David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Dunkle Gedanken. Oder: Schreib meinen Song.

Kennen Sie diese VOX-Sendung „Sing meinen Song“? Nein? Ich auch nicht. Genauso wenig wie ich „The Masked Singer“ kenne oder „Let’s Dance“. Ich weigere mich sowas anzusehen. Blöd nur, dass diese Weigerung nichts bringt, ich bin trotzdem immer voll im Bilde. Keine Ahnung, wie diese moderne Zeit das immer schafft, je ostentativer ich wegschaue, desto mehr kriege ich mit von Grütz. Kein Entrinnen. Ich bin immer voll im Bilde. Vielleicht müsste ich betont hinschauen, von der ersten bis zur letzten Minute vor der Glotze hocken, so richtig hineindriften in den Entertainment-Senf, um erst dann und nur so so gar nichts mehr von derlei Zeug mitzukriegen. Mit erschlafftem Körper hänge ich in meinem Stuhl, schief hängt mir der Kopf auf der Schulter, ein Spuckefaden rinnt mir aus dem Mundwinkel. Und jetzt alle: Sometimes I wish I were an Angel. Ich liebe Sendungen mit Paddy Kelly. Auch wenn der sich gar nicht mehr so nennen mag. Deswegen liebe ich ja Sendungen mit Paddy Kelly, denn in Sendungen mit Paddy Kelly, in denen Paddy offiziell ja gar nicht dabei ist, komme ich in die bizarre Situation, mir Paddy Kelly zurückzuwünschen. Und das tut richtig weh. Und was weh tut, bringt weiter. Apropos wehtun, jetzt nochmal alle: Sometimes I wish….egal.

Dummerweise sind die meisten dieser Shows psychologisch betrachtet cleverer aufgezogen als so ARTE-Futzis wie ich zugeben möchten. „Sing meinen Song“ ist sogar richtig clever. Weil Künstler ja per se komplette Egomanen sind und man in der Show halt mal dem Egomanen neben sich huldigen muss. Eigentlich ganz schön erniedrigend. Geil. Man stelle sich das vor, ich säße da und müsste was von Sarah Connor vorsingen. Und dabei bitte schön ergriffen wirken, weil wenn ich nicht ergriffen wirke, mache ich die ganze Show kaputt und meinen Marktwert gleich mit. Und jetzt alle: From David with love, he has the the lover he is dreaming of, he never found the words to say but I know that today he’s gonna send his Buchkaufempfehlung for „Blaues Blut“ to you…

Die Wahrheit ist allerdings die, dass mich das Konzept der Show vielleicht auch deswegen so packt, weil ich das schon länger so handhabe, nur noch wilder. Eben weil ich kein Musiker bin. Eine der größeren Herausforderungen beim Fabrizieren von Literatur ist ja, dem ganzen Werk eine irgendwie durchgängige Form zu geben. Manche Schriftsteller denken da dann z.B. an Farben, alles muss irgendwie rot sein oder sich grün anfühlen. Hoch im Kurs stehen natürlich Gefühle, durchgehend melancholisch oder alles heiter ohne überzuschäumen. Andere denken an Bekannte oder Freunde, stellen sich dann vor: ein Buch wie Otto. Oder wie Maria, genau so soll das Buch sein, blätterbare Version von Maria. Bei mir sind es Lieder. Ich suche mir vor jedem Buch einen Song aus, der genau das Gefühl ausdrückt, dass ich transportieren möchte. Ob das dann klappt oder ob es nur für mich klappt, die Leserin aber kein Stück, tja, wie so oft eine andere Sache.

Nun denn, hier die Songs die Pate für meine bisherigen Bücher standen:

  1. „Schwarzer Frost“ (2012) – Joy Division – „Shadowplay“ (1979)
Mehr zum Buch: HIER

2. „Geliebter Schmerz“ (2014) – Depeche Mode – „A Question of Lust“ (1986)

Mehr zum Buch: HIER

3. „Zerteiltes Leid“ (2015) – Killing Joke – „Love Like Blood“ (1985)

Mehr zum Buch: HIER

4. „Das Seufzen und das Schweben“ (2017) – Nine Inch Nails – „Hurt“ (1994)

Mehr zum Hörbuch: HIER

5. „Blaues Blut“ (2022) – New Order – „True Faith“ (1987)

Dieses Lied, vor allem der Clip, hat alles. Die verstörende Choreographien noch viel verstörender dystopischer Gestalten, das Spiel mit an Wahnsinn grenzender Weisheit, eschatologische Dystopie par excellence. Die Bewegungen und das Fingerspiel der Schildkrötenfrau habe ich mal einstudieren versucht, bin leider komplett gescheitert. Die Ohrfeigen-Arie hat nachweislich Eindruck bei mir hinterlassen, wie im Buch nachzulesen sein wird. Und dann erst der Text, klar.

Mehr zum Buch: HIER

2 Kommentare zu “Dunkle Gedanken. Oder: Schreib meinen Song.

  1. Sanguine
    6. Mai 2022

    Um diese Shows freiwillig zu schauen, müsste ich mich alternativ extrem langweilen. Das kam bisher noch nicht vor. Und redet jemand in meiner Umgebung über dieserlei Sendungen, falle ich aus Reflex in meine eigene Welt. Würde mich alternativ aber outen bzgl. der alten Gerichtsshows, da bin ich vermutlich die einzige, die das zur Zeit schaut. Nicht regelmäßig, aber hin und wieder.

  2. Bludgeon
    25. März 2022

    Outing: Was du da nennst, hab ich alles wenigstens eine Staffel lang mal -interessiert- verfolgt.
    „Masked singer“ nur die erste; denn diese sensationellen d und e Promis, die da meist drunterstecken – das war dann nix und dann noch die vielen Werbepausen! Ächz! Also – gestrichen.
    „Sing my song“ starb mit seinen Protagonisten – das ging stetig bergab…
    Samy deluxe mit Baps „Kristallnaach“ war richtig geil!
    „Let’s dance“ killt jetzt Corona und ebenfalls die Werbeblockstückelung.
    usw.

    Das Lied/Buch-Ding finde ich genial. Ließe sich steigern.
    Da gute CDs Spannungsbögen haben – eine Buch wie: die ganze Raindogs von Tom Waits! Oder eine richtig schön kitschige – aber hocherotische – Liebesschmonzette in der Form eines Barry White Albums der 70er…Pilcher meets Bukowski…
    Hach. Brems!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Mai 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , .
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