David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Ach, die! oder Das Wonschewski-Theorem. Soeben ausgelesen: Monika Maron – „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018)

von David Wonschewski

Kennen Sie die „Ach, die! – Replik“, in den Lehrbüchern leider noch nicht zu finden als „Wonschewski-Theorem“? Diese ist einfach erklärt und findet in nahezu allen Bereichen zwischenmenschlicher Kommunikation Anwendung. Ein Beispiel: Wenn ich hier in der Gegend kleine Jungen nach ihrem Lieblingsfußballverein frage, dann kriege ich nahezu immer die gleiche Antwort: „Borussia Dortmund!“. Woraufhin ich erst eine verächtliche Handbewegung mache und dann in möglichst angewidertem Tonfall entgegne: Ach, die! Das liegt einfach daran, dass ich es überdrüssig bin, diese immergleiche Antwort zu kriegen, ich den BVB zudem für einen Geldsackverein halte, der meinem Verein seit Jahr und Tag mit einer Penetranz die besten Spieler wegkauft, die schwer auszuhalten ist. Ganz zu schweigen von der nicht diskutierbaren Tatsache, dass gelb eine Farbe ist, die erwachsenen Männern noch nie gestanden hat und auch nie stehen wird. Isso! Na ja, mit solchen Jungen möchte ich dann eben auch nicht weiter über Fußball diskutieren. Würde hingegen mal einer antworten „VFL Bochum“, ich würde den direkt von der Straße weg-adoptieren. Obschon Bochum mir piepegal ist, aber wer als 8-jähriger die Traute hat, so etwas hier offen zu sagen, der hört mit spätestens 14 Punk und ist mit Mitte 20 gewiss Gewerkschaftsführer.

Das „Wonschewski-Theorem“ konnte ich erst, öhm, entwickeln, nachdem ich einen hochgradig unverständlichen Aspekt des Feminismus verstanden habe. Denn auch dort grassiert es mittlerweile, wütet gar heftig. Da wird zum Beispiel dazu aufgerufen, die Macht des politischen Patriarchats zu brechen, woraufhin ich erwähne, dass es so richtig patriarchal in der Politik doch schon lange nicht mehr zugeht, das Ganze mit den Namen Merkel, von der Leyen, Lagarde würze. Dafür abschätzige Blicke erhalte, die wegwerfende Handbewegung und dann: Ach, die! Mich hat diese Reaktion lange verwirrt, ich Testosterontrottel verstand sie einfach nicht. Das sind Frauen, die haben unsagbar viel Macht – was gibt es denn da zu rumzu-ach-die-isieren? Ich fühlte mich in diesen Momenten oft wie ein kleiner begriffsstutziger Junge, total bevor-dortmundet. Schon klar, ein Hintergrund ist in der Quantität zu finden, eine weibliche Schwalbe macht noch lange keinen Gleichstellungssommer. Aber ich habe selbst zu oft auf psychiatrischen Sofas herumgelümmelt, ich erkenne sehr gut, wenn da noch eine tiefere Ebene ist. Eine, die diese Verächtlichkeit erklärt, die sich wiederum gerne aus einer Form von Verletzung speist.

Mittlerweile habe ich natürlich auch die hohe Schule feministischer Theorien besucht und es gerafft: Geschlecht ist nichts, das vor oder mit der Geburt von der Natur zugeteilt wird, nein, es ist ein sozialer Stempel, der dir von einer in stocksteifen und in althergebrachten Traditionen verharrenden Gesellschaft aufgedrückt wird. Und nachdem der Feminismus das jahrzehntelang dem Patriarchat zuschrieb und heftig kritisierte, wurde es ihm nun offenbar zu dumm, er hat keinen Bock sich länger hinhalten zu lassen – und macht das jetzt darum einfach auch, genauso heftig, genauso gut wie das Patriarchat. Ob eine Frau eine Frau und ihre Meinung folglich eine weibliche Meinung ist entscheidet also nicht das Individuum selbst, nein, das wird zugeteilt oder entzogen. Ob die Meinung einer Frau als Frauenmeinung herhalten darf, das unterliegt also einer gewissen Qualitätskontrolle. Das klingt so plump, wie es in der Realität ist, wer die Streitfälle der in Ungnade gefallenen Universitätsdozentin Kathleen Stock oder der Schriftstellerin Joanne K. Rowling kennt, wird das bestätigen müssen. Manchmal sind es nur Meinungen zu Einzelthemen, die Frauen zu derart Verstoßenen machen, oft die generellen Lebensumstände. Wenn du in der CDU bist, sieben Kinder hast und einen mächtigen Ministerpräsidenten-Papi hattest ist das schonmal sehr „Ach, die!“-haft. Auch sehr christlich unterwegs sein ist problematisch, es sei denn du machst das mit viel Aufopferung, Demut und Ministeramtslosigkeit in der ersten Riege der Grünen wett.

Ich erwähne den ganzen Kram an dieser Stelle, da Monika Maron für mich eine der wichtigsten weiblichen Stimmen dieses Landes ist, eine große Intellektuelle, der Beweis für etwas, was man den meisten Männern gar nicht mehr erklären muss: Dass weibliche Sichtweisen, derart klug und faszinierend verpackt, tatsächlich genauso generell sind wie die männlichen, alle angehen, die in der Tat nur herbeisinnierte Grenze zwischen angeblich männlicher und angeblich weiblicher Literatur verwischen, sie aufheben. Leider finde ich für derlei Lobpreisungen jedoch deutlich mehr Applaus bei Männern als bei Frauen. Derweil meine anderen weiblichen Literatur-Heroen, die tollkühne Nothomb und die sensible Shalev enorm viel Anklang finden, scheint es für die unbequeme Maron mittlerweile nur noch eine Reaktion zu geben: Ach, die! Warum gerade feministische Frauen offenbar heftige Probleme mit einer unbequemen Frau haben, derweil Männer das ziemlich gut finden, hm, das habe ich zwar noch nicht verstanden, kommt mir auch irgendwie verdreht vor – passt gerade dadurch aber natürlich bestens in unsere Zeit.

Wer mit Monika Maron nicht so vertraut ist, dem skizziere ich gerne in wenigen Sätzen das Problem, warum sie in den letzten Jahren stark in Ungnade fiel (nicht nur, aber besonders heftig bei politisch links stehenden Frauen): Für eine breitere Öffentlichkeit ist sie mittlerweile so ein wenig ein weibliches Naidoo-Äquivalent. Eine Frau, die Ihre Karriere in der DDR begann, Systemkritikerin par excellence, ihr steter Kampf gegen das „die da oben“ brachte ihr fiel Jubel ein. Eine, die für das Gute stand, die vor allem auf der „richtigen“ Seite stand. Vorgeworfen wird ihr, dass Sie in den letzten 10 oder auch mehr Jahren quasi die Seiten gewechselt hat, schleichend, nach und nach. Die „Willkommenskultur“ im Rahmen der Flüchtlingswelle sah sie kritisch, viele Auswüchse des Feminismus prangerte sie an, all sowas. Als sie dann noch einen Essayband bei einem als „rechts“ konnotierten Verlag herausbrachte, rrrumms, da war der gute Ruf völlig im Eimer, sogar ihr eigentlicher Stammverlag S. Fischer warf sie raus. Fan, der ich bin, kann ich nicht erkennen, dass Monika Maron irgendwelche Seiten gewechselt hat. Sie ist, wie sie immer war, schreibt, wie sie immer schrieb, bekämpft die gleichen Ungeister wie seit jeher. Die Gesellschaft ist es, die am Seitenkarussel gedreht hat, der Wind ist es, der sich gedreht hat. Eine Autorin, die andere kritisiert oder zumindest deren Meinungen in Frage stellt, ist seit jeher leichter zu ertragen als eine, die das gleiche gekonnte Spiel mit uns treibt. Man lässt sich ja gerne den Spiegel vorhalten, wenn einem daraus dann aber eine hässliche Fratze entgegenblickt, kann man schonmal sauer werden auf die Spiegelhalterin, wohl wissend, dass sie doch eigentlich nur Überbringerin der schlechten Optikbotschaft ist.

Können wir nun endlich auf den Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ zu sprechen kommen, oh du Großmeister der Theoreme? Ja, gerne. Um es vorwegzusagen: Wer die Kreativszene emsig nach Spuren von „rechts“ durchstochert, für sich dementsprechend niedrig formuliert hat, was „rechts“ ist und woran man es erkennt, der wird hier fündig. Wie schon beim aktuellen Maron-Roman „Artur Lanz“ springt die Trägerin des „Roswitha-Preises“und des „Deutschen Nationalpreises“ – allein diese Preisdiskrepanz bringt mich schon zum Grinsen, kannte beide vorher gar nicht, es lohnt aber zu googlen – mit Anlauf in die tiefsten Wunden (nicht nur) linkspolitischer Befindlichkeiten. Spart dabei aber, man sieht es, wenn man es denn sehen will, auch nicht mit Kritik an konservativen Reaktionsschemata. Die freischaffende Autorin Mina hat den Auftrag, einen Essay zum Dreißigjährigen Krieg zu schreiben. Ein schwieriges Unterfangen, da sie sich damit kein Stück auskennt. Tagelanges Studium und höchste Konzentration sind also geboten, werden aber konterkariert von einer Nachbarin, die einen mentalen Sockenschuss hat, sogar medizinisch beglaubigt, mitsamt Betreuer vom Amt etc. Alleine in einer Wohnung gegenüber von Mina darf sie wohnen, dafür recht es gerade noch. Sich jeden Tag auf ihren Balkon stellen und acht Stunden am Stück ihre Nachbarschaft terrorisieren aber leider auch. Was sie dadurch macht, dass sie lauthals Operetten schmettert, natürlich komplett unbegabt. Ihre Arien schrillen durch die Häuserschluchten, beschweren sich die Leute oder brüllen was hoch zu ihr, so gibt es zur Abwechslung zornige Schimpfkanonaden, bevor sie unverdrossen weiter jodelt. Alle Versuche, die Dame zum Aufhören zu bewegen, scheitern, was dazu führt, dass die Nachbarn selbst langsam irre werden. Auch juristisch ist hier nichts auszurichten, die Frau steht unter besonderem Schutz. Viele Monate geht das so, bis sich die Anwohner nicht anders zu helfen wissen, als sich zusammenzuschließen, sich zu treffen, zu beratschlagen, wie weiter vorzugehen ist. Genervt sind alle, eine Lösung finden wollen auch alle. Unmenschen sind auch keine dabei, alles die letztlich ganz normalen Menschen von nebenan, der selbst ernannte Durchschnitt, die wohlweisliche Mitte. Man will einfach seine Ruhe. Doch was als gut gemeinter loser Zusammenschluss von vermeintlich gleichgesinnten Nachbarn beginnt, offenbart schnell die Unterschiede zwischen den Leuten. Da sind die, die tagsüber nie da sind, entsprechend wenig vom Sangesterror mitkriegen, entsprechend für Milde plädieren. Ihnen gesellen sich jene hinzu, die in den etwas teureren Altbauwohnungen leben, mehrheitlich Akademiker, die vehement darauf verweisen, dass der verhinderte Opernstar vom Balkon längst Opfer ist und keinesfalls erneut zu einem gemacht werden darf. Ihnen gegenüber stehen Leute wie der Taxifahrer mit Nachtschichten, der tagsüber seinen Schlaf braucht, dummerweise aber direkt unter der „Irren“ wohnt. Frauen mit Kindern, die sich vor der mitunter so zornigen Frau ängstigen, man weiß ja nie zu was solche Menschen noch fähig sind. Auch die Menschen aus den Neubauten reagieren verständnislos darauf, dass sie sich abplagen, um zumindest eine Bude im Neubau bezahlen zu können – und die Kaputte kriegt eine schöne Wohnung in der besseren Gegend, sogar mit Balkon, muss nicht arbeiten und darf sogar noch, gestützt und geschützt vom Staat, alle terrorisieren. Mittendrin, zwischen allen Stühlen, hockt Mina. Sieht, wie die Nachbarn sich, je nach Seitenzugehörigkeit, fortan erst gegenseitig meiden, dann Attacken fahren, Autoreifen zerstechen. Irgendwann dann hängt der Taxifahrer eine Deutschlandflagge aus seinem Fenster….

Man mag es kaum glauben, aber dieser „Munin“ ist bei aller Brisanz sehr gut zu lesen und stellenweise richtiggehend lustig. Monika Maron meistert hier die Paradedisziplin aller großen Literaten, das brenzlige Große wird an einem vergleichsweise unbedeutenden Kleinen vorgestellt, die gleichen und dem Menschen offenbar generell innewohnenden charakterlichen und nicht selten milieubezogenen Funktionsweisen exemplarisch sauber einmal durchgespielt. Doch nicht nur das, Maron verquickt hier sehr clever Historisches – der Dreißigjährige Krieg – mit moderner Politik. Und überzieht das Ganze auch noch mit einer gewissen Mystik in Form der Krähe „Munin“, die wiederholt über den Balkon in ihre Wohnung geflattert kommt – um sich mit ihr zu unterhalten. Ja, auch mir taten gewisse Stellen etwas weh, es gibt Meinungen, egal ob nun fiktiv oder echt, da zuckt es einen, wenn man die bei einer so großen Autorin einfach so hingedruckt liest. Die seltsame Angst vor Moslems ist schon verbreitet genug, müssen Intellektuelle das dann noch so gut begründen, dass es seine Seltsamkeit verliert, man an den Punkt kommt zu denken: Joa, kann man tatsächlich so sehen…?

Aufgabe hoher Literatur ist es nicht, uns zu unterhalten oder beständig zu bestätigen, sondern uns zu kratzen und zu peitschen, uns Denkweisen „der anderen“ vorzuführen. Wie sonst soll Empathie walten, wenn nicht über das Nachvollziehenkönnen? Nur eine Literatur, die bereit ist, mir auch mal an die Gurgel zu gehen, nimmt mich ernst. Denn ob ich die Denkweisen „der anderen“ übernehme, haben weder diese „anderen“ und nicht einmal Frau Maron in der Hand.

Meine Mutter meint im Übrigen es wäre gut, wenn ich auch mal mehr Obst und Gemüse esse, Vitamine zu mir nehme. Ts. Ach, die!

Kein Vertun – 5 von 5 Sternen.

Seinen Sie nett, tun Sie so als läge Ihnen auch was am literaischen Schaffen des neidzerfräselten Autors der obigen Zeilen. Klicken Sie folgenden link und lesen Sie rein in seinen 2022 Roman „Blaues Blut“: https://wp.me/p2BujB-3Pa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Mai 2022 von in 2000 - 2018, 5 Sterne, Maron, Monika, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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