David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

In den Niederungen der Frauenfußball-EM. Oder: Ein Stammtisch-Nazi bekennt Farbe.

Da wurde ich dieser Tage im Netz doch glatt als Nazi bezeichnet. Hatte ich schon oft, klar. Aber halt lange nicht. Was daran liegt, dass ich nicht mehr so oft Kommentare hinterlasse bei anderen. Aus genau dem Grund, es nahm einfach überhand. Manche beklagen, der Meinungskorridor sei enger geworden, aber das stimmt nicht, er ist sogar breiter geworden. Früher war ein Nazi einer, der, naja, Wikipedia. Heute ist ein Nazi im Grunde jeder, der was sagt, was einem nicht gefällt. Und wo einem adhoc keine Gegenargumente einfallen. Wissen Sie, wenn man mich vor 3 Jahren etwa als Nazi bezeichnete, dann traf mich das tief. Ich verfiel in den deutschtypischen Rechtfertigungsmodus, listete all die vielen Dinge auf, die beweisen, dass gerade ich eben NICHT… naja. Bis ich irgendwann merkte, dass es um mich gar nicht geht. Sondern mehr um den es Aussprechenden, seinen Umgang mit anderen Meinungen oder noch schlimmer, seine Lust, Beiträge einfach so zu werten wie es eben ihm zupass kommt. Frei nach dem Jägermotto: Wenn mir gerade kein Elch vors Schießeisen kommt, nehme ich auch eine Bisamratte und stelle mir einfach vor es wäre ein Elch.

Haben Sie schon einmal vom sogenannten „Triptychon der sich selbst entwürdigenden Argumentationslosigkeit“ gehört? Vermutlich nicht, stammt nämlich von mir, ha. Das ist quasi ein Dreischritt, hübsch hingepinselt und vorhersehbar und der geht so: Ein Bekannter schreibt in seinem Posting, so wie es eben dieser Tage geschah, was zum bevorstehenden Spiel der Frauenfußball-EM Deutschland gegen Österreich und flechtet eine nette Anekdote ein, was seine kleine Tochter unverblümt dazu sagte. Darauf sage ich sinngemäß, dass ich mir das Spiel als moderner Mann natürlich ansehe, wiederhole es später sogar nochmal (na und habe es mir dann auch angeschaut, super war das). Und schließe meinen Kommentar mit einem eigenen Kinderanekdötchen, nämlich dem, dass auch kleine Jungs unverblümt zum Thema reden, dann aber sagen, dass sie keinen Bock darauf haben, sich Frauenfußball anzusehen. Gut, meine Ironie im abschließenden „Tja, Kindermund tut Wahrheit kund“ war nicht für jeden ersichtlich, sollte aber den Finger darauf legen, dass tolle Aufklärung und Medienoffensiven immer nur eine Seite der Medaille sind, die andere Seite ist das Volk, das eben selbst entscheidet, ob es hinterhergehoppelt kommen will oder nicht.

Schwupp, hier also Schritt eins vom Triptychon, der heiligen Dreifaltigkeit der Internettrollerei, kam schon wer von der Seite und bezeichnete mich als „Nationalhonk“. Dass ich geschrieben habe, dass ich das Spiel schaue und dass ich – jetzt rechtfertigt er sich! – zudem mit Sicherheit und nicht aus Zufall mehr über Gero Bisanz und die frühe Sylvia Neid weiß als alle nicht-Nationalhonks, dass die Stürmerin Frau Neid (noch mit Stoppelfrisur) sogar in meinem Kinderzimmer an der Wand hing, egal (oh je, er hat sich gerechtfertigt).

Nun kann ich akzeptieren, dass mancher das, was ich schrieb, als „dämlichen Kommentar eines Nationalhonks“ empfindet, verstehe es intellektuell aber halt nicht. Ich finde einfach Wonschewski, du Riesenarschloch hätte gereicht. Immer noch unlogisch, klar, aber muss es denn immer gleich der atomare Erstschlag sein? Nazi. Ts. Ich geb‘ dir gleich Nazi, du…du…Zwergnase du.

Hier begann also mein Triptychon, das letztlich funktioniert wie Kartengekloppe in der Kneipe bei Weizenbier. Und für das nur Männer anfällig sind, die dann wie so Böcke mit dem Geweih aufeinanderzustürmen, obschon es eigentlich keinen Grund dafür gibt. Er, Schritt 1: Nazi! – Ich, Schritt 2: Also, das ist mir jetzt zu Stammtisch! – Er, Schritt 3: Du betreibst Täter-Opfer-Umkehr!

Nazi, Stammtisch, Täter-Opfer-Umkehr – wer immer das hier liest, nutzen Sie bitte diese drei „Argumente“ nie nie nie wieder. Die sind outdated, die erzeugen Gelächter, die lassen sie dastehen wie Zwerg ohne Nase und wenn doch mit Nase, dann Nase klein.

Vielleicht ist was dran an der Annahme, dass Männer besser die Schnauze halten sollten im Internet. Frauen sind kein Stück bessere Menschen, haben aber ein Gespür, wo man sich unnötig die Finger schmutzig macht, wo man sich selbst eher herabwürdigt als mit tollen Weihen selbst behängt. Ich nehme mich da selbst nicht aus, wenn ich mir so ansehe, was und wie Männer sich bei gewissen Themen um Kopf und Kragen posten, erkenne ich eine große Gemeinsamkeit, eine Klammer, den alte-und-alternde-Männer-Nenner: Kellogg’s Frosties. Deren Kultclip über den Tiger, den man rauslassen soll, dass man allen zeigen soll, dass man ES kann (freilich ohne dieses ES konkret zu definieren) gilt als Schläfer der Werbebranche. Eine Saat des Dunklen, aufgegangen erst ab 2010 etwa in vielen in die Jahre gekommenen Männerhirnen. Beobachten Sie das mal, gewisse Männer ab einem gewissen Alter argumentieren im Netz als hätten sie in der Jugend zuviele Frosties gefuttert. Und holen sich jetzt das, was ihnen die Werbung einst versprach. lassen ihn raus, den Tiger, zeigen allen, dass sie es, ja was?, irgendwas auch können.

Es riecht nach Milch.

Dabei ist der Clip eigentlich cool, weil er doppelbödig ist. Denn er besagt, dass du kein Mann, sondern ein Knirps bist, eine Luftpumpe, die sich in einer Luftpumpenwelt aber mal wie ein Tiger fühlen darf. Nun wird mancher einwenden, dass auch Adriano Celentanos-Kultkömödie „Gib dem Affen Zucker“ (1981) hier gut Pate stehen kann, wo wir schon bei afrikanischen Tieren sind. Aber nix da, postet das selber, Afrika, Zucker, Ornella Muti, ich bin doch nicht irre, da rieche ich mein Triptychon regelrecht, mehr als 27 Nazi-Bezichtigungen die Woche ertrage ich nicht, ohne die Sehnsucht zu entwickeln in Polen einzumarschieren (der war jetzt bei Woody Allen geklaut).

Lassen Sie mich das eigentliche Thema dieses braunbraunbraunsindallemeinefarben-Gedankens noch zu Ende bringen: Frauenfußball. Ich habe lange nicht reingeschaut, weil ich selbst am TV Athletik vermisste, es stocherte sich da doch sehr über die Mattscheibe lange Jahre. Das hat nichts mit Geschlecht zu tun, glaube ich, beim Tennis beispielsweise merke ich keinen Unterschied, das fetzt hüben wie drüben. Das ist mittlerweile anders, Deutschland-Österreich, auch und gerade die Engländerinnen, mittlerweile alles da, was es braucht, um am TV-Gerät zu bleiben. Und doch wird es dauern, dass in die Köpfe zu kriegen. Mit Sexismus oder patriarchalen Strukturen hat das wenig zu tun. Wenn ein Ronaldo, mit Verlaub, totgeschissen wird mit Geld, dann liegt das nur bedingt an ihm und was er kann, auch nicht daran, dass er weiß ist oder ein Mann. Sondern daran, dass das, was er tut, eine über 120-jährige Geschichte hat, aufgeladen ist mit Legenden, Fehden, Skandalen, Idolen und Losern. Der eigene Marktwert hat sich noch nie nur durch die eigene Leistung definiert. Auch wenn das nicht ganz fair ist, der professionelle Frauenfußball ist auf so einer vergleichenden Zeitleiste gerade im Jahr 1930 des Männerfußballs angekommen. Fussballprofi war von der Reputation und vom Gehalt her jahrzehntelang ähnlich dem Beruf des Schauspielers eine richtiggehende Arschnummer. Noch in den 60er-Jahren hatten Bundesligaspieler oft einen weiteren Job, um über die Runden zu kommen. Dieser Tage starb Uwe Seeler, da gab es oft Fotos oder TV-Ausschnitte, auch aus dem Privatleben der Seelers. Nicht gesehen wie der lebte, wie auch Beckenbauer oder Müller lebte damals? Man lacht sich fast tot, wenn man die Runzelbuden dieser Weltstars heute sieht. Klar, Netzer pracherte kurz darauf mit seinen Sportwagen, das war aber eher eine windige Charakterfrage und ging da auch gerade los und auch nur im Ausland.

Der Weg des Frauenfußballs ist vorgezeichnet: Krieg die Leute vor die TV-Geräte und in die Stadien. Das und nur das ist die Herausforderung. Und da wird es spannend. Den ganzen Grund kenne auch ich nicht, doch lassen Sie mich abschließend einen aktuellen Schwank aus meinem Leben erzählen, der, so hörte ich, stellvertretend ist. Ich war dieser Tage auf einem 80. Geburtstag. Und wie das so ist, gehörte ich zum „jungen Gemüse“. Ich saß da also an meinem Tisch zwischen lauter 70-85-jährigen und merkte irgendwann, dass ausgerechnet ich Jungkklops der einzige Kerl bin, der nicht dauernd am Handy spielt. Also fragte ich mein Gegenüber, in gebotener Lautstärker, was die Herren denn alle immer am Handy rumfummeln, ich dachte, das sei eine Krankheit der Jugend. Und der Senior: Deutschland schauen, spielen heute, Frauen!

Ich war wirklich beeindruckt, ein halbes Dutzend Senioren, alle 5 Minuten am Handy. Wie steht, Alfons? – 0:0 steht, Ludger……häh, wie steht? – 0.0!!!…ah, 0:0! Für wen?! Und alle Altherren so: Hihihihi. Aber: Keine Frau interessierte es, nicht alte, nicht mittelalte, nicht junge, die es als Servicekräfte gab. Später musste ich erleben, wie einer der alten Herren glaubte endlich mal wieder ein Thema zu haben, dass er mit einer dieser jungen Kellnerinnen teilen könnte. Strahlend ging er auf sie zu: „Und, zufrieden? Steht 1:0!“. Es dauerte dann seine Zeit, bis er ihr erklärt hatte wer gerade was wann warum wo veranstaltet. Und ihr beizubiegen, dass das mit Jogi Löw gar nichts zu tun hat. Schon lange nicht mehr. Wir erkennen: Demenz und Begriffstutzigkeit sind zwei grundverschiedene Dinge.

Ich war noch nie bei einen Frauenfußballspiel live, mir wurde aber mal von welchen erzählt, die da waren, dass man sich wundert, wenn man hingeht. Da hängt wohl nicht zuvorderst die junge weibliche Klientel auf der Tribüne ab, die für Teilhabe an Macht und Status eintritt oder, würde ja reichen, zumindest Bock hat paar Tore zu bejubeln. Die lassen sich da wohl sogar auffallend selten blicken. Wirklich da sind alternde und alte Männer. Gewissermaßen die, die man gerne dafür verantwortlich machen möchte, dass es nicht voran geht, sind also die, die eisern hingehen. Nazis, Stammtischaffen, Leute wie du und ich halt. Täter-Opfer-Umkehrer. Erinnert mich stark an Polizei und Bundeswehr. Da sind die Leute, die hingehen auch nur deswegen so ein großes Problem, weil die, die den Läden gut täten eben nicht hingehen. Sich weigern, dein eigenen Klugscheißerein auch mal Taten folgen zu lassen..

Unterstützen Sie den Autor der obigen Zeilen, indem Sie sich sein „eigenes Zeug“ reinziehen – zwei erste Videoeinblicke sind untenan einzuhaschen. Vielen Dank.

5 Kommentare zu “In den Niederungen der Frauenfußball-EM. Oder: Ein Stammtisch-Nazi bekennt Farbe.

  1. aranxo
    22. Juli 2022

    Dann bin ich wohl ein untypischer alter Sack, weil ich mich für Frauenfußball nicht die Bohne interessiere. Gut, auch ansonsten interessiere ich mich für Fußballl immer weniger, je älter ich werde.

    Die betulich-penetrante Werbung für Frauenfußball in den progressiv dominierten Medien nervt nur noch. Ich bin zu alt, um mir von irgendwelchen Twentysomethings vorschreiben zu lassen, was ich gut finden soll. Wenn es wirklich attraktiv wäre, würde es seine Zuschauer schon von alleine finden. Und die Gehaltsdiskussion ist erst recht unsäglich. Sport ist Showgeschäft, keine Sache von TVöD. Solche Hirnfürze können sich doch nur Beamtenhirne ausgedacht haben. Vielleicht sollten die auch mal was dagegen tun, dass Helmut, Hammond-Orgel-Alleinunterhalter aus Hintertupfingsöd, viel weniger verdient als die Stones im Frankfurter Waldstadion. Menno!

    „Der Begriff Nazi wird inzwischen verteilt wie Payback-Punkte.“ (Nikolai Binner)
    Man sollte die Bezeichnung „Nazi“ inzwischen als Auszeichnung sehen. Diese Idioten haben es geschafft, ihn zu einem Synonym für „Selberdenker“ zu machen.

    Dass es vorgeblich Progressiven nur zu oft völlig ausreicht, die vermeintlich überlegene Haltung/Gesinnung herauszuposaunen, dann aber die Hände in den Schoß zu legen und den Worten keine Taten folgen zu lassen, ist nur zu gut bekannt. Nur frage ich mich inzwischen, ob das nicht besser für uns alle ist. Die Fähigkeit solcher Leute „to mess things up“ darf nicht unterschätzt werden.

    Und: Haben mehr Progressive in der Berliner Polizei (zumindest in der Führung) nicht zu härteren Prügelorgien gegen Querdenker-Omas geführt (wegen aggressivem Hochhaltens eines Grundgesetzes)? Die Hoffnung, mehr Linke in Polizei, Justiz und Gemeindiensten (sic) würden zu weniger Unterdrückung führen, ist durch die Existenz der DDR IMHO widerlegt worden. Die Repression fokussiert sich da allenfalls auf andere Leute. Nämlich die, die nicht so ganz überzeugt sind von der alleinseligmachenden Wirkung linker Politik.

  2. Maccabros
    22. Juli 2022

    Nein, die beschriebenen Reaktionen der Knallnasen auf Deinen Kommentar…

  3. davidwonschewski
    22. Juli 2022

    meinst du mich damit?;-) Wäre doof und unlogisch, aber hey, ENDLICH mal was Neues, viel besser als Nazi;-) Ja- das rockte total. Semifinal.

  4. Maccabros
    22. Juli 2022

    Und die Damen sind in Halbfinale…😉⚽

  5. Maccabros
    22. Juli 2022

    Geistige Tiefflieger, die das Gehirnradar erheblich unterfliegen…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Juli 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , .
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