David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Schauspieler sind ja eher selten zum Lachen. Soeben ausgelesen: Lion Feuchtwanger – „Erfolg“ (1930)

von David Wonschewski

Über wenig lässt sich so hervorragend streiten, wie über die Relevanz künstlerischer Erzeugnisse. Egal, ob es nun um Malerei, Musik oder Literatur geht, man wundert sich schon sehr oft, wer so alles mit Preisen behängt wird – und wer nicht. Neu ist das natürlich nicht und letztlich liegt genau darin auch die große Anziehungskraft von Kunst, es ist für Künstler wie Rezipient ein steter Kampf mit Paradoxen. Nimmt man dann noch einen nicht unwichtigen Begriff wie Kommerz hinzu, wird es mitunter völlig irre. Wie gut, dass uns Mutter Natur ein untadeliges Korrektiv in die Gene gepflanzt hat, um in diesem Wertigkeitschaos noch durchzusehen: den eigenen Geschmack. Ha! Nun darf ich nicht für andere sprechen – leider! – nur für mich – verdammt! Mein Geschmack jedenfalls ist laut meiner eigenen Aussage sehr erlesen, mein Gespür für Qualität, so sagte ich jüngst erst wieder über mich selbst und zu mir selbst, abnorm ausgeprägt. Nicht zu vergessen bin ich als einer der ganz wenigen Menschen unbestechlich, nicht kompromittierbar. Word! Wo ich urteile, da ist die Wahrheit dahoam! Fakt!

Ich komme nur darauf, weil ich dieser Tage schwachsinnig genug war nachzugoogeln, in welchem Jahr Lion Feuchtwanger den Literaturnobelpreis bekam, noch zu seiner Münchener Zeit oder erst im Exil? Da mein Internet dazu aber so gar nichts fand, ergo kaputt war, ich mal wieder ganz schrecklich auf mich selbst zurückgeworfen wurde, grübelte ich darüber nach, was wahrscheinlicher ist: Dass das Internet kaputt ist oder dass Feuchtwanger den Preis niemals erhalten hat. Nun, während ich diese Zeilen schreibe, glaube ich noch immer an Ersteres, denn mein Geschmack, wie ich oben schrieb, ist untadelig. Wie kann denn ein wirklicher Weltliterat, der solche Bücher schrieb, das Ding nicht kriegen?

Von Natur aus nicht blöde, beschloss ich mein kaputtes Internet quasi gesund zu tricksen. Und forschte mal nach, warum Feuchtwanger den Preis nicht bekam. Und zack, da findet sich was. Das Nobelpreiskomitee hat 2002 wohl interne Protokolle der eigentlich geheimen Beratungen veröffentlicht. Und da stand es: Feuchtwanger habe literarisch „brutale Effekte und Bluff“, mehr nicht. Diskutiert wurde damals, vor vielen Jahrzehnten, sein Roman „Erfolg“, da der auf der Vorschlagsliste stand.

Nun gut, hiermit bekenne ich: Da bin ich dann wohl Freund brutaler Effekte und Bluffs. Voll das Leseopfer, voll kompromittiert worden. Bestimmt nur, weil Feuchtwanger Jude ist, ich Deutscher, mein Opa Nazi war, man kennt es. Erlesener Geschmack, dein geheimer Name sei: Schuldbewusstsein.

Ts, nichts da, Pustekuchen. Ich gestehe, ich ertrage Naziaufarbeitungsliteratur nur noch in abgewandelten Formen. Als moderne israelische Literatur beispielsweise oder auch in Form einiger weniger Nachkriegsliteratur. Ersteres handelt zumeist vom Nahostkonflikt, zweiteres geht mehr gen 68er und RAF – Nazi-Aufarbeitung sickert aber allüberall deutlich und effektiv durch. Nach „Geschwister Oppermann“ (1933) ist „Erfolg“ erst der zweite Roman von Feuchtwanger, den ich las. Wieder ein fetter Wälzer, fast 900 Seiten. Wieder mitten hinein in die politisch prä-braunen Wirren zwischen 1920 und 1933. Und wieder das Zusammentreffen von Leid und Laster, politisch braunen und roten, Juden und Nicht-Juden. Mittendrin erneut: die ganz große Künstlerbeschau, verbunden mit der wichtigen Frage, was Anstand bedeuten konnte in jenen düsteren Jahren gerade in jenem Milieu.

Ich habe das Buch in fünf Tagen verschlungen. Absolut unüblich für mich, gerade, wenn es um so „eine Lektion in Sachen Geschichte“-Literatur geht. Der Roman erschien 1930 in zwei Bänden, mit, wie sich herausfinden lässt, einer ungewöhnlich hohen Startauflage von 40.000 Exemplaren. Wie das Nobelpreiskomitee war auch die sonstige Kritik eher mittelprächtig begeistert. Wobei die Ablehnung im eigenen Lande nachvollziehbarer ist, man lässt sich generell ungern den Spiegel vorhalten, auch war jene Zeit nicht dazu angetan, sich hierzulande selbst in den Senkel zu stellen, im Gegenteil, das Gefühl genug Unrecht erlitten zu haben überlagerte alles. Feuchtwanger mitsamt seiner Prominenz geriet schnell in „Stinkstiefel“-Verdacht und galt man 1930 als Stinkstiefel, so war es gewiss wenig hilfreich on top auch noch mosaischen Glaubens zu sein.

In „Erfolg“ erzählt Feuchtwanger die fiktive Geschichte eines kultivierten Münchner Kunsthistorikers, der als Direktor der staatlichen Gemäldesammlungen mit der Politik in Konflikt kommt, weil er moderne und umstrittene Kunstwerke anschafft und im Museum ausstellt. Gegen den unliebsamen Dr. Krüger wird ein Sittlichkeitsverfahren eingeleitet, vor Gericht bezichtigen ihn gekaufte Zeugen des Meineids, den er mit drei Jahren Zuchthaus büßen soll. Seine Freunde setzen alle Hebel in Bewegung, ihn zu rehabilitieren, aber sie scheitern damit. Erst einem reichen Amerikaner, der die bayerische Regierung mit einem üppigen Darlehen milde stimmt, gelingt die Revision des Urteils. Zu spät – am Morgen seiner Entlassung liegt Krüger tot in seiner Zelle …

Der eigentliche „Held“ des Romans ist aber das Land Bayern, in dem Feuchtwanger diese Geschichte spielen lässt. Nicht ohne Grund trägt der Roman den Untertitel „Drei Jahre Geschichte einer Provinz“. Die „Provinz“ ist München mitsamt Umland. Feuchtwanger gelingt hier eine gnadenlose Diagnose von Land und Leuten: „Die Bayern knurrten, sie wollten leben wie bisher, breit, laut, in ihrem schönen Land, mit einem bisschen Kultur, einem bisschen Musik, mit Fleisch und Bier und Weibern und oft ein Fest und am Sonntag eine Rauferei. Sie waren zufrieden, wie es war. Die Zugreisten sollten sie in Ruhe lassen, die Schlawiner, die Saupreussen, die Affen, die gselchten.“ Aber der Roman zeugt auch von der Liebe des Autors – in der Figur des Jacques Tüverlin, gewiss als eine Art alter ego Feuchtwangers zu begreifen, der bezeichnenderweise ebenfalls an einem „Buch Bayern“ arbeitet, unschwer zu erkennen, – zu seiner Heimat: „Tüverlin erkennt genau den Menschen der Hochebene in all seinen Mängeln; allein sein Herz hängt an ihm. Er liebt diesen Menschen …“. Doch diese Liebe wurde, wohl weil ihre Darstellung so desillusioniert wirkt, nicht erwidert. Nach Erscheinen des Buches holte Feuchtwanger die Wirklichkeit ein. Die Münchener Neuesten Nachrichten beispielsweise setzten am 7. Oktober 1930 als Titel über ihre polemische Kritik: „Ein Buch des Hasses“.

Mit der Lesebrille des Jahres 2022 ist der Roman nicht nur spannend und lehrreich, sondern immer wieder schlichtweg erstaunlich. Denn wie wir wissen, schrieb Feuchtwanger das Buch deutlich vor der realen Machtergreifung der Nazis 1933. Das Buch gerät dadurch stellenweise derart, nun, prophetisch, dass es schwerfällt zu glauben, dass es nicht von einem Historiker erst in der analytischen Nachbetrachtung dreißig Jahre später verfasst wurde. Exemplarisch soll hier auf die fast schon lustige Einfädelung des Schauspiellehrers verwiesen werden, den die neue nationale Führungsfigur „Rupert Kutzner“, engagiert, um seinen Auftritten die nötige Ausstrahlung zu geben. Ich gebe zu, ich wusste zwar darum, dass Hitler sich seine eigentümliche Intonation und diverse Kniffe stundenlang vorm Spiegel antrainierte, hielt diese Erkenntnis aber für relativ neu, damaligen Zeitgenossen unbekannt. Wie Feuchtwanger diese und jene Shakespeare-Inszenierung anführt, um aufzuzeigen, wie Kutzner/Hitler darauf kam, bei Auftritten dieses und jenes zu tun, das erzeugt eines dieser Lachen, die im Halse steckenbleiben wollen.

Fazit: Es mag sein, dass ich keine Ahnung habe, aber sogar diese Nichtahnung ist bei mir hochgradig erlesen! Mehr Weltliteratur als das hier geht nicht. Ich für meinen Teil habe mir nun alle Feuchtwanger-Romane bestellt, auch wenn die alle so verteufelt dick sind. Ich bin für einen Lesenden zwar noch halbwegs jung, aber ich darf nicht sterben, bevor ich das nicht alles gelesen habe. Wieder: Word! Nochmal: Fakt!

5 von 5 Sternen, in einer dämlichen Kategorisierung, die nicht auf 6 bis 8 Sterne eingestellt ist.

Unterstützen Sie den Autor der obigen Zeilen, indem Sie sich sein „eigenes Zeug“ reinziehen – zwei erste Videoeinblicke sind untenan einzuhaschen. Vielen Dank.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: