David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Beim dreifach gefrederickforsythten Thrillergott aber auch. Soeben ausgelesen: Ross Thomas – „Dornbusch“ (1984)

Ross Thomas

von David Wonschewski

Ach, waren das noch Zeiten. Als Ermittler noch gesunde Menschen waren. Na ja, zumindest halbwegs gesund. Nicht so zerschossene Dauersolo-Wracks wie heute, wo eine eigene heftige Traumatisierung mitsamt daraus resultierendem Gewaltproblem oder Alkoholsucht oder Pillenfresserei daherkommt. Sie wissen schon, die Art von Ermittler, die sich von jeder piefigen Hinterhofzeugin hochdramatisch fragen lassen muss: Sagen Sie, Herr Kommissar, haben Sie Kinder?

Nein, hat er natürlich nicht. Und ist der Kommissar eine Kommissarin, so liegt eine noch viel größere Pikiertheit über der ganzen Szenerie. Ich glaube, ich schaue Krimis im TV nur noch, um diese immergleiche Szene vorgeführt zu bekommen. Nicht, weil ich das psychologisch so wahnsinnig tief oder gar bereichernd finde. Sondern weil, ich es einfach liebe Recht zu behalten. Es gab aber mal Krimis und Thriller mit Ermittlern, die nicht völlig kaputt und kurz vor Burn-out und Suizid standen. Ross Thomas, hierzulande mittlerweile nahezu vergessenes Politthriller-Genie war so ein Autor. Wobei, was heißt schon „Genie“, wenn einer letztlich halbwegs nüchtern einfach das beschreibt, was er aus eigener Berufserfahrung bestens kennt. Thomas kämpfte im Zweiten Weltkrieg und arbeitete, bevor er mit 40 Jahren zum Schriftsteller mutierte, zuvor als Public Relations-Manager für Lyndon B. Johnson, dann als Gewerkschaftssprecher in den heimischen USA, Nigeria und auch in Bonn. Er war es auch, der das berühmte AFN (American Forces Network) maßgeblich mit aufbaute.

Ja, so einer hat was gesehen von der Welt, kennt sich aus auf und in ihr. Und nicht nur das, er weiß bestens Bescheid über Verwicklungen und Verstrickungen, die dem eigenen Auge oftmals verborgen bleibt. Einfach, weil er selbst ordentlich mit gestrickt und mit verwickelt hat. Der Mann verfügte über auffällig viel Täterwissen, gewissermaßen. Seine Thriller gerieten dadurch zwangsläufig besorgniserregend real. Geschichten erfinden, so sagte er einmal, könne er gar nicht einmal so gut. Und es wäre ja nicht nötig, das zu tun. Wir ahnen: Derweil die besten Geschichten auf der Straße liegen und die schönsten Geschichten das Leben schreibt – findet sich der ganz wahre Dreck bei einem Autor wie Ross Thomas. Aber: mit immerhin einem psychisch kein Stück labilen Ermittler. Benjamin Dill, so heißt der im Roman „Dornbusch“ von 1984, fungiert gerade als Berater des jüngsten Repräsentantenhaus-Senators in Washington als er erfährt, dass seine Schwester Felicity durch eine Autobombenexplosion ermordet wurde. Felicity selbst war Detective bei der Mordkommission, Dill aber glaubt nicht, dass ihre Kollegen sich ausreichend bemühen, dieses Attentat aufzuklären. Also reist er sofort in seine alte (fiktive, unbenannte) Heimatstadt im Südwesten der USA und macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Im Gepäck hat er neben seiner Trauer auch einen Auftrag: Er soll einem ehemaligen CIA-Mann eine eidesstattliche Erklärung abnehmen – seinem Jugendfreund Jake Spivey, der in Waffengeschäfte verstrickt war….

Wer meine eigenen Romane – das depressive „Schwarzer Frost“, das schizoide „Zerteiltes Leid“ oder das bipolare „Blaues Blut“ – kennt, wird sich über die nun folgende Aussage womöglich etwas wundern, aber: Ist das alles herrlich aufgeräumt in diesem Thriller! So richtig eine Vollmeise hat in diesem Roman eigentlich niemand, ja nicht einmal eine Form von Triebtätertum lässt sich finden. Hier agieren lauter durchaus leicht charismatische Figuren – ein Charisma, das sich vielleicht gerade aus diesem Fehlen von „modernen Macken“ ergibt – die im eigenen finanziellen und machtpolitischen Interesse handeln. Und das ist, mit der Lesebrille des Jahres 2022 auf der Nase, gerade weil da es so unspektakulär ist, so spektakulär. Wer weniger Seiten dafür aufwendet, zu beschreiben, wie jemand in früher Kindheit missbraucht wurde oder wie geil es für wen anderes ist zu saufen, hat mehr Kapazitäten frei für so etwas Traditionelles wie Plotentwicklung. „Dornbusch“ ist ein richtiger Pageturner, 335 Seiten atmen sich mal eben so weg und Thomas schichtet derart geschickt und glaubwürdig Lösungsoption auf Lösungsoption, ja verzichtet sogar auf das, mit Verlaub, saudumme falsche Fährten legen – wobei jedem Leser mittlerweile klar sein sollte, dass ein Täter, der einem auf Seite87 präsentiert wird, nie der Täter sein kann – dass man wenige Seiten vor Romanende noch immer keine Ahnung hat, wer es war und was nun wirklich war.

Wer gerade in ihrer Nüchternheit brillante Thrillerstoffe á la Frederick Forsyth oder auch John Grisham mag, kommt bei Ross Thomas komplett auf seine Kosten. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen – der letzte Stern fehlt nur, da Krimis und Thriller per se nicht ganz die von mir literarisch bevorzugte Richtung sind, ihre Kraft aus dem Moment des Lesens gewinnen, kaum beendet und zugeschlagen, aber nichts in mir hinterlassen. Außer eben, im besten Fall und so wie hier, Bewunderung für die Fähigkeiten des Autors.

Unterstützen Sie den Autor der obigen Zeilen, indem Sie sich sein „eigenes Zeug“ reinziehen – zwei erste Videoeinblicke sind untenan einzuhaschen. Vielen Dank.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2022 von in 1950 - 1999, 4 Sterne, Nachrichten, Soeben ausgelesen, Thomas, Ross und getaggt mit , , , , , .
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