David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Bücherverbrennung muss man können. Soeben ausgelesen: Yoko Ogawa – „Insel der verlorenen Erinnerung“ (1994)

von David Wonschewski

Kennen Sie das etwas widersinnige Gefühl, wenn Sie bei der Lektüre eines Buches Seite für Seite merken, dass es ein ungeheuer gutes Buch ist – und Ihnen dieses Buch dennoch Seite für eben Seite richtiggehend auf den Senkel geht, Sie spätestens nach dem ersten Zehntel schon das Ende herbeisehnen, einfach nur um fertig und durch zu sein? Bei der „Insel der verlorenen Erinnerung“ von Yoko Ogawa, im Original bereits 1994 erschienen bei uns jedoch aus, nun, Zeitgeist-Gründen erst 2020 handelt es sich um so ein Werk. Wobei das mit dem Zeitgeist, es muss erwähnt sein, vielleicht auch ein Zufall ist, hat der Verlag Liebeskind es sich doch zur Aufgabe gemacht, alle Werke der Japanerin zu übersetzen und auch hierzulande zu veröffentlichen. Und macht genau das sukzessive seit mittlerweile knapp 20 Jahren. Die „Insel der verlorenen Erinnerung“ war entsprechend vielleicht auch einfach nur überfällig, einfach dran. In die aktuelle Zeit passt das Werk dennoch allerbestens, besser noch als vor fünf oder gar zehn Jahren – und das aus gleich verschiedenen Blickwinkeln.

Eine namenlose Schriftstellerin lebt auf einer Insel, in der nach und nach alltägliche Dinge komplett verschwinden. Rosen beispielsweise, auch Haarbänder. Kaum ist etwas neu verschwunden, durchforsten die Inselbewohner Ihrer Häuser danach, und wenn sie noch ein solches etwas noch finden, verbrennen sie es selbst. Da nicht richtig hinschauen bekanntlich menschlich ist und mancher Mensch sich schwertut sich zu trennen von mitunter liebgewonnen Dinglichkeiten gibt es die totalitär und wortkarg auftretende Erinnerungspolizei, die in Mannschaftsstärke in Häuser einfällt und nochmal richtig schaut. Ordentlich auf- und wegräumt, Leben in Plastiksäcken verstaut, wegschafft. Macht sich ein Bewohner verdächtig einen Gegenstand gebunkert zu haben, wird auch er mitgenommen und in der Folge: Nun, nichts Genaues weiß man nicht. Man ahnt dieses, erzählt sich flüsternd jenes. Wie hilfreich, dass die Leute mit den Gegenständen auch jegliche Erinnerung daran verlieren. Mit einigen wenigen Ausnahmen, ein paar Verlorene verlieren ihr Gedächtnis einfach nicht. Die Schriftstellerin gehört nicht dazu, aber ihr Lektor R. Dadurch schwebt R in Lebensgefahr und die Protagonistin beschließt, unter ihrem Fußboden einen Verschlag zu bauen, wo R, in Sicherheit vor der Erinnerungspolizei vor sich hin hausen kann…

Wer bei dieser Zusammenfassung denkt, dass diese „Insel der verlorenen Erinnerung“ offenbar eine Mischung aus Kafka und Orwell ist, irrt. Es ist eine Mischung aus Kafka, Orwell und Haushofer. Die anonyme Bürokratieohnmacht von Kafka, die totalitäre Bedrohung von Orwell. Und eine Form von dystopischem Weltuntergangsfeminismus bis zur Schmerzgrenze, wie wir ihn schon von Haushofers zurecht legendärer, aber eben auch bis heute unerreichter „Wand“ kennen.

Ja, ein großes Problem dieser „Insel“ ist, dass Ogawa hier drei große Vorbilder in ihren eigenen Cocktailbecher geschüttet hat. Was an sich okay ist, wir leben alle von Vorbildern und Inspirationen, spiegeln uns in ihnen wider wo wir nur können. Nur hat sie offensichtlich vergessen nach dem Schütten auch mal ordentlich durchzushaken, was ja gemeinhin für einen schmackhaften Cocktail unerlässlich ist. Was dazu führt, dass einem diese große und fast schon unverschämte Idoleschau schnell ziemlich auf den Magen schlägt. Den Rest gibt sie dem Leser mit einer Art verhuschtem Symbolismus, was sanft klingt, aber erschlägt. Ein Beispiel: Irgendwann verschwinden auch Bücher, die Romanschriftstellerin muss also ihre geliebten Bücher zusammensuchen und zu dem Platz eilen, an dem auch schon ihre Nachbarn stehen und ein großes literaturvernichtendes Feuer entzündet haben. Nun sind Bücherverbrennungen per se schon das Symbolträchtigste was unsere Geschichte zu bieten hat. Wer so etwas fiktional verwertet, sollte zusehen, dass er ein wenig was in petto, hat. Hat Ogawa nicht, sie hat nur diese schrecklich ausgelatschte Symbolik, wodurch die Szene haarscharf am Fremdschämen vorbeischrammt. Auch der betont verschwurbelt daherkommende feministische Charakter: Die Protagonistin umgibt sich nur mit einem Hund und einem alten Mann. Naja und R halt, aber der ist unterm Fußboden in seinem Verschlag. Wenn ihr nach Umarmungen ist, dann kann sie runter zu ihm, aber er kann nicht hinauf, wenn ihm nach welchen ist. Dazu gibt es mit Verve durchgezogene Stränge um die Sprechstimme, die Frau verliert, um den eigenen weiblichen Körper, den man Stück für Stück zu hassen beginnt, den man Stück für Stück vergessen will. Und ums Gefangensein in einem Turmzimmer, direkt hinter dem riesigen Ziffernblatt der großen Dorfuhr. Die Uhr tickt, sie tackt und manchmal schlägt es 12 und dann ist natürlich richtig Tango angesagt im erzitternden Gefangenenzimmer einer ohnmächtig-hilflosen Frau. Was fragst du, kleiner sprechender Haken, der auf der Schulter sitzt? Ob da auch ein Tsunami drin vorkommt? Und irgendwas mit dem Individuum, so richtig schön lost in Administration und Bürokratie? Na aber sicher. Sogar Schreibmaschinen, die bei manchen nicht mehr funktionieren, bei anderen schon noch, ham wa.

Nun liest sich das, abzüglich meiner unschönen Subjektiveinfärbung natürlich, so heruntergeschrieben vielleicht gar nicht schlecht. Eben. Es ist ja auch ein gutes Buch, stünde es allein im Weltall, wäre es geradewegs super. Es gibt auch gewiss zuvorderst Frauen, die dem Stoff etwas Eigenes und Neues entnehmen können. Und sei es auch nur die 27. Variation von Pi. Kenne ich von mir selbst, ein abgeranzter Typ, der „Paris, Texas“-mäßig allein und ziellos durch die USA eiert, das nennt sich (mitunter auch in der Literatur) Roadmovie, ist als Thema längst abgefrühstückt – mir reicht es aber vollkommen, wenn der Typ in Roman 495 zum Thema einfach nur einen anderen Vornamen hat, um doch wieder grenzdebil begeistert zu sein. Dass Männer, die schon sehr viele Romane gelesen haben, diese „Insel“ mögen, kaum vorstellbar. Es fehlt dem Buch an eigenen Ideen und literarischer Durchschlagskraft. Macht einen auf mutig mit seiner uniformierten Erinnerungspolizei, ist aber wie eine in einem Turmzimmer festgehaltene, stimmlose Frau, die durchaus fliehen könnte – sich aber dagegen entscheidet.

Ein Buch, das wie ein stetes Flüstern daherkommt. Und dadurch sogar die Erinnerungspolizei zu einer Ansammlung von Pappkameraden degradiert.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. November 2022 von in 1950 - 1999, 2 Sterne, Nachrichten, Ogawa, Yoko, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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