David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Rassistisch-sexistisch-antifeministisches Beckettzeug, großartig. Soeben ausgelesen: Amélie Nothomb – „Mit Staunen und Zittern“ (1999)

Feminismus

von David Wonschewski

Da wird also eine antisemitisch-feministische Französin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, derweil eine nipponfreundliche eher-nicht-Feministin leer ausgeht – und auch immer leer aus gehen wird. Zumindest was riMeriten dieser Art betrifft. Schon klar, ein mieserer Äpfel-Birnen-Vergleich wurde selten gezogen. Zumal Amélie Nothomb nicht, wie Annie Ernaux, Französin ist, sondern Belgien. Aber das war Jacques Brel, der Inbegriff des französischen Chansons, bekanntlich auch. Und keinen hat es gejuckt. Warum sollte es den Belgiern auch anders gehen als den Österreichern, deren Koryphäen von Alemannen bei Erfolg ganz gerne mal ungefragt einfach eingebürgert werden.

Vermutlich fiel mir der seltsame Vergleich auch nur ein, weil das Feuilleton nach dem Abgesang auf Houllebecq aktuell sichtlich nach einem neuen französischsprachigen Literaturstar sucht. Was dazu führt, dass einfach einmal jedem zweiten halbwegs erfolgreichen Autor aus Frankophonien unterstellt wird, genau das zu sein. Und man, anstatt auf die mittelalte Riege zurückzugreifen, im wilden Sensationswahn lieber gleich auf die ganz jungen Literaten zustürmt (Slimani, Louis, etc. ) Und Frau Nothomb, die sich um ihren eigenen kultigen Ruf mit Sicherheit keine Sorgen machen muss, unter die Räder zu geraten droht. So ein wenig wie bei der Torwartposition in der Fußballnationalmannschaft. Wer jahrelang verdiente Nummer zwei war, darf sich sicher sein, nach dem lange herbeigesehnten Abtritt von Nummer eins – garantiert nicht die nächste erste Wahl zu sein. Irgendein ungeschriebenes Zivilisationsgesetz entblättert sich hier, ahne ich. Ich meine, sogar ich unromantischer Trottel wünsche mir nichts zu sehr, dass William und Kate und diese drolligen Kinder jetzt bitte pronto und subito den Thron besteigen. Nichts gegen Charles, aber der hat doch eh schon „den halben Wallis Simpson gemacht“ vor Jahrzehnten, warum der jetzt nicht die andere Hälfte eduard VIII.-haft nachschiebt, bleibt schleierhaft.

Wer sich fragt, wer oder was ein Wallis Simpson ist? Gewiss so ein ganz edles Eliten-Polopferd. Und wer sich fragt, was das hier mit einer Rezension zu tun hat: noch eher wenig. Meine Rezensionen sind zuvorderst Blogeinträge, also eine tagesaktuelle Gedankenschau, hervorgerufen durch die Lektüre eines Romans. Ganz gute Autorenübung. So wie Songschreiber manchmal stundenlang wirr auf dem Klavier klimpern, bis da irgendwo eine Melodie auftaucht, kann man das auch als Schriftsteller machen. Man mäandert so lange wein wenig herum bis man auf einen Themenkomplex stößt, der vielleicht noch nicht ganz so abgegrast ist und nicht schon nach drei Gedanken zu Ende gesponnen ist.

Ob Amélie Nothomb das auch so macht, keine Ahnung. Zwar sollte man nach nunmehr drei gelesenen Romanen (zur Besprechung von „Die Reinheit des Mörders“ geht es HIER / zu „Kosmetik des Bösen“ – HIER) vorsichtig sein mit Gesamturteilen. Und doch ist festzustellen, dass die Belgierin das Talent hat, auf Stoffe und Ideen zu kommen, die sich nicht einmal so ähnlich in anderen literarischen Werken bereits finden. Und ganz alleine durch ihr Bekenntnis zur aus Verzweiflung geborenen Bösartigkeit des Menschen zum fast immer auch philosophischen Vergnügen werden lässt. Das Besondere dabei ist, dass sie es dabei gar nicht nötig hat, der Fantasie und dem kreativen Wahnsinn so richtig die Sporen zu geben, es ist eher ein sehr kleiner Dreh, fast möchte man von einem minimalen Winkelzug sprechen, den sie ins Spiel bringt – und den auf kleiner Bühne mittels weniger Seiten durchexerziert. In „Mit Staunen und Zittern“ erleben wir die Europäerin Amélie – der Roman darf zumindest in Ansätzen als biografisch verstanden werden -, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat und, getrieben von der Sehnsucht nach Jahren in Europa und Nordamerika, wieder Teil der von ihr bewunderten japanischen Gesellschaft zu sein, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen erhält. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer sehr schönen und ihr auf unheimliche Weise sehr überlegenen Vorgesetzten, schließlich zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Statt aufzubegehren, fügt sie sich, ganz japanisch, vor allem ganz weiblich, in ihr Schicksal. Doch mehr noch, sie nimmt es an als berechtigt, kann eine Frau, dazu noch eine europäische, niemals die Anforderungen einer patriarchal-disziplinierten und durchorchestrierten Karrierehierarchie erfüllen.

Zugegeben, das klingt so zusammengefasst nach keiner großen Idee, dazu noch nach einer sehr ärgerlichen, scheint es doch alle Gedanken an Geschlechtergleichstellung zu konterkarieren, mit denen der holde Westen so gerne eitel um sich wirft. Dazu noch bietet es ein Bild von „dem Japaner“, speziell auch „der Japanerin“, das unsereins an einem schlechten Tag schnell und gerne mal zu „rassistisch“ hochwutbürgert. Doch genau ist der unique Reiz der Amélie Nothomb, der es spielend gelingt, aus jeder fiesen Idee durch betonte Bösartigkeit etwas Gutes werden zu lassen. Wie auch schon in den anderen Romanen gelingt der Autorin dieses faszinierende Kunststück, durch die Rechtfertigung und amüsant zur Schau gestellte Frauenverachtung heftiger an den Stuhlbeinen des Patriarchats zu säbeln, als die meisten feministischen Autoren mit ihren Zeigefinger-Romanen es hinkriegen. Und da sowohl gemerkt nicht einmal durch die naheliegende Tugend aller Hochliteraten, nämlich das Patriarchat so zu beschreiben, dass es sich – hihi – selbst entlarvt. Sondern durch komplette Fokussierung auf weibliche Niederträchtigkeit und, mit Verlaub, Dämlichkeit.

Alles in „Mit Staunen und Zittern“ ist kunstvoll oberflächlich gehalten, selbst die Schikanen und absurden Unterwerfungsrituale werden so leichtfüßig beschrieben, dass man das Gefühl hat, in ein etwas seltsames Mitmachtheaterstück geraten zu sein. Ein an Beckett erinnernder Irrwitz durchzieht dieses Buch, der vor allem in den Konflikten der Protagonistin mit der Firmenleitung Gestalt gewinnt.

Ich habe mich totgelacht, endlich mal das Patriarchat gesehen und – pronto und subito – sogleich für eine strunzdoofe Erfindung halten dürfen. Ich kann Amélie Nothomb erneut nur 5 von 5 Sternen geben.

Unterstützen Sie den Autor der obigen Zeilen, indem Sie sich sein „eigenes Zeug“ reinziehen – zwei erste Videoeinblicke sind untenan einzuhaschen. Vielen Dank.

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