David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Über das Privileg, als Künstler auch mal eins auf die Fresse zu kriegen. Oder: Dem einen sitzt meine Nase zu weit rechts im Gesicht.

Vor einigen Jahren, zu einer Zeit, als ich noch Live-Auftritte mit deutschsprachigen Singer/Songwritern absolvierte – für das Publikum gewissermaßen zwei Kunstgenres zum Ticketpreis von einem – ergaben sich am Rande viele interessante Unterhaltungen. Und so erinnere ich mich besonders an zwei Musikerinnen, mit denen ich nach dem „Gig“ (es tut so gut als Schriftsteller dieses Rockzirkuswort auch mal für sich verwenden zu dürfen) nach dem Gig also noch bei einem Wein beisammensaß, jeder jammerte dem anderen vor, wie ungerecht es sei verkannt zu sein, wie einfach es männliche Schriftsteller doch hätten (sagten sie), wie sehr im Vorteil doch weibliche Musiker seien (entgegnete ich), nun, ein Wort ergab wie so oft das andere, ignorierte und diskriminierte Seelen fanden sich hüben wie drüben an manch weinumflorten Tische. Und doch offenbarte sich schnell ein beträchtlicher, ein wirklicher Unterschied zwischen diesen singenden Damen und dem eher vor sich hin tippenden Herrn. Denn obschon beide Musikerinnen in puncto Verkäufe und Öffentlichkeitswahrnehmung deutlich erfolgreicher als ich waren und noch immer sind, waren beide noch nie mit etwas konfrontiert worden, was ich im Grunde seit Tag eins meines veröffentlichenden Schreibens kenne: Negativkritik. So anders die Erfahrungswelt der von mir im Übrigen aufgrund Ihres Könnens und Charakters hochgeschätzten Künstlerinnen. Bei Facebook und Instagram nur Herzchen und Daumen und Komplimente, nach Konzerten nur Lob und Umarmungen. Auftreten und Veröffentlichen, Interaktion mit einem Publikum ist für beide gleichbedeutend mit „mit Wärme überschüttet werden“. Kraft tanken. Und somit letztlich auch ein Hauptmotor ihres Tuns. Gebe Lied, erhalte Liebe. Eine Rechnung, die für beide seit jeher aufgeht.

Natürlich packte mich da der Neid. „Aus der Hörerschaft noch nie nie nie ein mieses Wort zu einem Song, einem Album, einem Auftritt??? Kein einziger dummblöder Hater in den sozialen Netzwerken – euer ernst?!“ Nein. Noch nie. Und keine Hater. Dummblöde sexistische Kommentare schon, na klar, mehr als genug, zu viele. Aber da geht es nie wirklich um Musik. Dass sie ihr Handwerk womöglich nicht beherrschen, ob sie nicht statt zu singen auch was Anderes, was Schöneres machen könnten, die Schnauze halten beispielsweise, nein, so war ihnen noch nie wer gekommen. Warum auch, das sei doch voll fies. Ich war erschüttert. Die beiden allerdings auch, waren ganz erpicht darauf zu erfahren ,wie sie sich das vorzustellen haben. Ob dann nach einer Lesung wer auf mich zukäme und mir ins Gesicht sagt: „Dein Buch ist eine einzige unerträgliche Grütze, Wonschewski!“. Oder ob dann echt bei Facebook da wirklich irgendwelche Trolls unter einen Text schreiben: „Das ist keine Literatur, das ist unsägliches Geschwurbel!“.

Nun, ganz so herb ist es nicht. Ich bin nicht erfolgreich und bekannt genug, um Leuten das Gefühl zu geben, ihre eigenen Komplexe mittels fieser Wortwahl an mir auskurieren zu können. Was die Negativkritik ja so schrecklich ehrlich, so niederschmetternd authentisch macht. Nett vorgetragen hat man wenig Gründe, an der Aufrichtigkeit des Krittelnden zu zweifeln. Nun, wie man sich denken kann nutzte ich nach dieserlei Unterhaltungen den Moment, mich auch mal meine zwei bis drei Tage als von „der Gesellschaft“ unterdrückt zu fühlen. Bis mir der berühmt-berüchtigte Seifensieder aufging. Wie so oft zunächst über die etwas gehässige Schiene: Vielleicht, so mutmaßte ich wild dahin, trauen sich die Leute aus irgendeinem Grund einfach nicht, denen mal die Meinung zu geigen. Was vielleicht an deren positiven texten und der positiven Ausstrahlung liegt. Wer von Weltfrieden singt, dem holzt man ungern die Beine dabei weg, selbst wenn man das Lied an sich wenig gelungen findet. Wer, wie ich z.B. in meinem Roman „Schwarzer Frost“ darüber schwabuliert, dass es auch gute Gründe für Misanthropie und Amoklauf geben kann, tja, da ist so ein Negativkommentar für manche Leser vielleicht auch eine Frage des eigenen Anstands. Frei nach dem Motto: Kann man so ja wohl jetzt mal nicht stehen lassen. Widerspruch als Bürgerpflicht, gewissermaßen.

Dann kam mir, weil eben beide Frauen sind, auch die etwas hilflose Idee, dass das vielleicht auch ein Zeichen dafür ist, dass wir Frauen weiterhin weniger ernst nehmen, Frauen nicht anstößig wollen, ihnen fies die Rolle als Weltenretterinnen aufbürden, die unter Schutz gestellt sind. Womit Frauen bei harten Themen bekanntlich tatsächlich geholfen sein kann, derweil bei weicheren Aspekten – Kunst gehört definitiv dazu – Schutz nur ein anderes Wort für Bevormundung ist. In dem Falle ich also nicht Opfer, sondern Nutznießer bin. Jeder (gefühlte) Tiefschlag somit den Respekt belegt, den man mir als Mann ganz natürlich entgegenbringt. Warum sonst sollte man mich auch öffentlich „dissen“, wenn nicht aus dem, dass es für wichtig gehalten wird? Und Reinhard Mey fiel mir da ein, den ich in einem Interview mal fragte, wann oder woran er in jungen Jahren erkannte, dass er da was kann, was in eine lebenslange Karriere münden könnte. Und er, für mich weiterhin der menschlichste und weiseste aller deutschen Künstler sinngemäß meinte: Als plötzlich die ersten Fremden auftauchten und sich bemüßigt fühlten, mir ordentlich eins auf die Schnauze zu geben. Zuvorderst verbal, klar, in jenen wilden frühen Jahren aber (als abstruse Grabenkämpfe die Liedermacherszene politisierten) teilweise sogar „in echt“. Bis zum heutigen Tag im Übrigen, ich kenne – kein Witz – mittlerweile steinalte Männer, die sich ohne Stock nicht mehr aufrecht halten können, Mey aber noch immer gerne eine verplätten würden. Wegen irgendwas, was um 1970 war, weil Mey kein Wader wurde. Und sie würden es wohl auch tun, weit ausholen und einen Schwinger in des hocherfolgreichen Künstlers Gesicht platzieren – „…dem einen sitzt meine Nase zu weit links im Gesicht, zu weit rechts sitzt sie dem anderen und das gefällt ihm nicht…“ (aus dem Mey-Chanson „Mein Achtel Lorbeeerblatt“ von 1972) – wenn da nicht die Sache mit der Balance wäre, so einhändig, so am Stock. Mey lehrte mich zwischen den Zeilen auch, das ausbleibende Negativkritik letztlich das ganze künstlerische Schaffen infrage stellt. Dass du dich effektiv an etwas reibst, erkennt man ja nicht daran, dass dir alle Welt hernach harmonisch entgegenschnurrt, dich im Netz mit Herzchen zumüllt. Dann war es nämlich kein sich reiben, dann war es ein sich ankuscheln. Und du, du bist bestenfalls gut darin, gefällig zu sein.

Wussten sie, dass nichts so erfolgreich macht wie Hass und Missgunst? Natürlich wussten sie das, Helene Fischer ist nicht nur die kommerziell erfolgreichste und beliebteste, sondern auch die meist gehasste Künstlerin Deutschlands. Das FC Bayern München-Phänomen. Von einer gewissen dicken Haut, die es als veröffentlichender Künstler braucht, ganz zu schweigen. Ich meine, wenn dir 2, 5, 8 Jahre nur Wärme entgegengebracht wird, du immer erfolgreicher wirst. Und plötzlich kommen die Trolle, die Hater, geballt, eine richtige Armada. Und die FAZ schreibt endlich über dich, endlich, hat es aber eben nicht so mit der Wärme, ist ja nicht der Auftrag des seriösen Feuilleton-Journalisten, nach Wärme zu bohren. Wohl dem, dessen oder deren Ego da ein wenig drauf vorbereitet ist, den das nicht mehr so sehr überrascht, komplett aus der Bahn wirft. Puh.

Letztlich sind Künstler wie Kinder, aus denen Jugendliche, dann Erwachsene werden. Sich schon im Sandkasten üble blutige Wunden zuziehen, auf dem Schulhof dann das erste kleine Mobbing, die erste Keile, das ist so ungesund, dass es mitunter gesund ist. Habe ich im Übrigen alles nicht erlebt als Kind. Was wiederum so einiges über mich und das wie und warum ich schreibe aussagt, irgendwie. Wie hieß es in einer durchwachsenen Kritik zu meinem Romandebüt „Schwarzer Frost“ einmal? Wonschewski erschafft Protagonisten, die förmlich danach betteln, dass man ihnen als Leser alle 5 Seiten eine scheuert.

Habe mich sehr gefreut darüber seinerzeit. Und so entschließe ich mich dazu – habe ja nun auch keine andere Wahl als es mir schönzuquatschen – mich als privilegiert zu sehen. Erfolgreich macht mich das zwar noch nicht – ich sach‘ doch, „die Gesellschaft“ diskriminiert mich! – aber das ist eh ein Thema, über das ich beim nächsten mal rede: Erfolg als Künstler, was ist das überhaupt, woran erkennt man ihn – und besteht die Möglichkeit, dass er längst da ist, aber so unsichtbar und unauffällig, dassman ihn gar nicht erkennt?

Haben Sie mitgestoppt? Was ich noch zu sagen hätte, das dauert seit jeher exakt eine Zigarette. Zigaretten gehen ja mal gar nicht. Deswegen distanziere ich mich auch jedes Mal wortgewaltig vom rauchen. Wenn ich eine rauche.

Wer den aktuellen Reibungsstand meines Schaffens einsehen will, wissen möchte, der kann das naturgemäß hier tun. Kleiner Spoiler, Stand 28. April 2022: es sieht übel aus.

Ein Kommentar zu “Über das Privileg, als Künstler auch mal eins auf die Fresse zu kriegen. Oder: Dem einen sitzt meine Nase zu weit rechts im Gesicht.

  1. galgenzork
    29. April 2022

    Erfolg als Künstler/Schriftsteller wäre für mich am ehesten, wenn ich sagen könnte: ich kann davon leben, mich davon ernähren und die Miete damit bezahlen. Die Aufmerksamkeit, positiv und negativ, wäre ein schönes und hässliches Beiwerk mit dem man zurechtkommt, weil man ja schließlich erfolgreich ist und keine existenziellen Sorgen hat. Weil man nicht damit schon genug überfordert ist. Man kann es sich dann leisten, positive wie negative Reaktionen anzunehmen oder an sich abperlen zu lassen. Auf ganzer Linie erfolglos zu sein, wie du das hier andeutest, heißt in meinen Augen: ein erfolgreicher Hungerkünstler sein.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Juli 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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