David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Ich hab‘ da mal eine Frage an die Schwarmintelligenz. Heute: Von sterbenden Schwänen und der Männergrippe.

In der Rubrik „Ich hab‘ da mal eine Frage an die Schwarmintelligenz“ versuche ich mich vielschichtig einem Thema zu nähern, das ich aktuell in meinem neuen Romanmanuskript verarbeite. Da jeder für sich selbst eben doch selten über den Tellerrand schauen kann, freue ich mich daher immer über Nachrichten und Sichtweisen aus den Leben der anderen.

Liebe Schwarmintelligenzia,

ich habe da mal eine Frage zum Thema „Männergrippe“. Es gibt da doch diese, nun, Wahrheit oder aber eben auch dieses Klischee, dass Männer, kaum haben sie etwas Temperatur und geraten ins Schnupfen uuuunglaublich wehleidig werden. Mal ganz ehrlich und aus eurer Erfahrung: Ist das so?

Nach meiner Erfahrung, man ahnt es, nämlich nicht. Jetzt kann man natürlich sehr berechtigt einwenden, dass ich bisher mit wenig Kerlen in einer Partnerschaft gewesen bin, ergo keine Erfahrungen habe in dem Bereich. Nun, einmal abgesehen davon, dass mir einige Damen bereits erklärten, dass sie auch nicht wissen, wo dieses „Wahrheitsklischee“ herkommt, habe ich sehr Wohl Erfahrungen – und zwar mit Frauen. Tataa.

Ja, es gab eine Reihe tougher weiblicher Charaktere. Es gab aber auch welche, herrje, jammer jammer jammer. Ich Arme, Arme, Arme. Um Ehrlichkeit bemüht muss ich konstatieren, dass ich keinerlei Geschlechtsunterschied festzustellen vermochte bisher. Man schlägt sich gleichermaßen grippal angetüdelt durch den Tag. Manche besser, andere schlechter, wie laut oder leise jemand wehklagt, ist jedoch keine Frage des Geschlechts.

Woher also kommt das, warum hält sich das so hartnäckig? Nun, nach diversen Gesprächen schält sich folgendes Ideengewitter heraus:

a) Der Nachrichtenwert: Der Mann gilt als das starke Geschlecht, die Frau als das schwache. Ist per se Bullshit, aber nun, aktuell latschen wir mit diesem Bild halt noch herum. Krankheit ist nun immer die Offenbarung von Schwäche. Ist man von Frauen gewohnt, die können das, dürfen das auch. Männer nicht, die verheimlichen Schwächen so gut und so lange es geht. Ein kranker, ergo schwächelnder Mann ist für eine Frau dementsprechend eher ein Event als eine kranke Frau auch nur im Ansatz einen Nachrichtenwert für einen Mann hat.

b) Die Empathie: Wenn meine Frau arg verschnupft zu mir sagt, ihr gehe es heute nicht gut, dann frage ich exakt einmal ehrlich und ernsthaft nach, ob ich was für sie tun kann. Wird immer verneint. Damit ist das Thema für mich bis zum Abend durch. Nein heißt nein. Das gleiche ziehen wir abends noch mal durch, ich frage, sie will wieder nichts, ich sage dann noch was Tröstliches, das war es dann. Wenn ich krank bin, fragt meine Frau im Zweistundenrhythmus: „12 Uhr: Wie geht es – beschissen, 14 Uhr: wie geht es jetzt – immer noch beschissen, 16 Uhr: und jetzt – na was glaubst du, beschissen. Kommt meine Frau abends nach Hause, hat sie knappe 10 Mal von mir gehört, dass es mir beschissen geht, während ich es von ihr in umgekehrter Situation nur einmal gehört habe. Jammern auf Nachfrage, quasi. Und somit logisch, dass Frauen das Gefühl haben Kerle jammern mehr. Tun sie so gesehen ja auch.

c) Mental Overload, das entscheidende Quäntchen zu viel: Wenn ich sage, mir geht es nicht gut, aber ich brauche nichts, interessiert meine Frau das herzlich wenig. Sie rast im Feierabendverkehr dennoch ins Schaufenster einer Apotheke, räumt Ampüllchen und Tablettchen ab, kehrt heim, verabreicht mir eine Megadosis. Käme mir nie in den Sinn, ich vertraue dem Eigenurteil der Frau. Und komme mir nun bitte keine/r mit Romantik, ha. Natürlich gelte ich als Mann dann am Ende des Tages schwieriger, wenn man extra noch in die Apotheke „musste“ für mich – selbst entfachter Mental Overload.

d) Verbreitung: Als ich mal wieder herrlich pikiert ob dieses seltsamen Klischees war, gestand mir eine Bekannte, dass sie das alles eigentlich so sieht wie ich. Wenn in sozialen Netzwerken aber was in der Richtung kursiert, sie das trotzdem liked, shared, mit hihi-Spottsprüchen garniert. Weil es einfach bockt. Und Frauen verbindet. Das kann ich sogar gut nachvollziehen, zumal genau das bei Männern null funktioniert. Wenn ich heiteren Sinnes poste, dass meine Frau unter der massiven Holztischplatte, die ich alleine aus dem Keller hochtragen konnte, soeben zusammengebrochen ist, nun, dann herrscht ziemliche Ödnis in der Sympathiewüste. Die Mär vom schwachen Mann ist trag- und kommunizierbar, ein Garant guter Laune. Die Mär von der schwachen Frau verreckt auf der Stelle, will keiner hören. Sogar dann, wenn sie keine Mär ist.

e) Die gottverdammte Biologie: Nur der Vollständigkeit halber. So weit ich mich eingelesen habe in dieses Sujet verfügen Frauen spätestens ab „gebärfähigem Alter“ wirklich über bessere Abwehrkräfte. Ob sie dadurch „weniger“ krank werden, ob das fiese Kratzen im Hals bei mir wirklich übler ist, nun, wir werden es wohl nie so richtig rausfinden können.

Und – was denkt ihr? Ist das einfach nur einer der ältesten Witze der Welt? Oder ist da doch total was dran, dass Männer eine komische Vorliebe für sterbende Schwäne haben?

Ich danke & grüße,

David Wonschewski

5 Kommentare zu “Ich hab‘ da mal eine Frage an die Schwarmintelligenz. Heute: Von sterbenden Schwänen und der Männergrippe.

  1. Sybille Lengauer
    21. Juni 2022

    In meiner Erfahrungswelt siechen Männer und Frauen so ziemlich gleich – gibt also Deppen beiderlei Geschlechts, die sich totkrank zur Arbeit schleppen oder eben schon beim leichtesten Schnupfen umfallen. Bei der älteren Generation ist es allerdings schon oft zu beobachten, dass er, wenn krank, paralysiert herumliegt und von ihr bemuttert wird, während sie, wenn krank, trotzdem noch den Haushalt und die Kinder schmeißt. Das hat aber nix mit gesteigerter Wehleidigkeit zu tun, sondern mit fürchterlichen Rollenbildern.

  2. Amy
    21. Juni 2022

    a) ich empfinde Krankheit nicht als Schwäche, sondern als das, was es ist. Ne Krankheit eben. Was die Person dabei in der Hose hat, ist mir herzlich egal. So wie Männer und Frauen gleichermaßen weinen können und dürfen, ohne zu Sensibel oder Schwach zu sein. Es ist nur weinen. Ich sehe hier aber auch, dass das gesellschaftliche Bild noch anders ist – toxisch. Selbst Männer sagen anderen Männern „stell dich nicht so an“.

    b) Bei uns in der Beziehung ist das genau andersrum. Nunja, ich frage meinen Partner schon des Öfteren, ob etwas nicht stimmt, aber nur, weil er nichts von sich aus sagt. Ist das auch dieses Männlichkeits-Ding? Das finde ich schrecklich nervig. Mein Partner jedoch fragt mich so oft, ob und was er tun könne, dass ich das Gefühl bekomme, er wolle mir die Krankheit entreißen. Da das aber nicht geht, wären etwas weniger Fragen nicht schlecht.

    c) Ja, das hat was. Als Pflegefachkraft weiß ich, was zu tun ist. Ich frage zwar, mache bei meinem Partner aber oft auch einfach etwas. Nicht viel, das Nötigste eben – Flüssigkeit, Ruhe, n Süppchen. Und wenn das Immunsystem nicht regelt, dann eben vom Arzt verordnete Medikamente, wenn ich sie sinnvoll finde. Eine halbe Apo würde ich nun nicht leer kaufen. Denn mit diesen frei verkäuflichen Mittelchen dauert ne Erkältung eine Woche. Und ohne diese Mittelchen dauert sie 7 Tage (ist aber preisgünstiger) Ist leider ein Bereich, die Pharmaindustrie, der zwar eigentlich helfen soll, aber oft ist es eine Hilfe, um Brieftaschen zu füllen. Wenn ich mir die bekannte Nacht-Sirup Werbung anschaue, ist es aber auch da der Mann, der nach seiner Mama fragt, bis seine Frau ihm den Sirup einflößt.
    Im Berufsalltag lege ich n bisschen mehr Emphatie in den Alltag. Frage jedoch je nach Gesundheitszustand. Aber da ist der Hoseninhalt unerheblich. Es ist mir bisher nicht aufgefallen, bei Männern häufiger nachfragen oder nachschauen zu müssen, als bei Frauen. Männer klingeln auch nicht häufiger um Hilfe, als Frauen. (Ob es dazu eine Studie gibt?!) Das ist, je nach Charakter und Vorerkrankungen, individuell.

    d) Das was du beschreibst, ist eben das weiterlebende Bild von Männern und Frauen. Die Fragen, die sich mir da stellen – was ist mit nicht binären Personen? Was ist mit Trans-Personen? Ach, die gab es vor 100 Jahren ja nicht, richtig..

    e) Dazu existieren Studien. Und diese besagen, wenn auch nur in kleinen Zahlen durchaus, dass es biologische Gründe hat, nicht nur ab dem gebährfähigen Alter(hormonell), sondern aufgrund von Genetik, also von Geburt an. Eine Studie sagt über den einzelnen Menschen und seine Erfahrung jedoch nichts aus.

    Unterm Stich halte ich es für einen der ältesten Witze der Welt, schön manifestiert. Und da das so ist, dürfen Männer in dieser Zeit endlich mal schwach sein, während Frauen sich im allgemeinen kümmern. Und wenn sie dann mit ihrer Freundin quatschen, hat der Mann mal wieder eine Männergrippe. Es darf nur nichts zum Kumpel, der das genau so durchlebt, durchsickern, denn der hält einen dann für Schwach.

  3. Maccabros
    21. Juni 2022

    offen schwach zu sein, hat was, aber seit geraumer Zeit darf MANN ja auch weinen und schwach sein – aber nichts hält sich so lange wie Vorurteile oder ein Klischee…

  4. davidwonschewski
    21. Juni 2022

    Ha, gerade das Letzte – ich wollte es erst mit unterbringern – ist ja auch so ein „Klischeesatz“. Wenn wir Männer Kinder kriegen würden, könnten wir Kinder kriegen we Frauen, ist ja logisch. Es ginge also genauso ab, man wird dick, man wuchtest sich durch den heißen Sommer, verflucht jede Treppe, im krankenhaus das Gekreische und dann 18 Jahre lang das Gefühl, das alles an uns hängen bleibt….aber das mit dem „darstellen“, hat was zum Draufrumkauen. Vielleicht ist Krankheit ja auch eines der wenigen legitimen mittel „auch mal offen schwach“ zu sein, darum überreizen es manche…?

  5. Maccabros
    21. Juni 2022

    Nun, da ich ein männlicher Vertreter der Spezies bin, kann ich nur hier als befangen gelten.

    Es mag es sein, das wir uns manchmal ein wenig kränker darstellen als es wirklich ist, aber grundsätzlich sehe ich das nicht so, wobei natürlich Ausnahmen die Regel bestätigen.

    Ob wir Männer mehr oder schneller krank werden hängt von vielen Faktoren ab – inwieweit dieses mit Fakten belegt werden kann?

    Wie war das mit Churchill? Ich glaube nur der Statistik die ich selber gefälscht haben… 🙂

    Darüber hinaus sind Frauen eh „leidensfähiger“, ich meine, sie halten körperlich mehr aus als wir, denn wenn die Herren der Schöpfung Kinder bekommen sollten, wären wir vom Aussterben bedroht…

Kommentar verfassen

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Juni 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: