David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit, Teil 8. Heute: Alanis Morissette – „Ironic“ (1995)

Der peinlichste Welthit aller Zeiten? Vielleicht. Gibt sogar die Erschafferin des Songs, die Kanadierin Alanis Morissette seit Langem zu. Denn wenn Sie im Refrain den hingebungsvoll Lauschenden rhetorisch fragt: „And isn’t it ironic, don’t you think?“ müsste sich eigentlich ein langes „Nöööö“ anschließen. Kein Stück ist das ironisch, was du da besingst, Alanis.

Ist es tatsächlich nicht. Regen am Hochzeitstag. Ein Verkehrsstau, wenn du eh schon zu spät bist. Das ist bestenfalls tragisch oder “ a holy shit“. Auch der Mann mit Flugangst, der sich endlich aufrafft, diese Angst zu besiegen und ausgerechnet mit dem Flieger dann tatsächlich abstürzt, das ist nicht ironisch. Das richtige Wort für alles das ist eher: tragisch.

Alanis Morrisette wurde 1995 schnell damit konfrontiert, dass ihr Lied ja hervorragend sei, aber den Eindruck erwecke, sie wisse nicht um den Unterschied zwischen Ironie und Tragik. Es spricht sehr für sie, dass sie das nie abgestritten hat. Sie wusste es tatsächlich nicht. Interessanter als dieser intellektuelle Verhauer aber die frage, ob das Lied wohl auch so ein Hit geworden wäre, wenn es „Tragic“ geheißen hätte. Man darf fast vermuten, das nicht. Zwar hörten gerade im Ausland gewiss die meisten Menschen an dieser Falschdefinition vorbei. Dennoch wird das Lied automatisch ein wenig lau, wenn es das richtige Wort nutzt. Was für eine Ironie aber auch. Denken Sie nicht?

Im Juni 2008 wurde die Musikerin von der London Times höhnisch gefragt, ob sie es denn nun mittlerweile verstanden habe, was „ironisch“ bedeutet. Sie wies darauf hin, dass, wenn sie mittlerweile in einem Wörterbuch nachschlägt, da oft als Definition steht, das Ironie auch ist wenn „Zufall“ und „Pech“ zusammentreffen. Das hätte früher da noch nicht gestanden, zugegeben, aber mittlerweile steht es da, vielleicht ja sogar durch ihr Lied. Sie verdiene also durchaus weiterhin Verbalschläge für ihren Verhauer damals, bestehe aber darauf, dann doch bitteschön die cleverste dümmste Person der Welt zu sein. Ungewollt ihrer Zeit voraus.

Das Lied schrieb sie mit ihrem Produzenten Glen Ballard am 26. Mai 1994, den Anfang nahm es, als sie in einer Trattoria bei Salat und Eistee beisammensaßen und Morissette plötzlich meinte, das wäre doch die totale Lebensironie, wenn ein sehr alter Mann in der Lotterie gewinnt und am nächsten Tag stirbt. Zehn Minuten später standen sie im Studio, sie ahnten, dass sie da was am Wickel hatten. Das Ergebnis war musikalisch derart beeindruckend und befriedigend, dass sie keinen Gedanken mehr an die Definition von „Ironie“ verschwendeten danach.

Der Spott sollte zwei Jahrzehnte andauern, Morissette wusste aber nie, ob man einfach nur gerne über naive Frauen spottet, die einen auf schlau machen wollen oder ob das nicht eher ein Zeichen für überbordenden Gesellschaftsperfektionismus sei, erkennt man bei erfolgreichen Menschen nur den kleinsten menschlichen Makel, so kommt in uns der Wunsch hervor sie abzusägen. Was letztlich mehr über die Kritisierenden aussagt als den Kritisierten oder die Kritisierte. Letztlich ist diese Reaktion auf ihr Lied jedoch der Grund, warum Alanis sich entschloss, in der Folge nur noch streng autobiografische Stücke zu schreiben. Wie sie das Lied überhaupt nicht auf Ihre Erfolgsplatte „Jagged Little Pill“ packen wollte, es nur tat, weil Glen Ballard drauf bestand, das Hitpotenzial erkannte. Was sie in die etwas bizarre Situation versetzt, ihm bis heute dankbar zu sein für all den Spott, die sie sich durch seinen Druck einhandelte. Und den er ja nie abbekam, obschon er es genauso „verbrochen“ hat.

1996 gewann „Ironic“ drei MTV Music Awards und 2015 sang sie mit dem Moderator, Schauspieler und Komiker James Corden eine neue Zeile ein, dort hieß es:

Swiping left on your future soulmate
A funny Tweet that nobody faves
A no-smoking sign when you brought your vape
Netflix, but you own DVDs

Das ist jetzt aber Ironie – denkst du nicht?

Weitere dieser Musikgeschichten finden sich in den Tiefen dieses illustren Blog.

Unterstützen Sie den Autor der unbedeutenden Zeilen dort oben, klicke Sie bitte auf das Video unten. Klicken reicht, anschauen bitte nicht. Es trägt Züge verstörender Introspekitivität. Was immer das auch sein soll. Klingt aber, so dahingesagt, nach LSD, irgendwie.

Ein Kommentar zu “Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit, Teil 8. Heute: Alanis Morissette – „Ironic“ (1995)

  1. Alexander Carmele
    8. Juni 2022

    Toller Post – ich habe, muss ich zu meinem Leidwesen gestehen, diese Art von Kritizismus nie verstanden. Ironie ist ja eine Aussageform – und als solche eine ziemlich freie. Während du das schreibst, denke ich an diese ätzenden Diskussionen zurück, wann etwas tragisch, nämlich im antiken klassischen Sinne ist, wenn unauflösbare, aber notwendige Widersprüche aufeinander … und so weiter … oh weia und wenn man weitergeht denkt und sein Gehirn verbiegt, findet man bestimmt irgendeine Rechtfertigung wie die romantische Ironie und das in Schwebehalten zwischen Selbstvernichtung und Selbstschöpfung … ich bin wahrscheinlich Banause. Der Song ist wieder in die Playlist aufgenommen! Dafür Dank und Gruß!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Juni 2022 von in Musikspezial: Die Geschichte hinter dem Hit, Musikspezial: Die Geschichte hinter dem Hit und getaggt mit , , .
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