht es doch gar nicht die ach wie tolle Meinung der Gesellschaft, um die jungen Frauen jener Jahre mit gleich einer ganzen Reihe Dilemmata zu versorgen. Böll, auch dafür wurde er später Literaturnobelpreisträger, braucht keine großen Szenarien, um diese aufzuzeigen, es reicht ihm die kleine Umgebung, es genügt die simple Situation. Zum Beispiel, dass die Familie zwar ein Haus bewohnte, aber finanziell auf Untermieter angewiesen war. Was dazu führte, dass Mutter, Sohn und Onkel sich abends im einzigen zur Verfügung stehenden Zimmer aufhielten, quasi deren Wohnung. Und nun denke man sich das, junge Frau, begehrender Onkel – vier Meter weiter schläft, vermutlich, der Sohn und rechts an der Wand hängt das Foto vom im Panzer Verbrannten, den sie liebte, auch ewig lieben wird. Da ist schwerlich Händchenhalten, von anderen Dingen gar nicht erst zu sprechen. Zumal auch die bräsige Großmutter durchs Haus turnt. Das, herrje, auch ihr gehört.

Faszinierend, dass es in einem Roman, bei dem es um eine menschliche Leerstelle geht, wo ja sogar noch einer fehlt, derart eng zugehen kann, dass es gleichermaßen realistisch wie eben oft auch absurd gerät. Womit wir wieder bei den Tetzlaffs wären, dieser schlecht abgehangenen, so schwer erträglichen Enge von Spießbürgerlichkeit. Lustig ist an „Haus ohne Hüter“ wenig bis gar nichts. Und doch will man ein ums andere Mal lachen. Wohl, weil lachen auch immer ein wenig was von Fenster aufreißen hat.

Zu den misanthropisch-sarkastischen Romanen von David Wonschewski: HIER entlang.

Oder schauen und hören Sie es sich direkt an:

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Januar 2023 von in 1950 - 1999, 5 Sterne, Böll, Heinrich, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , .
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