David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Das kleine bisschen Heldenmut. Soeben ausgelesen: Philip Roth – „Nemesis“ (2010)

von David Wonschewski

Da vernahm ich dieser Tage, angefüllt mit Unglaube, gar unglaubliches: Es habe mittlerweile auch meinen Literatur-Heroen Philip Roth erwischt. Es gäbe – ich bleibe, um uns allen einen Gefallen zu tun, bewusst im Konjunktiv – die Tendenz ihn, nun, zu löschen. Aus der Geschichte, aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Man müsse ihn, und hier jetzt das neudeutsche Wort für dieses Bestreben: canceln. Gäbe es Statuen von Philip Roth, so raunt es, sie wären längst in den nächstbesten Fluss geworfen worden.

Inwiefern es nun gut oder schlecht ist in übelster orwellscher „1984“-Manier die Vergangenheit umzuschreiben, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren, wie auch. Aber wundern darf sich der geneigte Roth-Follower denn doch, denn die Beweggründe den 2018 verstorbenen US-Amerikaner als Übeltäter oder gar Erhitzer mieser maskuliner Verhaltensweisen zu deuten zeigt, diese Eitelkeit erlaube ich mir einfach einmal, nur eines: entweder hat man seine Romane nicht gelesen. Oder eben nicht verstanden. Ist nicht vorbeigekommen an der Tatsache, dass Roth seinem Unmut und seinem Zorn auf gesellschaftliche Verhältnisse – und damit letztlich auch auf Frauen, ungehemmt freien Lauf gelassen hat.Wie er überhaupt einer dieser wenigen Autoren war, dem nichts, aber auch gar nichts heilig gewesen ist. Womit wir eben bei dem Hauptpunkt seines Schaffens angelangt wären, denn er schloss sich selbst stets mit ein. In dem exakt ein Dutzend Romane, die ich bisher von Roth gelesen habe, gibt es nur eine Perspektive. Und das ist die des privilegiert-intellektuellen, weißen und männlichen US-amerikanischen Ostküsten-Juden. Und ja es stimmt, aus dieser Perspektive attackiert er alles, was nicht in dieses, also sein eigenes Raster fällt. Zuvorderst aber sich selbst. Allein die Kämpfe, die Roth in seinen Büchern mit seinem Glauben, dem Judentum progressiver, aber auch traditioneller Lesart, dem Staat Israel ausfocht, zeigen Empathie und nuancenreiche Abwägung auf höchstem Niveau. Ob Roth nun so zornig war, wie er vielfach schrieb, sei dahingestellt. Literarisch aber ist es, so man es beherrscht, ein sehr effektiver Kniff. Entlarvt der sprachmächtig Polternde doch zuallererst immer sich selbst. Oder um es anders auszudrücken: Philip Roth war nie ein Autor für privilegierte Männer, die ihren Anspruch auf Macht sichern und intellektuell unterfüttert sehen wollen.Sondern ein Autor für Männer, die wissen, dass sie etwas windschief in die Natur und die Gesellschaft gesetzt wurden. Die gar nicht recht haben wollen, Macht und Privilegien noch viel weniger. Die einfach nur verstanden werden wollen. Denn auch wenn weiterhin die etwas abstruse Vorstellung herrscht, der Literaturbetrieb sei sehr maskulin, wenig feminin, so muss man dem leider entgegenhalten, dass Romane, in denen man sich als Mann ernst genommen und verstanden fühlt, die zusätzlich auch das intellektuelle Rüstzeug haben, sich selbst neu zu reflektieren, Erklärungen anzubieten so selten sind, dass mir selbst keine zehn Autoren einfallen, die das drauf haben. Und davon sind zwei „sogar“ Frauen.

„Nemesis“ war der letzte Roman, den Philip Roth veröffentlichte. Ein Buch, in dem er – ähnlich wie auch in „Jedermann“ (2006) – nahezu komplett auf gleich zwei seiner Markenzeichen verzichtete. Der pointierte Sarkasmus früher Werke lässt sich gar nicht finden, auch das Wutschnaubende und Zornbebende sucht man vergeblich. Was dafür wieder drin ist, das sind: Jüdisches Leben an der Ostküste der USA. Und Männlichkeit. Um nicht zu sagen: Heldenmut. Latent toxischer Ausprägung, wie der Leser des Jahres 2022 hinzufügen mag. Wobei es der Begriff „latent“ ist, der diesen so sanft, für Roth fast brav dahinfließenden Roman mit einer Wucht versorgt, für den ich geneigt bin, das abgeschmackte Wort von den Stillen Wassern aus der Truhe zu kramen, die Tief sind. „Nemesis“ – in der griechischen Mythologie die etwas zornige Göttin ausgleichender Gerechtigkeit – spielt überwiegend im New Jersey des Jahres 1944. Der junge Sportlehrer Bucky Cantor, als Waise bei seinen Großeltern aufgewachsen, ist ein Ausbund an Kraft, Disziplin, Anständigkeit und Aufopferungswille. Kaum ein Mann zu finden weit und breit, der so gut mit Kindern, Frauen, Alten kann. In gewisser Weise ein Traum von einem Mann. Wenn da nicht seine schlechten Augen wären, für die er eine starke Brille braucht. Was deswegen so ins Gewicht fällt, da er deswegen ausgemustert wird, in diesem Jahr 1944 an keiner Front stehen, nicht sein Land verteidigen darf. Sondern in brütender Sommerhitze auf einem Schulhof, Ferienbetreuung für Schüler. So gut und wichtig er diesen Job auch findet, das schlechte Gewissen wütet in ihm, das Gefühl ein Versager und Drückeberger zu sein. Alle seine Freunde kämpfen in Europa oder im Pazifikraum. Und er: Baseball. Mit 12-jährigen. Das ist nicht das, wozu ihn sein Großvater erzogen hat. Das ist nicht der Ort, an dem einer mit seinen Qualitäten stehen sollte in diesem Jahr.

Doch es hilft nichts, Bucky frisst seinen verletzten Stolz in sich hinein, nimmt zur Kenntnis, dass sein Umfeld – seine Großmutter, seine Verlobte, viele Kollegen, die Kinder sowieso – sehr froh sind, dass sie ihren Bucky in Sicherheit wissen, ihn gewiss nicht in irgendeinem Bombenhagel verlieren werden. Dann aber taucht unversehens dort in New Jersey ein Feind auf, dem die Amerikaner in gewisser Weise ohnmächtiger gegenüberstehen als Nazis und Japanern: die von Viren übertragene Kinderlähmung, Polio. Über Viren und deren Verbreitung weiß man anno 1944 noch viel weniger als im modernen Corona-Zeitalter, alles scheint geeignet zu sein dafür zu sorgen, dass immer mehr Kinder – auch solche, die ihre Ferien bei Bucky verbringen – plötzlich erkranken und wegsterben wie die wohlbekannten Fliegen. Auch Bucky gerät in Verdacht: Er lässt sie zu viel trainieren in der Hitze, er lässt sie zu wenig trainieren, er sorgt zu viel oder zu wenig für dieses, für jenes. Er ist nicht die erste Anlaufstelle für Beschuldigungen, das sind, wie so oft Arme, geistig Behinderte, Italiener, Chinesen. Bucky nimmt es stoisch zur Kenntnis, analysiert klug, dass die zornigen Eltern lediglich Angst um ihre Kinder haben, der eigentliche Gegner, das Virus, aber eben unsichtbar ist, nicht angeschrieen werden kann, er also eine wichtige Funktion hier hat, es seine Aufgabe ist stark, bedächtig und diszipliniert weiter da zu sein für die Kinder des Viertels. Bis seine Verlobte einschreitet, ihn bittet – da zunehmend auch Erwachsene von Polio befallen werden – zu ihr in ein Sommercamp außerhalb von New Jersey zu kommen, wo sie als Betreuerin arbeitet und wo es kein Polio gibt. Und wo eine Stelle als Bademeister und Schwimmtrainer frei geworden ist, da der Vorgänger spontan zur Front geschickt wurde. Bucky denkt darüber nach, was in dieser Situation die richtige Entscheidung ist, doch er gelangt zu keiner klaren Entscheidung: Gehen oder bleiben? Wie verhält sich einer, der nichts anders gelernt hat als im gesellschaftstüchtigsten Sinne „seinen Mann“ zu stehen, sich für Kinder, Frauen und Alte in den Kugelhagel, ins Feuer oder auch Virengewitter zu stellen? Wo hört reale Verantwortung auf, wo beginnt absurd-maskulines Gehabe?

Philip Roth gelingt hier, wie eingangs beschrieben, ein Roman, der zumindest für männliche Leser etwas bereithält, was Diskussionen um Männlichkeit seit einigen Jahren zumeist komplett abgeht: Vielseitigkeit. Roth wäre nicht Roth würde er seinen Bucky auf ein Podest heben, ihn als leuchtendes Beispiel zeichnen, als Sinnbild für all das Gute und Wichtige, was Männlichkeit zum Überleben der Spezies Mensch beisteuert. Das macht er zwar auch, aber nicht nur. Mehr als einmal möchte auch zumindest der männliche Leser Bucky am Kragen packen, ihn schütteln. Ihm geradewegs befehlen, doch bitte ein wenig egoistischer zu werden, opportunistischer. Zu erkennen, wo der Männliche eben tatsächlich der Blöde ist, ab welchem Punkt Mann beginnt, all das Gute, was er erschaffen kann, nur noch ins Pseudoheroische zu verkehren, damit zuvorderst Schaden anzurichten.

Die Idee zu „Nemesis“ kam Philip Roth im Übrigen durch seine gute Freundin, die Schauspielerin Mia Farrow, die in ihrer Kindheit an Polio litt. Ein deswegen interessanter Nebenpunkt, da sich hier der kleine Erzählreigen dieser Rezension schließt. Denn Mia Farrow war bekanntlich lange mit Woody Allen verheiratet, der in Sachen Vita und Kunst mitunter als Spiegelbild von Philip Roth betrachtet werden darf. Inklusive modernen Sehnsüchten ihn und sein Schaffen unsichtbar zu machen, verschwinden zu lassen, auch mit ihm den guten alten Orwell-Tango zu tanzen. Befinden sich Farrow und Allen seit mittlerweile vielen und viel zu vielen Jahren doch in einem schmutzigen Gerichtskrieg. In dem es um was geht? Genau, männlich-toxisches Verhalten.

Zu den misanthropisch-sarkastischen Romanen von David Wonschewski: HIER entlang.

Oder schauen und hören Sie es sich direkt an:

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Dezember 2022 von in 2000 - 2018, 5 Sterne, Nachrichten, Roth, Philip, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , .
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