David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Halb zog es ihn, halb sank er hin. Soeben ausgelesen: Colson Whitehead – „Harlem Shuffle“ (2021)

von David Wonschewski

Kennen Sie auch die Art von bestem Freund oder bester Freundin, die einen dauernd in den wohlbekannten Mist reitet? Und von dem oder der man trotzdem nicht lassen kann? Halleluja, hat mein bester Freund, den ich vor Jahren hatte mich oft dämlich aussehen lassen. Als ich bei einem Radiosender in Berlin begann, 2003 etwa, kam ich schnell in die Position, Praktikanten ein wenig vor-verwalten zu dürfen. Ich bekam die Bewerbungen zur Vorsondierung, ich machte die Vorschläge, wer eingestellt werden sollte. Klar, gleich mal Vitamin B walten lassen und eben meinen Kumpel für seine erste professionelle Medientätigkeit ins Boot geholt (der im Gegensatz zu mir bis heute den Job als Musikredakteur ausübt). Er arbeitete kaum eine Woche bei meinem Sender, da flatterte die schlechteste Bewerbung, die mir je unter die Augen kam, auf den Tisch. Verstehen Sie mich bitte falsch, die Bewerbung war so schlecht, dass ich Tränen lachen musste. Nicht aufgrund der nicht ausreichenden Vita und Qualifikationen der Bewerberin, sondern mehr bezüglich der Form. Da war beispielsweise das Originalabschlusszeugnis der Schule drin, in Mathe ein „mangelhaft“, was beim Radio unter „normal“ läuft. Die junge Dame hatte das aber doch tatsächlich auf dem Dokument durchgestrichen und in Krakelschrift an den Rand daneben geschrieben: „War eine 3, aber Herr Bodde ist blöd!“. Knallevoll mit derlei Klamotten war diese Bewerbung, ein Füllhorn der guten Laune. Ich weiß, es ist nicht sonderlich reif, über Bewerbungen zu lachen, aber zum einen machen das alle und zum anderen stehe ich seit wenigen Dingen derart machtlos gegenüber wie meinem eigenen Humor, der mich fies überfällt, mich so dumm aussehen lässt wie eben jener beste Freund kurz darauf. Und ja, das war jetzt eine lupenreine Täter-Opfer-Umkehr.

Um es abzukürzen: Mein Kumpel stromerte in mein Büro als ich nicht da war, sah zufällig die Bewerbung, wurde ebenfalls vom Humor attackiert, griff sich die Mappe und reichte sie einmal quer durch den Sender, auf dass alle einmal den Spaß ihres Lebens haben. Als ich zwei Stunden später zum ersten Mal ins Büro eines Geschäftsführers gerufen wurde, um meine erste Lektion in Sachen Arbeitsethik und Verantwortung zu erhalten, hatte ich noch gar nicht bemerkt, dass die Mappe weg war. Himmel wurde ich, zurecht, zusammengestaucht. Meine Rechtfertigungen, dass aber ich doch nichts falsch gemacht habe, die waren faktisch zwar korrekt, taten aber nichts zur Sache. Meine Verantwortung, mein Kopf. Seit jenem Tag weiß ich auch, wie Minister sich fühlen müssen, wenn sie ihre sorgsam aufgebaute Karriere knicken müssen, nur weil sieben Ebenen tiefer eine Halbtagskraft einen unangebrachten Witz gemacht oder Bleistifte geklaut hat.

Auf jeden Fall hatte mein bester Freund dauernd solche Dinge drauf, meinte es gar nicht böse, nie, aber irgendwie wäre ich wohl heute selbst Minister, wenn ich nicht so frühzeitig über seine diversen Witzaktionen gestolpert wäre. Nun ja, ist zumindest ist das meine Theorie. Eltern haften für ihre Kinder, Männer für ihre Kumpel. Und Cousins für ihre Cousins. Deswegen komme ich ja auf den heiteren Schwank aus meiner gescheiterten Medienkarriere, in „Harlem Shuffle“ von Colson Whitehead erleben wir den farbigen New Yorker Ray Carney, der im Harlem der 60er-Jahre nicht nur versucht, dem grassierenden Rassismus zu trotzen, sondern sich auch daran abrackert, nicht kriminell zu werden wie so viele farbige Männer um ihn herum, sein legendärer Schlägervater und eben auch sein bester Freund und Cousin Freddie, mit dem er aufwuchs. Das Schlimme daran: Freddie ist eher ein kriminelles Leichtgewicht, mehr Tölpel als Bandenhero, Schmalspurganove par excellence. Schon seit Jugendtagen bügelt Ray aus was Freddie verbockt. Und auch wenn eine eigene Karriere als Schurke lockt, stemmt er sich mit aller Macht gegen dieses quasi vorgezeichnete Schicksal so vieler farbiger Männer: Nur nicht straffällig werden.

Das, was wir alle wissen, viel zu oft aber vergessen, führt Colson Whitehead hier sehr gekonnt vor: Dass kriminelle Handlungen selten eine Folge von Genen oder gar Rasse oder Geschlecht sind, ja mitunter nicht einmal eine Frage des Charakters, sondern zumeist eine Mixtur aus (fehlenden) Optionen, Perspektivlosigkeit und Umfeld. Ray macht einen ordentlichen Abschluss und eröffnet einen Möbelladen, Ray ergattert durch umsichtiges Verhalten sogar eine emanzipierte Frau aus besserem Hause und wird früh Vater von zwei Kindern. Und es wäre im Grunde eine schöne schwarze Aufsteigerstory, wenn, ja wenn eben Freddie nicht wäre. Der, als er bei einem Einbruch selbst in die Bredouille und an die falschen Typen gerät, nichts Besseres zu tun hat als Ray, den Möbelhändler, als formidablen Hehler zu nennen. Ein solcher ist der (noch) ehrbare Ray zwar nicht, aber sei es drum. Mit der Folge, dass allerlei krumme Gesellen plötzlich im Laden auftauchen, Ray mit Gewalt drohen, aber eben auch mit Einkünften locken. Die Ray als junger Firmengründer wahrlich gut gebrauchen kann, zumal Banken an einem farbigen Kreditnehmer traditionell eher nicht so interessiert sind in jenen Tagen. Und wie es dann halt so geht. Einmal und ausnahmsweise mischt Ray also mit, schon um seinen Cousin vor Knochenbrüchen oder mehr zu bewahren. Und erweist sich dabei gerade durch seine Rechtschaffenheit und sein ungefährliches Auftreten als derart erfolgreich, dass sich sein Name viel zu schnell herumspricht in den düsteren Kreisen von Harlem…

Keine Frage, dieses „Harlem Shuffle“ ist ein gutes, sehr leicht und flüssig zu lesendes Buch. Durchaus zu empfehlen, so jemand ein wenig Spannung, ein wenig Unterhaltung und auch nur ein wenig Anti-Rassismustheorien konsumieren mag – ohne gleich die ganze Political Correctness-Breitseite verabreicht zu bekommen. Ein veritabler Schmökerstoff für nebenbei, der seine Momente hat, aber nie so richtig zu packen oder zu faszinieren weiß. Wer allerdings die Harlem-Krimis eines Chester Himes verschlungen hat und sich angelockt fühlt vom wirklichen tollen Cover, Vorsicht: „Harlem Shuffle“ ist eher lauwarm, ein etwas müder Abklatsch jener Sozialstudien von Himes, die in der Folge Serien wie beispielsweise das gloriose „Shaft“ inspirieren sollten.

Daher: 3 von 5 Sternen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. April 2022 von in 2021, 3 Sterne, Nachrichten, Whitehead, Colson und getaggt mit , , , , , .
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