David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Bipolare Bekenntnisse. Oder: Und, was zehrt an euch gerade? / 21.Februar 2022. Leben in Saus und Braus zu gewinnen

Was soll ich lügen: Die Augenringe erzählen die Nacht, fremdes Hotel bin fröstelnd aufgewacht. Sangen Pur, die Band, die keiner mag, weil sie immer richtig lag. Aber mal im ernst: Sagen Sie, kennen Sie das auch, wenn die graue Stadt, in der Sie leben, wie ein Hochhaus auf Ihrer gramgebeugten Seele lastet? Bitte hier mal bildlich vorstellen, Sie als Seelenopfer. Fritz Lang, Peter Lorre. Architektur, das drückt. Nein? Echt nicht? Glückwunsch. Meine Lektorin kannte das auch nicht. Das sei sprachlicher Bullshit sagte sie, strich es aus meinem Manuskript. Sie könne ja nun nix für meine Peniskomplexe. Sie könne sich keine Meinung bilden, aber Hochhaus scheine ihr etwas viel, allein wie ich zur Tür reinkomme, hüstel, überhaupt kein Hochhaustyp. Ja was denn aus dem guten alten Zelt geworden sei, ob das nicht was für meine gramgebeugte Seele sei. Dann lachte sie. Psychologie gehöre zum Lekoratsstudium. Und ich könne meine Libido ja ausleben wo ich will, nur nicht da wo es Gehirn gibt. Ich sagte das sei Herz, das Hochhaus. Seltsames Herz, dein Hochhaus, David. Mehr Phallus als an deinem Herzhabe ich nie gesehen. Hochhaus ist derart patriarchales Dominanzgedöns, dass es fast lustig ist, das drin zu lassen.

Woraufhin ich sie über die zerrissenen Emotionen einer gequälten Existenz aufklärte, die ein solches wunderbar poetisches Bild durchaus erlaubten, zumal es noch nicht so abgegriffen ist wie der Kitsch, den man sonst so vorgesetzt bekommt. Das sei die dämlichste Ausrede für Sprachschlamperei, die ihr je untergekommen sei, meinte sie daraufhin. „Bullshit bleibt Bullshit, das Hochhaus fliegt raus“ – beendete sie die etwas einseitige Unterhaltung und sah mich mit einen Gesichtsausdruck an, wie er ab und an auch bei Autokraten, Despoten und Heidi Klum zu beobachten ist. Glauben Sie mir, ich habe als doof-dummer Rekrut mitten im Übungsgefecht mal mit einem Hauptfeldwebel das Diskutieren angefangen. Da ging schon eher wenig. Verglichen mit dem eisernen Sprachwillen einer gerade ausstudierten Lektorin Ende 20 verhielt sich dessen befehlshafte Rechthaberei wie, ehm, wie Softeis, das auf…öhm…Zedern fällt. (Ja wie, wenn man mit nem Kran vor den Baum fährt mit Eis in der Hand und dann so schief hält…geht auch nicht??)

Wer es noch nicht gemerkt hat, das ist natürlich ein Lob. Es gibt Menschen, die torkeln aus der Bar, denken, sie könnten noch Autofahren, dann kommt ein guter Geist, nimmt ihnen den Schlüssel weg, entmündigt sie quasi mit unerbittlichem, aber großem Herzen. Mit Autoren und Lektoren ist das ganz ähnlich. Wohl auch, weil Lektorinnen, sprechen sie mit Autoren, regelmäßig das Gefühl überfällt sie sprechen mit einem großen, bockigen Kind. Ich will aber mein Hochhaus! Mennö, alle haben ein Hochhaus! Goethe hat bestimmt auch ein Hochhaus! Quengel, quengel, Genie, Genie. Tja, sind wir nicht alle ein bisschen Mozart?

Die Wahrheit, die wie ein Zelt auf meinem, ehm, Lungenflügel nächtigt, ist aber, dass ich es bis heute nicht vergessen kann und will. „Unerbittlichkeit“ – eines dieser Worte mit schlechtem Ruf, aber gutem Effekt. Gut fünfzehn Jahre ist es mittlerweile her, mein erstes Aufeinandertreffen mit einem Lektorat. Ein Kräftemessen wie das zwischen einem Löwen und einer, lassen Sie mich überlegen: Spiegelung auf einem See bei Sonnenuntergang. Mit mir als Spiegelung, klar. War schon in der Grundschule an Fasching mein liebstes Kostüm. Ich weiß es noch genau: Auf der einen Seite ein studierter, hochintelligenter und blitzsauber argumentierender Geist. Und auf der anderen Seite ich mit meinem Hochhaus, das mir meilenweit aus meiner gramgebeugten Brust ragte. Um ehrlich zu sein habe ich vielleicht auch nur die Sache mit meinem Vornamen falsch verstanden, den ich nun einmal trage und der mich wie kein anderer verpflichtet Kämpfe auf verlorenem Posten anzusteuern wie ein, ehm, Elefant das Licht eines Leuchturms. (Jumbo!!!!)

Heute bin ich ihr – und den Lektorinnen und Lektoren, die folgten – wahnsinnig dankbar. Eine der wichtigsten Eigenschaften als Autor ist – nach Ideen, was man schreiben könnte, klar – zu wissen, was man eben nicht kann. Meine Rechtschreibung war top, bis diese blöde Reform kam, seitdem bin ich oft hintendran, gebe ich zu. Bei Kommata kriege ich philosophische Freiheitsanwandlungen, ich werde da so renitent wie andere Mitbürger in Sachen Impfung. Wer will mir vorschreiben, wo das Komma sitzt, es ist mein Satz, meine Aussage! Bill, Gates. Nicht zu vergessen meine nun, komplexe Langatmigkeit. Ich habe schon 1000-seitige Meisterwerke geschrieben, die Menschheit wird sie nie zu Gesicht bekommen, weil ich Opfer der Lektoratsmafiafaschisten wurde, ohne Ende Passagen gekillt wurden!! Und wissen Sie, mit welcher Begründung?

Bullshit bleibt Bullshit.

Das Foto da oben zeigt mich im Übrigen bei der Durchsicht dessen, was ich als „schönste Demütigung der Welt“ betitel. Ich hatte beim Verlag mein neues Romanmanuskript abgegeben, er hat es erst nur gelesen und dann als veröffentlichungswürdig erachtet. Juhu! Dann ging es an den Lektor, der gab den Deutschlehrer und nun habe ich es kommentiert und verbessert zurückerhalten. Und ja, das ist wie damals eine Deutscharbeit, jedes Komma, jedes schiefe Bild markiert, jedes Verständnisproblem benannt, schön am Rand alles. Kriegt man als hochbegabtes Mozartgenie sein Manuskript aus dem Lektorat, dann hat das immer was von „sechs-setzen“. Oder wie hieß es in einer Werbung der 80er-Jahre? Oooh, alles root.

Unverständlich, mit Hochhäusern operiere ich schon lange nicht mehr. Man ist das schwierig, sich literaturelitär zu fühlen. Man fühlt sich eher wie Jockel aus der 5b. Bevor ich nun versuche, diesen Artikel hier rund abzuschließen wie ein, ehm, Gefühl, das die Bundesliga gewinnt während…öööhm..in Afrika noch immer Kinder hungern, bedanke ich mich bei allen Lektoren der Welt. Ähnlich wie Übersetzer eine unterm Radar laufende graue Eminenzspezies, aber an Wichtigkeit kaum zu überbieten. Mein neuer Roman „Blaues Blut“ handelt von einem manisch-depressiven Mann, der erst nach Berlin geht, da er denkt, dort sei das Leben, dort sei Rettung – und dann nach Jahren in die Provinz zurückkehrt, weil er hofft, vielleicht ist ja eben doch eher da das richtige Leben und die Ruhe. Wer das jetzt schon langweilig findet, nicht so vorschnell: Es kommt auch ein Hund drin vor, total süß. und Kinder, goldig. Und ehm Liebe, oh la la. Wer trotzdem keine Lust auf Bücher über bipolare Menschen hat, kein Ding, ihr kennt mein Motto: Kaufen reicht, lesen muss nicht.

So, und nun der abschließende Erzählreigen, der auch das CD-Cover einbindet vom Foto. Meine damalige Lektorin, mittlerweile gewiss ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz in Purpur, fragte, als ich auf meinem Hochhaus beharrte, wie sie sich das denn bildlich vorzustellen habe, ob das Fundament und das Erdgeschoss in mir drin sind und so ab Stockwerk zwei ragt es mir dann aus dem Bauch oder wie oder was. Ich möge ihr das doch nur einmal aufmalen, ihr sei, das wisse Sie ja auch, ihre Intelligenz manchmal im Weg für so einen Männerschwachsinn, ich könne auch gerne mit dem Empire State Building als Vorlage operieren, müssen auch nicht alle Stockwerke mit aufs Bild, sie gibt sich mit der Hälfte zufrieden. Möchte nur sehen, was genau das mit meiner Seele macht, von der im Übrigen auch nicht so klar sei wo im Körper sie überhaupt stecke, aber ich kreativer Philosoph mache das schon. Signieren und rahmen muss nicht -und schaute mich an wie die Katze die Maus anschauen würde, wenn der Katze selbst nicht klar wäre, dass das Bild von der Katze und der Maus reichlich abgegriffen ist. Deswegen bildete ich mir wohl nur ein, sie schaute mich so katzmausmäßig an, was ich erklären kann, es liegt daran, dass diese Stadt, in der ich lebe seit einiger Zeit….wie ein…Hochhaus…puuuh.

Wenn Lektorinnen zynisch werden ist das im Übrigen immer ein ganz guter Punkt einzusehen, dass die eigene ach so feste Ansicht einer Tomate gleicht, die, ehm, den Matchball auf dem, öhm, Tennisplatz des Lebens versemmelt. Nun, ein pfeilscharfes Argument hatte ich noch im…Köcher der Überzeugungen. Und so rief ich: Funny van Dannen! Der hat in einem Lied auch einen Protagonisten, der aus seinem Haus tritt und eine kleine Romanze mit einem Hochhaus anfängt – das hat sogar eine Frisur, das Hochhaus, fehlt sogar nicht viel und die beiden gehen Volleyballspielen am Strand.

Und, klappt’s?

Klappt was?

Spielen sie Volleyball, der Mann und das Hochhaus?

Nein, das Ende ist etwas traurig. Das Hochaus hat keine Arme, daher kein Volleyball und auch die Romanze ist zu Ende.

Eben. Funny van Dannen zeigt das das Bild nicht aufgeht, das ist sogar seine Geschichte. Bisschen Kifferromantik ist auch drin. Dein Prtagnist aber ist voll da, ist nichtmal betrunken, aber da schaut ihm einfach so ein Hochhaus aus der Bauchdecke. Weiß du wie man sowas in der Germanisitk nennt, was du da machst?

Hm, wie?

Bullshit, David.

Mein Roman „Blaues Blut“ erscheint Ende März 2022. Wer ein Exemplar vorbestellen will kann das jetzt schon tun. Ich gebe dann kostenlos ein Hörbuch und ein Leben in Saus und Braus dazu. Wer kein Leben in Braus und aus will und kein Hörbuch und auch das Buch nicht, kann mir den Obulus auch so überweisen: Referenz: Hochhaus.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Februar 2022 von in Nachrichten.
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