David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

„Blaues Blut“ – Das Interview vorab. Autorin Nikoletta Kiss befragt David Wonschewski

„Blaues Blut – Eine Biedermeiersehnsucht“, der neue Roman von David Wonschewski erscheint am 28. März – in genau fünf Tagen.

Ich hatte ja auf ein Vorabexemplar gehofft, aber auch ich muss warten, kenne also den Roman noch nicht. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, möchte ich mit David ausloten, womit wir es eigentlich zu tun haben.

Nikoletta: David, ich habe den Eindruck, du kokettierst für deinen neuen Roman mit dem Label: „Feministischer Roman aus Männerfeder“. Ist das ein Trick, deine Käuferschaft auf das lesende Geschlecht auszuweiten oder kommen in dem Roman tatsächlich auch Frauen vor?

David: Ha, also wenn das ein Trick ist, dann ist das aber weder ein besonders origineller, noch ein wahnsinnig neuer. Kommt ja ziemlich häufig vor, dass in eine Buchbewerbung das Wort „feministisch“ gepackt wird, ich schwimme da also bestenfalls einfach mit, so als Trittbrettfahrer.  Reinhard Mey hat einmal gesagt, egal welches Thema ein Lied hat, letztlich geht es immer um Liebe. Kann man auch auf Literatur beziehen, egal wie männerlastig ein Buch ist, es geht immer um Frauen. Ob das dann gleich feministisch ist, das ist natürlich eine andere Frage, ich denke aber, da sich in meinen Büchern die Kerle meistens selbst dekonstruieren, bleibt das nicht ganz aus. Und ja, es kommen auch Frauen drin vor und ich bilde mir ein, die kriegen das Leben sogar deutlich besser hin als mein Anti-Held Frankenfelder.

Nikoletta: Ich erinnere mich an deinen Roman “Schwarzer Frost” (2012), indem dein egomanischer, nihilistischer Musikjournalist in einem genialen Monolog, auf eine den Leser korrumpierende Art und Weise, alles Gute und Schöne in Schutt und Asche redet. Frauen kommen im Frost nicht ganz so gut weg, eher heulend. Aus feministischer Sicht ist der Roman aber ausgesprochen lehrreich, schon um die Psyche eines Männertypus zu ergründen – und das bis in ihre Untiefen – von dem wir unsere Töchter unbedingt schützen sollten. Seit ich dich kenne, beschäftigst du dich intensiv mit feministischen Themen. Glaubst du, es lässt sich in „Blaues Blut“ eine gewisse feministische Entwicklung im Vergleich zum Frost erkennen?

David: So sehr beschäftige ich mich gar nicht damit, ich versuche sogar seit einiger Zeit regelrecht davor wegzurennen, leider ist der Feminismus aber so wahnsinnig schnell, holt mich meistens ein. Ich bezeichne mich ja deswegen als Semi-Feminist, weil ich das alles zu 50 Prozent wichtig, richtig und toll finde. Dummerweise gibt es da aber noch die anderen 50 Prozent, die mich manchmal schallend lachen oder aber mich total aufregen lassen. Letztlich geht es aber nicht nur immer um Liebe und Frauen, sondern vor allem wohl einfach nur um die Suche nach Glück. Und so gesehen habe ich in den letzten 10 Jahren seit „Schwarzer Frost“ gottlob wohl doch eine gewisse Entwicklung genommen. Früher war ich auch der Meinung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied, diese ganze Sache so ein metaphysischer Kopfkasper ist. Mittlerweile sehe ich das anders, ich bin größtenteils ein ziemlich glücklicher Mensch, pures Unglück spüre ich nur – auch wenn das jetzt etwas sämig klingt – wenn ich meine Frau unglücklich mache. Ich hasse das, da kommt bei mir so richtiger Selbstgroll hoch. Ich muss gar nicht schwerfällig an meinem eigenen Glück arbeiten, es reicht vollkommen, wenn ich an ihrem Glück arbeite, der Rest passiert dann von selbst. In Abwandlung des berühmten Spruchs von Saint-Exupéry: Das Glück, das du aussendest, kehrt zu dir zurück. Siehst du, so ein Schwurbelsatz wäre mir zu Zeiten von „Schwarzer Frost“ gewiss nicht aus der Birne gefallen.

Nikoletta: Deinen Protagonisten Frankenfelder beschreibst du als diesen eigentlich toleranten, weltoffenen, auch eher linkspolitisch agierenden Kerl, der merkt, dass ihm der Gang der gesellschaftlichen Dinge, der Zeitgeist zunehmend die Luft raubt, ihn zorniger werden lässt. Er will aber gar nicht zu einem dieser maskulin verzerrten Gestalten geraten. Dieser Frankenfelder erinnert mich stark an jemanden. Jetzt mal die Wahrheit, David, nichts als die Wahrheit. Ich weiß, deine Bücher kommen stark aus deinem Inneren. Wie viel steckt von dir in diesem Frankenfelder, zumindest in der Ausgangslage? 

David: Für dieserart Fragen wurde mal die hübsche Antwort „jein“ erfunden. Einerseits ist da natürlich sehr viel von mir drin, wenn ich allein bedenke, dass ich abgesehen von einer Partei mit allen schon sympathisiert habe, auch dass ich mit zunehmendem Alter und je länger ich aus Berlin weg bin automatisch konservativer und spießbürgerlicher werde und sehr gut nachempfinden kann, dass es bei vielen Männern wohl nur noch zwei oder drei ungünstige zusätzliche Zutaten braucht, um in eine ganz dunkle Richtung abzudriften – auf alledem fußt auch Frankenfelder, kam dereinst mit friedensfliegenden Künstlerfahnen nach Berlin, dann führte eines zum anderen und Jahre später, plötzlich, zack, Plakat mit Bill Gates drauf. Das habe ich nicht gemacht, um Gotteswillen, aber ich ahne, dass das bei Männern ab einem gewissen Alter sehr schnell gehen kann und verstehe auch recht gut warum. Dass ich persönlich niemals so enden werde ist einfach nur großes Glück, mir fehlen diese Zutaten, die es braucht, um sich komplett in diesen Wutbürger-Schlund ziehen zu lassen. Nimm allein meine Vita, ich bin Westdeutscher, mein Vater war Drogenfahnder, also Staatsbeamter. Ich will gar nicht wissen, wie ich heute drauf wäre, hätten wir 1989 nicht nahe der niederländischen Grenze gewohnt, sondern in zB. Gera. Ich denke schon, dass ich eine größere Grundwut in mir tragen würde. So gesehen sind da also vielleicht 30 Prozent Wonschewski im Frankenfelder. Wenn man gewisse andere Aspekte hinzunimmt, wie Frankenfelder darf auch ich mich beispielsweise an zuverlässig wiederkehrenden bipolaren Schüben erfreuen und kenne mich mit Patchwork-Familien allerbestens aus, kommen wir auf vielleicht 50%. Klar, wäre ich zu 100 % in allen meinen Romanen und Kurzgeschichten, dann würde ich diesen netten Dialog hier wohl nicht von Münster aus führen, sondern aus dem Hochsicherheitstrakt Stammheim, ha.

Nikoletta: Dein Protagonist besorgt sich also – so die Leseprobe – einen Hammer im Baumarkt, mit dem sich jedes Problem binnen Sekunden und mittels Hammerschlag aus der Welt schaffen lässt. Er fühlt sich augenblicklich besser. Der Hammer dient seiner Emanzipation. Frankenfelder wird zum richtigen Mann. Das klingt ungemein feministisch, David. Hast du daran gedacht, dir vorsorglich ein paar Bodyguards zum Schutz vor anwesenden Hardcore-Feministinnen für deine Buchvorstellungen zu besorgen? 

David: Wofür, wenn ich den Hammer mitbringe, brauche ich doch keine Bodyguards. Ach so, ne, ich bin ja gar nicht Frankenfelder, nur zu 50%, also habe ich nur einen halben Hammer dabei. Nette Vorstellung, wie ich bei Lesungen immer mit so einem kaputten halben Hammer aufkreuze, hat doch irgendwie was wunderbar Symbolträchtiges.

Nikoletta: Du deutest an, dieser Frankenfelder ziehe sich den Stecker, tauche unter, schaffe sich ab in einem Akt der Menschenfreundlichkeit. Wie auch immer das genau zu verstehen sei, wir wollen hier nicht spoilern, es klingt etwas resigniert, nicht? So als wäre der feministische Befreiungsschlag der Frau, eine Art Untergang des Mannes. Ich würde behaupten, die Emanzipation der Frau löst doch durchaus auch Männerfesseln. Ich weiß, du könntest über dieses Thema ein neues Buch füllen. Sagst du uns in drei Sätzen, wie du darüber denkst?

David: Nö. Also nicht, weil ich nicht will, sondern weil das eben doch bereits spoilern wäre. Ich freue mich aber, dass du mir da keck und prophylaktisch einen potenziell misanthropischen Plot unterschiebst, was vermutlich daran liegt, dass ich einen in der Tat etwas ramponierten Ruf als Nihilist hege und pflege. Es könnte sich aber als hilfreich erweisen, den Untertitel von „Blaues Blut“ nicht zu unterschlagen: „Eine Biedermeiersehnsucht“.

Nikoletta: Das bringt mich jetzt zum Nachdenken.

Zum Schluss, bevor wir nun endlich lesen können, gibt es noch etwas, das du uns auf den Weg mitgeben möchtest? Warnungen, Ratschläge, Bitten um Nachsicht, gute Vorsätze fürs nächste Buch …? 

David: Warnungen? Lass mal überlegen. Vielleicht nicht das ganze Buch auf einmal essen. Und jeden Bissen gut kauen vorm Runterschlucken. Und nach dem Erhitzen nicht wiedererwärmen, aber das dürfte klar sein.

Meine guten Vorsätze fürs nächste Buch lauten im Übrigen seit zehn Jahren immer gleich: Überhaupt eins schreiben. Man könnte ja meinen, sowas wird irgendwann zu einem Selbstläufer, wird es aber nicht. Immer wenn ich ein Buch abgeschlossen habe sage ich zu mir: Na so ein Schmarrn, das machste auch nicht nochmal. Mache ich aber.

Zu einer Leseprobe aus „Blaues Blut – Eine Biedermeiersehnsucht“: HIER ENTLANG.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. März 2022 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , .
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