David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Schlechte Zeiten für Leimener. Oder: Und, was lest ihr gerade so? 11. April 2022

Eines muss man den Förderern einer gendergerechten Sprache lassen – sie bringen Gegner derselben durch ihren Feuereifer immerhin dazu, sich neuerdings beständig zu hinterfragen. Was vielleicht, keine Ironie, der wirklich positive und einzig nötige Effekt des Ganzen ist, einer, der weit mehr zählt als Dudenumformatierungen, Verordnungen und Gesetze. Ich komme darauf, weil ich an diesem Morgen 5 Minuten überlegend vor meinem TV-Gerät verbrachte und darüber sinnierte, ob unser aller Familienministerin Frau Spiegel meiner subjektiven Meinung nach denn bitteschön ihren Hut zu nehmen habe. Und ich hätte gewiss noch eine Stunde länger darüber nachgedacht, wäre gar zu einem Resultat gelangt, wenn, ja wenn sich nicht diese andere Überlegung wie ein dunkler maskuliner Mond vor die strahlend weibliche Sonne geschoben hätte: den Hut nehmen. Wie stockkonservativ-patriarchal ist diese Begrifflichkeit denn. Da schüttelt es ja sogar mich. Stammt aus einer Zeit, in der Männer noch Hüte trugen, stammt aus einer Zeit, in der Machtpositionen nur Männern vorbehalten waren. Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie etwas sagen und es staubt Ihnen dabei aus dem Munde? Das ist dieses „den Hut nehmen müssen“.

Da „weg“ auch weiterhin keine Richtung ist, überlegte ich ergo, konstruktiv, was man bei Frauen denn da äquivalent sagen könnte. Um Ihrem Recht geschasst zu werden auch sprachlich gerecht zu werden. Gar nicht so einfach. Offensichtlich sind wir weiterhin derart bemüht, Frauen in hohe Ämter erstmal hinein zu kriegen, dass wir auf die Aufgabe, sie hernach auch wieder daraus herausoperiert zu bekommen noch so gar nicht vorbereitet sind. Klar, derlei passierte selbstredend schon, wird aber immer und immer öfter passieren, denn die Zukunft ist bekanntlich weiblich, das feminine den Hut nehmen nur die logische Folge dessen, was schon Roger Cicero dereinst so treffend besang. Das Urige ist, dass alle Sprachäquivalente, die mir einfallen, sofort sexistisch klingen. Ich spare mir mal pointenreiche Beispiele. Was den Wunsch, eine hohe Dame möge ihren Posten räumen bekanntlich unterminiert, gerne dazu führt, dass erst mal ich, der hochmoralisch einen Rücktritt Fordernde, den, ähm, Griffel, Füller, die Tastatur nehmen kann. Schwierig, schwierig. Fällt Ihnen eine gendergerechte Formulierung ein?

Womöglich verhält es sich aber auch genau andersherum, ist „den Hut nehmen“ einer diese diversen für Männer genutzten Sprachsexismen, die wir uns bisher weigern als exakt einen solchen zu benennen. Wobei ich diesen antiquierten Hut-Sexismus gut finde, so vornehm. Immer noch besser als „Wonschewski, der Trottel, soll sich vom Acker machen!“. Hm. Okay, Vorschlag: „Ich finde Frau Spiegel sollte ihr charmantes Wesen, ihre Fähigkeit zu öffentlicher Entschuldigung und auch ihre Empathiefähigkeit nehmen!“. Die kann sich ihre bewundernswert sensible Art mal schön an den künftigen Aufsichtsratsposten stecken! Ist doch wahr.

Sorry, respektvoller habe ich es gerade nicht da. Als ich im Übrigen nachgoogelisierte, ob Frau Spiegel nun unsere Umwelt-, Familien- oder Verteidigungsministerin ist (ich verwechsle die entsprechenden Damen seit annotukk immer eifrig untereinander, vermutlich weil Männer diese Posten seit Jahren oder gar Jahrzehnten per unausgesprochenem Diktum nicht mehr übernehmen dürfen) stellte ich fest, dass sie so wie unser gerade in Sack und Asche laufendes Tennisidol gebürtig aus Leimen kommt. Keine Ahnung, ob das den Charakter formt. Vielleicht hätte sie das in ihre Abbitte einflechten sollen, ich ahne, das hätte jeder sofort verstanden.

Und nun, abschließend, zu wirklich Essenziellem: Ich versuche mich gerade mal wieder an einem Spiegel Bestseller: Colson Whitehead – „Harlem Shuffle“ (2021). Und komme wieder null rein, obschon mir das Teil behagen müsste, quasi ein Krimi im 60er-Jahre New York-Outfit. Schon stilistisch gut gemacht, aber leider nur ein Abklatsch der Großtaten des legendären Chester Himes, der seine Krimis ebenfalls quasi komplett im afroamerikanischen Milieu verortete. Bin aber auch erst auf Seite 220. Wird schon noch, ähem.

Und ihr, was lest ihr gerade so?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. April 2022 von in Nachrichten, Und, was lest ihr gerade so? und getaggt mit , , , , , , .
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