David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit, Teil 17. Heute: Nirvana – „Smells Like Teen Spirit“ (1991)

von David Wonschewski

Das war ja mal sowas von klar. Der Autor, also meine Wenigkeit, ist Jahrgang 1977, im September 1991 war er also 14. Da sind Nirvana seine Stones, sind sein Wedekind, sein Frühlingserwachen. Sind die Band, die alles änderte. Klar wie Kloßbrühe, oder?

Hübsche Vorstellung, stimmt aber nicht. 1991 hörte ich als einziger in meiner gesamten verdammten Jahrgangsstufe nicht Grunge. Ich schwor auf Depeche Mode. Und wurde blöd angegrinst deswegen. Lustigerweise recht oft mit dem Hinweis, Depeche Mode sei ihnen zu depressiv. So much for german music listeners from the so called cool scene. Wie uncool ich war, sagten sie und es stimmte letztlich wohl auch. Cool war: lange Haare, Seattle, Grunge, Schlabberlook. Ich: kurze Haare, weiße Jeans, Doc Martens. Ich kann das erklären, meine ältere Schwester wurde Ende der 80iger England-filtriert. Da gab es so einen Morrissey-Smith-Brother Beyond-Style. Die Jüngeren erinneren sich noch an das Duo Hurts und die Älteren wissen noch wie Bros rumliefen. Finde ich immer noch cool. Ich war nur nie Teil einer Jugendbewegung und genau das war das Problem.

Kurzum: Ich habe Grunge gehasst.

Ist ja nicht so, dass ich Grunge nicht versucht hätte damals. Aber was sollte ich machen, lange Haare sehen bei mir scheiße aus, was mir ab einer gewissen Länge auch jeder ungefragt und sehr gerne bestätigte. In meinen Vans lief ich herum wie andere Leute auf Stelzen. Und in mein erstes kariertes Baumwollhemd musste man mich regelrecht reinschießen. Gott, ich hasste diese ganze Szene. „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, sangen Tocotronic kurze Zeit später. Hätte es dieses simpel grandiose Stück doch nur schon 1991 gegeben. Ich hätte es den ganzen coolen Typen in die verlotterten Drecksmähnen geschmiert. So sieht es ja wohl mal aus. Aber halt, das ist unfair, ich hasste ja gar nicht meine Mitschüler, ich hasste die Urheber: Nirvana. Das Lied „Smells Like Teen Spirit“ ging schon. Letztlich von der Grundaussage her ja gar nicht so anders als das anderthalb Jahre vorher erschienene „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode. Ich bin weiß und privilegiert, heule aber dennoch rum. Der ganze dämliche Rockzirkus fusst auf dieser einen Attitüde. Kommt daher, dass der Ursprung des Rock im schwarzen Blues zu finden ist. Und der das Jammern zur Kunstform erkoren hat. Denken zumindest privilegierte Mittelschichtbubis. So wie kulturversierte Menschen älteren Semesters es deckungsgleich über den Fado mit seiner Saudade denken. Dass es einen Unterschied zwischen gut-berechtigtem und luftleerem Jammern gibt, nein, das rafft unsereins nicht, nie, selten. Ich jedenfalls fand Nirvana anno 1991 wahnsinnig aufgesetzt jammerig. Dave Gahan jammerte wenigstens noch in Würde, so mit Krone auf dem Kopf und Sonnenstuhl in der Hand. Wie Depeche Mode überhaupt nie so getan haben als hätten sie mit den Ursprüngen des Rock so wansinnig viel am Schädel. Aber erzähle das mal wem, wenn du 14 bist und wir das Jahr 1991 schreiben. Und bis heute nicht geklärt ist, ob du nicht vielleicht wirklich nur stockfrustriert bist, dass lange Haare dir einfach nicht stehen.

Festzuhalten ist: Ich hasste diese ganze Grunge-Mischpoke. Mein Rockerweckungserlebnis kam erst zehn Jahre später, Spätzünder aller Länder vereinigt euch. Mit den Strokes, Interpol kurz darauf, 2002 ging es ab. Brennendes Britannien. Für Grunge brauchte es weitere 15 Jahre, so ab 2017 hörte ich in das Zeug erstmals richtig rein, unbefangen nahezu. Was soll ich sagen, bis heute will keine wirkliche emotionale Bindung zu Nirvana aufkommen. Ich achte ihr Schaffen nur musikjournalistisch, das dafür ganz enorm. Klingt wie eine Phrase, trifft hier jedoch zu. Dokus über Nirvana treffen mich bis heute ins Mark und nach dem 11. September 2001 ist der 5. April 1994 zum zweiten DEM Datum meines Lebens geworden. Genau, der Tag an dem Kurt Cobain sich erschoss. Wie beim 11. September weiß ich auch das noch genau, wie ich vor MTV sass und live den Ticker mitsamt übler Botschaft eingespült bekam. Man muss dazu sagen, dass das deutsche Fernsehpublikum Liveticker in den 90er-Jahren schlichtweg nicht kannte. Es überfiel mich damals doppelt daher, ich brauchte allein eine Stunde, um die Existenz von Livetickern zu verarbeiten. An Cobain und seinem Suizid kaue ich bis heute. Er ist, wenn auch weniger rätselhaft und schon gar kein Attentat, letztlich doch der mythenumrangte JFK-Tod meiner Generation. So viele Fragen bestürmen mich bis heute. Und vielleicht, ganz vielleicht, schreibe ich auch darum Romane über Depressionen und Suizid. Weil der Sausack auch mich beeinflusst hat.

Die Anfänge von „Smells Like Teen Spirit“ liegen in Kurts Flegeljahren, er ging damals mit Toni Vail aus, der Schlagzeugerin der bis heute in Undergroundkreisen hochgeschätzten, rein weiblich besetzten Punkband „Bikini Kill“, der Speerspitze der sogenannten „Riot-Grrrl“-Bewegung. Berühmt war keiner, weder er noch sie, man flegelte sich so durch Seattle, soff sich das Hirn weg, experimentierte mit Drogen und sprühte Graffitis. Nach so einem Exzess wollte eine Bandkollegin von Toni den sanft-depressiven Kurt ärgern. Und ihn mit einem damals unter Mainstreamjugendlichen angesagten Parfum namens „Teen Spirit“ auf die Palme bringen. „Kurt Smells like Teen Spirit“ sprayte sie im an die Wand seines Schlafzimmers. Bikini Kill sind im Übrigen echt geil und klingen so:

Erwähnt werden sollte, dass das Parfum für Mädchen fabriziert wurde und von Toni Vail genutzt wurde. Was sie damit sagte war, dass Kurt Mädchenparfum nutze. Haha. 1991, hahaha. Was sie damit, ganz Rrriot Girl, sagen wollte war, dass Kurt von Toni markiert worden war als Besitz. Kathleen Hanna, die edle Wandbeschreiberin, gab später zu Protokoll, dass sie vollkommen stockebesoffen und hinüber gewesen war. Und es eine Frechheit gewesen war, hatte sie doch gewusst, dass Cobain nur zu Miete im Apartment wohnt. Das gefiel mir dann wieder, Mist.

Es sei jedoch eine künstlerische Reaktion auf Kurt gewesen, der wenige Wochen zuvor „God is Gay“ an die Mauern einer Abtreibungsklinik gesprüht hatte. Monate später dann rief Kurt sie, Hanna, an und fragte, ob er diese Zeile für ein Lied nutzen dürfe. Sie gab ihm die Erlaubnis zu, aber auch nur um zu sehen wie jemand eine so bescheurte Zeile in ein Lied gebastelt kriegt. Unnötig hinzuzufügen, dass das Mädchendeorant sich nach der Veröffentlichung der Single wie Sau zu verkaufen begann.

Dieses Hin und Her, nachträglich aufgespürt, ist es, was mich so ab 2020 Nirvana näherbrachte. Mich verstehen lässt, was denn so toll war an dem Mist. An Blur – nachher – oder Smiths – vorher – kommt s nie ran. Liegt aber daran, dass mir lange Haare nie standen.

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