David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit, Teil 18. Heute: John Lennon – „Imagine“ (1971)

Ich hasse dieses Lied.

Wissen Sie, woran Sie erkennen, dass Sie ein Lied wirklich hassen? Dass man einen Song doof findet, nicht gelungen oder ein Problem mit dem Sänger hat, das kommt ja schnell mal vor. So richtig abgrundtiefen Kulturhass erkennt man aber daran, dass ein Lied bei einem das Gegenteil von dem hervorruft, wofür es geschrieben wurde. Sie wissen schon, dieses Pharrell Williams-Phänomen, bei dessen „Happy“ kam ich dermaßen schlecht drauf, hatte ich nach wenigen Sekunden so dermaßen genug von der Welt, dass ich, ja, es eben hasse.

Bei „Imagine“ von John Lennon ist es so, dass ich nach nur wenigen Sekunden von diesem nervtötenden Geklimper voll Bock kriege mir das eigentlich unhörbare „19“ von Paul Hardcastle aus dem Jahr 1985 in sämtlichen fiesen Remix-Versionen reinzuziehen. Einfach um die Seife aus den Ohren zu kriegen, die Lennon mir da reinstopfte.

Ich bin wirklich sehr für Frieden. Aber doch nicht mittels Klang- und Textvergewaltigung.

Ich will fair sein: hasst man ein Lied so abgrundtief ehrlich, dann kommt man schnell drauf, dass das wenig mit dem Interpreten, ja auch wenig mit dem Lied zu tun hat. Sondern mit einer Macke, die man selbst hat. Nun gut, es ist schon bezeichnend, dass der coolste aller Beatles, eben Lennon, nach dem Ende der Band am allerwenigsten zu ertragen war und – wenig populäre Lesart, aber immerhin feministisch – allein von Yoko Ono gerettet wurde. Ohne sie wäre doch so gar nichts von seinem Charisma übriggeblieben. Wobei ich mich hier natürlich im argumentativen Kreis drehe, denn ohne Yoko hätte es auch dieses seifige „Imagine“ nie gegeben, war sie es doch, die Lennon mit dem nötigen „Concept“ versorgte, um ein solches Lied überhaupt schreiben zu können. Denn „open minded“ zu sein, tja, sagt sich so einfach dahin, aber schaffe das mal wer. Muss man – Klischee hin, Klishcee her – wohl schon ein Oberasiate für sein. Oder eben eine herrlich irre und wirre Oberasiatin. 1964 veröffentichte Yoko Onoe ein Buch namens „instructions and drawings“. Wilde Kunstnummer, drin aber lauter Tipps wie man einen Geisteszustand erreichen kann, der der gesamten Welt zuträglich ist. Viele lyrische Ergüsse in diesem Buch begannen mit „Imagine“ („Imagine myself crying and using my tears to make myself stronger„).

Das Buch wurde 1971 neu herausgebracht, noch bevor die Single herauskam. Und in jener Zeit war John nicht selten staunender Zaungast bei Signierstunden seiner Frau, deren Philosophie ihn offensichtlich mehr als nur überzeugte. John Lennon schrieb das Lied im Tittenhurst Park Estate in der englischen Provinz, wo er mit Yoko seit 1969 wohnte. Und ja, dieser für alemannische Ohren seltsame Name versöhnt mich fast wieder ein wenig mit dem Lied. Nachdem er schon zwei durchaus avantgardistische Alben mit Yoko Ono aufgenommne hatte, begann er ab 1971 an „Imagine“ (dem gleichnamigen Album) zu arbeiten. Produzenten-Hero (Und Sozialversager) Phil Spector war beteiligt, George Harrison und die Insider-Legende Klaus Voormann. Lennon wurde in den Songcredits später zwar als alleiniger Urheber und Rechtebesitzer aufgeführt, er bekannte später aber, dass Yoko Ono definitiv die Hälfte des Ruhmes, der Rechte und des Zasters hätte einheimsen müssen. Im Dezember 1980, nur zwei Tage, bevor er ermordet wurde, gab er in einem Interview der BBC gegenüber zu Protokoll: „That should be credited as a Lennon/Ono song because a lot of the lyric and the concept came from Yoko. But those day, I was a bit more selfish, a bit more macho, and I sort of omitted to mention her contribution. But it was right out of Grapefruit, her book.“

Als Yoko Ono-Bewunderer glaube ich das sofort, als Mann, der schon zu frühen Schulzeit von friedensbewegt-feministischen Frauen zu Tode gedrillt wurde mit dem Lied (noch schlimmer war nur Marley, keine Ahnung, warum an dem toxischen fiesen Sack derart viele junge Frauen Ihr Gemüt verschwendet haben), packt mich da aber doch direkt wieder das Paul Hardcastle-Verlangen. Aber vielleicht ist es auch das: Ich bin sehr für Friedensbotschaften, verabreicht man sie mir aber mit dem Vorschlaghammer, nun, reagiere ich entsprechend.

Beim 192. Panzergrenadierbataillon, damals in Ahlen/Westfalen, war ich im Übrigen auch n-n-n-ninenteen.

Aber auch Geschichte ist fair, erfuhr doch gerade Lennon mit diesem Lied eine kritische Begutachtung, die man mittlerweile als Vorläufer der woke-Bewegung verstehen darf. Denn wie heißt es in dem Lied so adrett?

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man

Kein schlechtes Statement für einen Typen, der Multimillionär ist und sich mit einer Frau nackt ins Bett legen kann und sogar damit – angeblich alles für den Frieden – noch Kohle scheffelt. Eine engstirnige Kritik, der ich mich aber anschließen kann. Erst letztens das musikalisch zurecht legendäre Band Aid-Konzert in Gänze angeschaut. Die diversen „USA for Africa“-Weihnachtssingles direkt hinterher. Mir dann noch Manuel Neuer mit seiner schwulenfreundlichen Kapitänsbinde gegeben, die er gegen Ungarn stolz trug, jetzt in Katar eher verwässert (ein Schelm, wer Bigotterie vermutet) – naja, und dann halt wieder Paul Hardcastle rausgekramt. N-n-ninenteen. Bono ist ja auch so eine Type.

Kurz nachdem Lennon den Song fertiggestellt hatte – ja, genau, in TITTENHURST! – kam er zu dem an sich coolen Entschluss, dass der Song bestenfalls als Füllnummer auf dem neuen Album taugt, aber kein Hitpotenzial hat. Für ihn war das ein Lied, das man gut auf die B-Seite einer starken Single packen könnte, das tat er sogar. Leider gab er die Single – das politisch sehr unzupackende „Gimme Some Truth“ auf der A-Seite – einigen Journalisten zum Voraburteil. Der Rest ist grausame Musikgeschichte.

Dass sich das Piano-Intro von „Imagine“ in „Don’t Look Back in Anger“ wiederfindet, macht mich zurecht traurig. Letzter Fun Fact: Yoko Ono besitzt mittlerweile alle rechte an dem Lied. Gönne ich ihr. So sieht sie aber eben auch immer, was da so an Anfragen reinkommt, das Stück will ja dauernd wer nutzen. Demnach wollen die meisten Anfrager den Song nutzen, zuvor aber die berühmte „no religion, too“ tilgen. Nicht so stehen lassen.

Vielleicht doch kontroverser als man, ich, glauben mag, das schlimme Lied.

Alle „faszinierende Geschicten hinter dem Mega-Hit“ finden Sie: HIER.

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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