David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

David Wonschewski erklärt psychologische Mysterien der Weltgeschichte. Heute: Der selten dämlich verkniffene Gesichtsausdruck.

Kennen Sie den Loriot-Sketch „Eheberatung“ aus den 70er-Jahren? Evelyn Hamann als Paartherapeutin fragt zum Einstieg erst Frau Blöhmann nach ihrer Lieblingsfarbe – Schaumolweiß (weil weißer als Weiß) – dann Herrn Blöhmann, gespielt von Loriot: „Grau… aber nicht soo grau, mehr… grüngrau…ins Bräunliche… eine Art Braungrau mit grün… ein, ehm, Braungrüngrau“.

Wann immer ich einen neuen Roman herausbringe, entdecke ich mittlerweile den Herrn Blöhmann in mir. Als ich meinen misanthropisch-depressiven Roman „Schwarzer Frost“ herausbrachte, teilte man mir im Vorfeld mit, das Problem bei mir sei, dass ich so gar nicht nach dem klaustrophobischen Seelenzeug aussehe, das ich da zusammenklöppel. „Da müssen wir was machen, mit dem Gesicht, den Klamotten, ne, so kriegen wir Sie definitiv nicht unters Düstervolk.“ Kurzzeitig wurden seinerzeit Pressefotos mit ordentlich Kajal und Kunstblut erwogen, das sah dann aber noch bemitleidenswerter aus. „Herrje, dann lachen Sie wenigstes hintersinnig-sarkastisch, kurz fürs Foto!“. Ich also: „Hä-hä-häääh!“. Und: „Harrr-harr-harrr!“. So richtig DÖF-codomäßig. Es war ein Schauspielerfiaskograus, das sich gottlob nie aufs Foto bannen ließ.

Zumal das Feedback später ja auch uneindeutig ausfiel. Ich erinnere mich an eine Lesung, da kam erst eine Dame hinterher zu mir und meinte, ihr gefiele das alles sehr gut, aber ich solle mal etwas Luft an meine Texte lassen, auch mal lustig sein, dann wird das bestimmt erfolgreich. Und ich war schon bereit, mein Schicksal als literarischer Trauerkloss zu akzeptieren als keine 5 Minuten später ein Herr sich neben mir aufbaute und mir mitteilte, dass er sich selten so zusammenreißen musste, nicht laut zu lachen, weil das alles so zynisch-humorig ist, sich aber nicht traute, weil alle anderen Zuhörer so stumm und betroffen waren. Und er erst später mitkriegte, dass es anderen auch so ging, „Schwarzer Frost“ sei wie ein Lachanfall auf einer Beerdigung. Er gab mir dann noch den weisen Rat, Sie ahnen es, durchaus etwas ernster und dunkler zu werden, dann könne man besser in die Tiefe tauchen.

Als ich an jenem Abend die Lesung verließ, wusste ich gar nicht mehr wo unten und oben ist. Man fängt ja mit dem Schreiben an, um sich zu finden. Bei mir ist irgendwie das Gegenteil der Fall, nach einem jeden Buch stehe ich neu da wie Herr Blöhmann in der Eheberatung. Mein neuer Roman „Blaues Blut“ fühlt sich für mich, den Autor, in seiner erwünschten Weisheit verdammt ahnungslos an, ahnt ab und an aber tatsächlich haarscharf an dem vorbei, was wir Wahrheit nennen. Ein schlaudummes Buch, gewissermaßen, geschrieben von einem Mann, der ganz humorig wäre, wenn er nicht so einen traurigen Anblick böte, während er in seiner Schreibstube sitzt und sich an sich selbst totlacht. Ja, natürlich bin ich stolz, den heiklen bipolaren Stoff bewältigt zu haben, bin auch stolz wie ein Beinahe-Papa mein Buch endlich in Händen zu haben, stolz immer noch einen Verlag zu haben, der sagt: Wir nehmen dich auch ohne Kajal. Eines der besten Gefühle der Welt. Zugleich ist da aber auch die Angst, die Scheu aller Veröffentlichenden. Man will ja einen kleinen Erfolg haben, man will ja durchaus was gelten in der Welt. Aber ich schwöre Ihnen, sollte mich irgendwann jemand Fremdes in der Stadt ansprechen – „Sagen Sie, sind Sie nicht der Verfasser von diesem Wutbürger-zieht-sich-selbst-den-Stecker-Roman?!“ – ich werde einen schrecklichen Herzkaspar erleiden, die Arme schützend vors Gesicht werfen, kreischen: „Warten Sie – ich kann alles erklären!!!“. Seit vergangener Woche fange ich auch schon wieder so seltsam widerwärtig an zu schwitzen, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und sehe, dass da wer vor mir ist, spüre, da ist auch wer hinter mir. Jetzt muss nur noch wer was da oben durch den Mitarbeiter-Lautsprecher tröten – „Wonschewski, einmal zu 109, Wonschewski zur 109!!“ – und man kann mich abholen. VÖ-Paranoia.

Ja ja, von einem der sich an dem Kunststück verhob unsichtbar gesehen zu werden.

Und so kommen dann Selfies wie das hier zustande. Ein Lachzaudergrins. Ein Schelmschämrennweg. Ein ZwaraustherapiertaberkeinStückknusper. Braungrüngrau eben.

Der finale Jammersatz ist altbekannt: Ach, hätt‘ ich doch was Gescheites gelernt.

Ganz übel kommerz-kaptalistisch bestellt werden kann das Buch: HIER.

Künstlerfreundlich und mit Widmung geht es auch: HIER.

Ein Kommentar zu “David Wonschewski erklärt psychologische Mysterien der Weltgeschichte. Heute: Der selten dämlich verkniffene Gesichtsausdruck.

  1. lachmitmaren
    4. April 2022

    Was ist falsch an dem Herrn Blöhmann? Jemand, der verschiedene Farben liebt, ist doch viel interessanter, als jemand, der oder die es „weißer als weiß“ (oder schwärzer als schwarz …) haben will, oder?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. April 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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