David Wonschewski | Schriftsteller

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Beinahe-Pulitzer-Preisträger nahegebracht. Soeben ausgelesen: Russell Banks – „Gegenströmung“ (1985)

von David Wonschewski

Das ist bemerkenswert: Zwar sind mir, so als manisch-depressiver Charakter, auch die Untiefen einer reichlich abstrakten Paranoia sehr bekannt. Nahezu unbekannt sind mir dafür konkrete und reale Ängste. Nachts allein durch einen stockdunklen Wald spazieren, umgeben von Wolfs- und Geistergeheul – easy. Arbeitslosigkeit, Krebs, Meteoriteneinschlag, Putin und sein roter Knopf – gähn. Ich hörte mal, das sei keineswegs seltsam, sondern psychologische Logik. Wer reale Ängste kennt, hat es selten mit Paranoia. Und vice versa. Um so mehr freue ich mich, dass es da doch eine einzige Sache gibt, die sich gewissermaßen auf der Schnittstelle bewegt bei mir. Es gibt etwas, vor dem ich mich seit jeher wahnsinnig fürchte: Haiti. Ja, schon klar, während sich in Villariba noch am Kopf gekratzt und überlegt wird, was das denn nun soll -wird in Villabacho schon geschmunzelt. Zumindest bei Männern meiner Generation. Der von Trinidad und Tobago stammende, farbige und fast zwei Meter große Tänzer und Schauspieler Geoffrey Holder ist schuld. Denn der spielte im James Bond-Film „Leben und sterben lassen“ (1973) den Voodoo-Priester Baron Samedi derart übelst gut, dass mir bis heute ganz anders wird, wenn ich nur an Haiti denke. Ja, es war nicht Haiti, der Film suchte sich eine fiktive Insel, aber letztlich spielt der Film mit jenem sehr speziellen, sehr unheimlichen Kult. Wer sich nicht so auskennt, man darf sich das gewissermaßen vorstellen wie Halloween, nur in intensiver, grauseliger, entrückter, tanzwütiger. Und wer sich ein wenig auskennt: die Sache mit der Puppe, in die man Nadeln sticht, ist noch das fluffigste an alledem.

Ja, wo Furcht ist, ist Faszination.Und wo man Schrecken vermutet, da schaut man hin. Und das natürlich nicht nur in, nun, spiritueller Hinsicht. Haiti ist für mich derart katastrophal-faszinierend, dass es gar keinen Baron Samedi mehr braucht, um offenen Mundes auf diesen kleinen Staat zu schauen, der sich eine Insel mit der Dominikanischen Republik teilt. Doch während der Osten dort so heftig gedeiht, dass man ihn mittlerweile fast nur noch als luxuriöses Urlaubsdomizil kennt, geht der darbende haitianische Inselwesten seit jeher mit schöner Regelmäßigkeit. Kaum ein Ort auf dieser Welt, der politisch und in puncto Naturkatastrophen derart gebeutelt ist. Eine Kombination des Schreckens – weswegen die Haitianer selbst so einen Baron Samedi vermutlich auch nicht so fürchten wie ich. Der charismatische Dämon rettet ihre Seelen vermutlich vor dem Schrecken der realen Welt.

In seinem für den Pulitzer Prize 1986 nominierten Roman „Gegenströmung“ nimmt uns Russell Banks mit in diesen modern-archaischen „Clash of Cultures“ und sucht sich dafür einen thematischen Aufhänger, wie er aktueller kaum sein könnte: die Flüchtlingsproblematik. Die, auch wenn es uns ab und an so vorkommt, bekanntlich keine Erfindung der vergangenen paar Jahre ist. „Gegenströmung“ ist die Geschichte des Arbeiters Bob Dubois, der samt schwangerer Frau und Kindern nach Florida zieht, um sich dort den Traum von Sonne, Strand und Sex zu erfüllen. Denn der 30jährige Mechaniker führt ein Doppelleben: einerseits mimt er den braven Ehemann, der ganz im Sinne seiner Frau ein Familienleben zum Vorzeigen führt. Aber gleichzeitig hasst er dieses Leben und erfreut sich an Seitensprüngen, ist gewalttätig und rücksichtslos. Dazu nervt ihn die schier ewige Kälte seiner Heimatregion und die Tatsache, dass er sich zwar beflissen als Heizungsreparateur den Allerwertesten abarbeitet, aber finanziell auf keinen grünen Zweig kommt, sich schuldig gegenüber seiner Familie fühlt, kurz vor Versager. Zumal sein Bruder, der dort in Florida wohnt, es mit einer gewissen Skrupellosigkeit und Cleverness zu einem ziemlichen Wohlstand gebracht hat.

Parallel dazu erzählt Banks die Geschichte der Haitianerin Vanise Dorsinville, die im wörtlichen Sinn Leib und Leben riskiert, um aus Haiti zu fliehen, um mit zwei Kindern nach Miami zu kommen. Sie ist wie eine Unschuld vom Lande, arm, auf die spezielle haitianische Art spirituell und enorm gläubig – und muss für ihren amerikanischen Traum teuer bezahlen. Russell Banks gelingt es hier die schillernde und nicht selten beängstigende archaische Welt von Haitianern aufzuzeigen, zugleich aber, durch Bob Dubois, einen typischen amerikanischen Männerstolperroman aufzuziehen, wie wir ihn beispielsweise in ähnlich hoher Qualität von Richard Russo kennen. Zu sehen wie Bob, obschon er eigentlich ein durchaus guter, gerechter, ja sogar moralischer Mann ist sich gerade durch sein Bestreben alles besser zu machen, ein besserer Mann und Gatte und Vater zu werden immer weiter in die Matsche reitet ist nachvollziehbar, etwas lustig, zugleich katastrophal und ernüchternd. Denn was Russell Banks hier genaugenommen gelingt, ist die doppelte Abrechnung mit dem amerikanischen Traum: Der weiße US-Amerkaner, der erkennen muss, dass Anständigkeit und Leistungsbereitschaft sich für ihn eben nicht auszahlen. Und die Haitianerin, die im gelobten Land wenig Lobenswertes vorfindet.

Eine mitreißende, sehr lebendige Erzählung über Status, Moral und Rassismus, die fast märchenhaft die Geschichten der beiden Protagonisten miteinander verwebt, ohne dass sie künstlich wirken.

Geschrieben vor fast 30 Jahren kreist Russel Banks‘ Roman thematisch vor allem auch über der Gewalt durch soziale und rassistische Diskriminierung – eine Gewalt, deren Muster bis heute bestehen. Besonders die Art und Weise, wie Migranten bei ihrem Versuch, in ein industrialisiertes Land zu kommen oder dort Fuß zu fassen, behandelt werden, hat sich nicht verändert – mit einem feinen Unterschied, dass sich seit 1985 zu den USA auch die EU gesellt hat, wenn es darum geht, die Grenzen für Einwanderer aus vergleichsweise armen Ländern besonders dicht halten.

Unterstützen Sie den Autor der obigen Zeilen, indem Sie sich sein „eigenes Zeug“ reinziehen – zwei erste Videoeinblicke sind untenan einzuhaschen. Vielen Dank.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Dezember 2022 von in 1950 - 1999, 4 Sterne, Banks, Russell, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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