David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Ein zorniger Mann schafft sich ab. Leseprobe aus: David Wonschewski – „Blaues Blut“ (VÖ 28. März 2022)

Der Roman „Blaues Blut“ von David Wonschewski erscheint am 28. März 2022, ist dann gleichermaßen erhältlich beim Indieverlag wie beim digitalen Versandgroßkapitalisten. Mit drin im Buch ist im Übrigen auch ein Soundtrack des hervorragend zynischen Liedermachers Christoph Theussl sowie latent misanthropische Zitat-Postkarten mit Motiven, wie wir es hier als Postingbild sehen. Wer das Buch direkt bei mir bestellen möchte, da es sie oder ihn zu Signatur und persönlicher Widmung sowie Unterstützung brotloser Kunst zieht – sende mir einfach eine kurze Nachricht: HIER.

„Du bist dir dieses tief in dir sitzenden Zornes eine lange Zeit gar nicht bewusst gewesen, bist bei seinem erstmaligen Auftreten noch ganz abwesend gewesen. Und hast seinem Entstehen somit schlichtweg nicht beigewohnt. Über dich gekommen wie ein Schatten ist dieser Zorn. Und steht einer eh schon im Dunkeln, so mutmaßt du, tappt dauernd nach einem Lichtschalter, findet aber keinen, so kann er einen solchen über ihn kommenden Zorn geflissentlich übersehen. Ist es nicht genau so passiert? Damals, als du dich entschlossen hast zur Rettung deiner Würde dein Menschsein abzustreifen und stattdessen zum Untier zu werden?

Und wer weiß, vielleicht wärst du längst Amok gelaufen, hättest deinen Zorn nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten über diese Drecksbrut von Menschengeschlecht gebracht. Wärest zu einem geworden, der sich in einer Einkaufspassage selbst in die Luft sprengt oder sich einen Vollbart wachsen lässt, einen auf gläubig macht und sich nach Syrien oder in den Irak absetzt, da sich dort noch leben lässt wie auf einem Truppenübungsplatz. Sogar von der UNESCO zum Weltkulturerbe hochstilisierten Statuen den Kopf abschlagen dürftest du dort. Und ein abstruses Lächeln bemächtigt sich deiner, wie du es dir vorstellst, dass du da stehst in einer antiken Stätte, Gott bejubelst und zeitgleich den Vorschlaghammer schwingst und der Menschheit ihren kulturellen Unterbau zertrümmerst.

Ja, du hättest dich vermutlich längst dieserart außer Landes geschafft, radikalisiert bist du schließlich schon. Doch wozu in die Ferne streifen, hattest du doch eines Tages in deinem Fernsehgerät jene Werbung gesehen, in der ein Mann auch hier, mitten in Westdeutschland, einen Hammer in seiner Hand hält, etwas zu seinem Projekt macht. Und dabei so ruhend in sich selbst aus der Wäsche glotzt. Du sahst diese Werbung in deinem Fernsehgerät und standst sofort auf, liefst vor einen Spiegel, betrachtetest dein bartloses Gesicht und hieltst es neben das Gesicht des bärtigen Mannes aus dieser Werbung. Und stelltest sogleich eine große Ausdrucksdiskrepanz fest. Schreckhaft, offen wie ein Klappmesser – du. Fokussiert, gusseisern verschlossen wie sein Hammer – er.

Du bist kein Handwerker, bist nie einer gewesen. Und doch fandst du dich schon am nächsten Morgen im Baumarkt wieder. Standst mit glühenden Augen und Ohren an der Kasse, ausgestattet mit einem Hammer, dem größten und schönsten Hammer, den du hattest finden können zwischen all den vielen Verlierer-Hämmern. Vor dir in der Reihe standen ein junger Mann und eine junge Frau, schoben einen Kinderwagen vor sich her und direkt dahinter du, den großen, den prächtigen Hammer in der Hand, beständig dein Drecksbrut, Drecksbrut, Drecksbrut vor dich hin denkend. Oder hast du es bereits geflüstert?

Gerne hättest du es noch ein wenig mehr gedacht oder gezischt, doch du kamst nicht dazu, denn der verkommene junge Mann und die verkommene junge Frau spürten offenbar ein Unbehagen ihnen den Nacken hinaufkrabbeln, sahen sich mit Angst im Blick nach dir um und entschwanden mitsamt ihrem durch und durch perspektivlosen Balg auf die schnellste Art und Weise, auf die du je Menschen vor dir und deinen Gedanken hast flüchten sehen. Still lächeltest du in dich hinein, hieltst den wuchtigen Eichenholzgriff deines Hammers fest umklammert, strichst sanft mit deiner Fingerspitze über den gusseisernen Hammerkopf. Und dann geschah es: Wärme und Vertrauen durchdrangen deinen Körper. Und eine Selbstsicherheit nahm von dir Besitz, eine Festigkeit wie du sie nie zuvor erfahren hattest in deinem seit Kindheit schluderigen, hin- und herpendelnden Wackeldackel-Körper. Und du dachtest an all die Situationen in denen du mit diesem und jenem aneinandergeraten warst, Situationen in denen schnell alles außer Fugen geraten und du zu einem wild umherbrüllenden Rumpelstilz geworden warst. Vollkommen ausgelaugt hatte dich deine Streit- und Kampfeslust, sodass eine große Leere ein jedes Mal die schreckliche Folge gewesen war. Wie viel besser dran wärest du in jenen Situationen gewesen mit einem schweren gusseisernen Hammer in der Hand, so dachtest du dort an der Kasse.

Und du lächeltest bereits so zufrieden vor dich hin wie der Mann in der Werbung. Und du hattest ja auch allen Grund dazu! Denn hat ein Mann erst einmal einen Hammer, so streift er die Theorie von sich und bemächtigt sich der Praktik. Emanzipiert sich. Ja, er wird ein richtiger, ein pflichtbewusster, ein verantwortungsvoller Mann.

Und ein richtiger Mann, der braucht keine Worte mehr, hat er ja einen Hammer, mit dem sich jedes Problem binnen Sekunden und mittels Hammerschlag aus der Welt schaffen lässt. Insofern man irgendeine Form von es zu seinem Projekt zu machen imstande ist.

Dass du kein Mensch für einen Hammer bist, hast du dein ganzes bisheriges Leben lang gedacht. Doch das stimmt nicht, einem Irrglauben bist du erlegen, als du dich als handwerklich unbegabten Menschen abgestempelt hast. Denn richtig ist zwar, dass dir der konstruktive Grundgedanke eines jeden Handwerks seit jeher verwerflich und geradezu arrogant erscheint. Falsch ist aber, dass ein Hammer ein auf Konstruktivität festgelegtes Instrument sei. So sehr geekelt hast du dich vor der Vorstellung etwas Tragfähiges zu erschaffen, dass du gar nicht richtig hingeschaut hast, sich eine Klischeevorstellung vom Nutzen eines Hammers in deinem Kopf festgesetzt hat. Dann aber sahst du erst diese Werbung, in der ein Mann einen Hammer trägt, etwas zu seinem Projekt macht. Und begegnetest kurz danach in einer Nachrichtensendung erstmalig den bärtigen Schergen eines wie auch immer gearteten einziges Gottes, wie sie mit eindrucksvollen Hämmern in der Hand in einer antiken Weltkulturerbestadt antike Weltkulturerbestatuen zu Staub droschen.

Ist das behämmert, so rauntest du dir zu. Erfreutest dich ein wenig an deinem der Situation angepassten Wortspiel. Und schobst dann, als sich dieser Gedanke ein wenig gesetzt hatte, flugs hinterher: Aber gar nicht doof. Aber gar nicht doof.

Und so standst du wenig später also im Baumarkt an der Kasse, blicktest der Kassiererin in die Augen. Und sagtest: Einen schönen guten Tag, mein Name ist Frankenfelder, ich erwerbe dieses traditionelle Schlagwerkzeug, denn wissen Sie, genau das hätte ich vermutlich schon viel früher tun sollen. Doch sie äußerte sich nicht dazu, wie Frauen sich nie zu Männern äußern, die es verstehen, das Leben aufs Wesentliche zu reduzieren. Und so nahmst du dein frisch erworbenes Handwerksinstrumentarium an dich, zischtest – oder dachtest vielleicht auch nur zu zischen – Drecksbrut-Kassiererin, Drecksbrut- Kassiererin, Drecksbrut-Kassiererin! Und schlendertest alsdann, seit langer Zeit zum ersten Male wieder fröhlich und ausgelassen, deiner Wege.

In deiner Wohnung angekommen standest du zunächst ein wenig ratlos in deinem Wohnzimmer herum. Du warst bereits sehr fürs Hammertragen, vertratst bereits die Ansicht, dass ein Mann, der keinen Hammer an seinem Gürtel hängen hat, genauso gut im Schi-Schi auf einer tuckigen Kabarettbühne auftreten, Chansons oder Lyrik schreiben, sich arsch-, sinn- und nutzlos zugleich geben kann. Als zu Recht zu verlachende Narrennummer, hofiert von einer Drecksbrut an Publikum. Es gab eine Zeit, da konntest du das nachvollziehen, auch du hattest einmal intensiv auf dem Gedanken herumgekaut vielleicht ein Künstler zu sein. Weil du spürtest, dass du nach einer Vervollkommnung deiner selbst und einer Optimierung der Menschheit strebtest, obschon sich beides bekanntlich nirgends so schlecht realisieren lässt wie auf einer Bühne. Und am allerwenigsten von just den Gestalten, die permanent auf eine solche streben, die es ins Scheinwerferlicht zieht, die es geradezu drängt, ein öffentlicher Mensch zu werden. Denn ein öffentlicher Mensch, der hat noch nie etwas erreicht, öffentliche Menschen sind Projektionsflächen, willfährige Missbrauchsobjekte derer, die sie begaffen. Willst du aber wirklich etwas ändern, willst du einer wie auch immer gearteten Gesellschaft einen Stachel ziehen oder ein Bein stellen, so musst du ein geheimer Mensch sein und es auch bleiben. Jene bärtige Burschen aus den Handwerkerwerbespots und auch jene bärtigen, jene Statuen zerstörenden Burschen im Irak und in Syrien, die hatten das gerafft. Hatten verstanden: Niemand darf deinen Namen kennen und niemand Bescheid wissen über deine Pläne und Beweggründe. Deinen Zorn zu kaschieren musst du lernen, nach außen lächeln und Gott preisen, klammheimlich aber dekonstruieren. Keinesfalls aber darfst du ein Künstler auf einer Bühne werden, verhält es sich bei jenen doch exakt andersherum, geben vor, die Menschheit aufrütteln zu wollen, können aber, kommt es hart auf hart, nichts anderes verrichten als die Saiten ihrer Gitarren nachzuziehen. Derweil du, immerhin, dein G36 in gestoppten 98 Sekunden auseinander- und wieder zusammenbauen kannst. Auch wenn du es zu deinem eigenen Verdruss schon allzu lange nicht mehr getan hast, es geradezu an der Zeit wäre das mal wieder zu tun. Nicht in einer Erdkuhle auf einem Truppenübungsplatz, nein, über diese Entwicklungsstufe des Zorns bist du

lange hinweg, aber….“

Der Roman „Blaues Blut“ von David Wonschewski erscheint am 28. März 2022, ist dann gleichermaßen erhältlich beim Indieverlag wie beim digitalen Versandgroßkapitalisten. Mit drin im Buch ist im Übrigen auch ein Soundtrack des hervorragend zynischen Liedermachers Christoph Theussl sowie latent misanthropische Zitat-Postkarten mit Motiven, wie wir es hier als Postingbild sehen. Wer das Buch direkt bei mir bestellen möchte, da es sie oder ihn zu Signatur und persönlicher Widmung sowie Unterstützung brotloser Kunst zieht – sende mir einfach eine kurze Nachricht: HIER.

Weitere generelle Informationen und Textproben zum bzw. aus dem Buch gibt es: HIER.

6 Kommentare zu “Ein zorniger Mann schafft sich ab. Leseprobe aus: David Wonschewski – „Blaues Blut“ (VÖ 28. März 2022)

  1. Alexander Carmele
    10. Mai 2022

    Habe das Buch bekommen! Zerteiltes Leid. Vielen Dank, dass das so gut geklappt hat!

  2. Alexander Carmele
    7. Mai 2022

    Ja, so eine Frechheit aber. Tatsächlich schimmelte die im Spam-Abschiebeordner. Habe das Geld überwiesen, und beantworte gleich die Email noch. Danke für den Reminder.

  3. davidwonschewski
    7. Mai 2022

    Hallo, Alexander,

    vielen Dank für deine Privatnachricht über mein Kontaktformular. Hatte dir an die dort genannte Mailadresse Donnerstagfrüh geschrieben, brauche noch eine Antwort zu der dort gestellten Frage, damit ich die Bücher losschicken kann. Nur als kleiner Reminder, bei „Erstmails“ habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass die in SPAM-Filtern landen etc. Viele Grüße, David

  4. davidwonschewski
    5. Mai 2022

    Hallo, Alexander,

    „Beat“ wurde mir noch nie bescheinigt, wie fein ist das denn? Also gerne wickeln wir das undercover und privat ab. Klicke einfach hier:https://davidwonschewski.wordpress.com/kontakt/

    Und sende mir deine Postadresse dort, e-mail-Adresse bitte auch angeben für die Bankverbindung. Ich danke enorm und wünsche einen tollen Tag!

  5. Alexander Carmele
    4. Mai 2022

    Ich mag diese krass-selbstzerstörerischen Beat. Ist es dir lieber, bei dir direkt zu bestellen, oder bei dem Großkapitalisten?

  6. Xeniana
    17. März 2022

    Ich habe besonders den Anfang sehr gern gelesen

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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