David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Bukowski, Fauser und die Eskimos. Oder: Und, was lest ihr gerade? 24. Januar 2022 (John Fante – „Arturo Bandini“)

von David Wonschewski

Sagen Sie, sind Sie auch so fasziniert von gesellschaftlichen Paradoxien? Sie wissen schon, Dinge, die gegen jede Vernunft sind, total unlogisch – aber existieren. Sodass man gar nicht anders kann als irgendein tiefenpsychologisches Phänomen dahinter auszumachen, das mit dem Sujet als solchem wenig bis gar nichts zu tun hat. Beispiele? Gerne: Je weniger Ausländer in einer Gegend wohnen, desto größer die Angst vor „Überfremdung“. Je dicker das Bankkonto, desto schlafloser die Nacht. Je höher der sauer erkämpfte Kiloverlust, desto größer die Gewissheit, auf alle Zeiten und immerwährend fett zu sein. Je weniger von Klimawandel direkt betroffen, desto Greta.

Wunderwerk Mensch. Kriegen wir auch hin, wenn wir uns lustvoll an die eigene Nase fassen. Wissen Sie, welche Gruppe die privilegierteste ist, wenn es nur um existenzielle Grundwerte (Lebenserwartung, Bildungschancen, Einkommenssituation, Sicherheit) geht? Weiße, europäische und nordamerikanische Frauen. Na und wer hat seit einigen Jahrzenten die fetteste Ermchtigungsmaschinerie am Laufen, streitet am lautesten für Gleichstellung, zetert, brüllt, demonstriert, bringt jeden Monat zig monothematische Bücher heraus, in der eine angeblich systematische weibliche Benachteiligung hervorgekehrt wird? Jupp, genau die. Was jetzt gar kein Vorwurf sein soll, der FC Bayern München beklagt sich ja auch öfter mal über Strukturen im deutschen Profifußball. Deswegen heißt es ja Gleichberechtigung, weil Frauen sich genausogut wie Uli Hoeness verhalten dürfen wie Uli Honess sich wie Uli Honess verhielt, bevor ihn seine Hoenesserei dann in den Knast brachte. Man wundert sich halt nur, warum die, denen es am besten geht, offenbar am meisten leiden. Keine Sorge, wir weißen Europäer und Nordamerikaner, also die Männer, sind kein Stück besser. Würden wir einfach weniger saufen, langsamer Autofahren und endlich raffen, dass die Nummer mit der Vorsorgeuntersuchung noch nie als Witz gemeint war, dann hätten wir vielleicht sogar Augenhöhe mit den Frauen. Aber auch ohne sind wir natürlich immernoch wahnsinnig privilegiert, global gesehen. Und was machen wir Kerle, bringen wir auch zig Unterdrücktenbücher raus, bejammern öffentlichkeits- und verkaufswirksam unser schlimmes Privilegiertenschicksal nach Frauenvorbild? Nein. Denn wir haben es bekanntlich nicht so mit dem Wort, wir lieben die Tat. Und sind darum – Trommelwirbel – unangefochtener Weltmeister in Amoklauf & Suizid. Kein zynischer Witz, afrikanische kriegstraumatisierte mittellose Bauern bringen sich selten um. Männer in Honduras, die vor lauter Armut und Alltagsgewalt kaum geradeaus schauen können auch nicht. Das macht nur meinesgleichen. Gute, unbeschwerte Kindheit, Abitur, Studium, dann nen Korb von Angelika gekriegt, zuviel Leonard Cohen gehört, der Mond schien so helle: Bumm.

Wohlstandsmurks. Industrienationengaga. Ich glaube, wir sind alle miteinander einfach wahnsinnig verwöhnt und genau deswegen innerlich komplett verwahrlost. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie in Ihrer abonnierten Tageszeitung – man will ja die Zunft retten, die Bäume sind dann erst mal egal – das genussvoll das Feuilleton lesen und sich plötzlich fragen, ob Sie nichts Beseres zu tun haben als das? Und sich dann selbst die Antwort geben: Nö – und sauber weiterschmökern. Vielleicht tun uns auch all diese Optionen nicht gut, all diese Freiheiten überfordern uns. Meine Mutter sagte erst dieser Tage zu mir, sie habe ich vor 30 Jahren das Leben gewünscht, dass junge Frauen heute haben – wenn sie sich das heute aber so anschaut, lehnt sie doch dankend ab, sie hatte es besser. Alle so gehetzt, die jungen Frauen, alle so unter Druck. Und ja, auch deswegen mochte ich das aktuelle Christian Kracht-Buch „Eurotrash“ so, traf es genau den Nerv. Wohlstand bringt degenerierte Leute hervor. Männer, die sich wegen Bill Gates nicht gegen Corona impfen lassen. Frauen, die die durch die Stadt fahren und bemerken, dass Gebäude und Straßenführung sexistisch und patriarchal sind.

Können die Chinesen sich bitte mal beeilen? Wir haben offensichtlich ausgedient.

Mein Englischlehrer sagte immer, was die Menschen brauchen, ist alle 100 Jahre eine Seuche und alle 50 Jahre einen Krieg. Sonst geht es bergab. Je älter ich werde, desto besser verstehe ich den Quatsch. Wir privilegierten Europäer jeglichen Geschlechts werden allesamt abstrakte Kopfbiester. Wir kennen das Leben kaum noch, erkennen es nicht, Existenz ist für uns wie ein Blick durch eine Milchglasscheibe. Wir müssen dringend geerdet werden, damit wir wieder wissen, was echte Probleme sind.

Auf dem Foto sieht man mich übrigens noch mit 5 Kilo mehr. Bevor mir nun jemand zum Gewichtsverlust gratulieren will, Vorsicht: Das Ding ist von gestern. Ich habe die Vergangenheitsform lediglich gewählt, weil ich mich so gewiss nie nie wieder vor die Kamera traue. Denn zwar möchte ich Gewicht reduzieren, aber nicht aufs Gewicht reduziert werden. Alles eine Frage der Semantik. Luxusprobleme.

Ach so, das Buch: John Fante – „Arturo Bandini“. Gestoßen drauf bin ich, als ich mir diverse kulturjournalistische Texte von Jörg Fauser vornahm. So wie viele unterdrückte und benachteiligte Europäerinnen dieser Tage „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert lasen und viele geheime oder vergessene Literaturtipps daraus mitnahmen, habe ich die Diogenes-Veröffentlichung „Der Klub, in dem wir alle spielen“ durchgesuchtet und meine Einkaufszettel vollgeschrieben hernach. Der Fauser verstand was von literarischen Untergrundschätzen, herrlich – zumindest für Leute aus der fauser’schen Perspektivenhalbwelt, für die man, ich gestehe es, wohl ein diskriminierte und in Sachen Privilegien nur Zweitplatzierter und darum latent zum Suizid neigender europäischer Mann sein muss. John Fante war als Drehbuchschreiber halbwegs erfolgreich, als Literat aber so gar nicht. Mit Mühe und Not brachte er seine „Arturo Bandini“-Bücher an den Verlag und geriet direkt in Vergessenheit. Und es ist tatsächlich einzig Charles Bukowski zu verdanken, dass er posthum – er starb 1983 – immerhin zum einflussreichen Kultautor avancierte, dem viele Untergrundschreiber verfielen, nicht zuletzt Jörg Fauser. Und tatsächlich, liest man diese Bandini-Trilogie so fühlt sich das schnell an wie ein lupenreiner Bukowski, nur mit weniger Sex. Der jugendliche italienische Außenseiter (er wird im Laufe der Trilogie zum erwachsenen Mann) , der in der amerikanischen Gesellschaft ankommen will und einfach an allem scheitert, vor allem sich selbst. Gerade das erste Buch „Warte bis zum Frühling, Bandini“ – die Trilogie besteht aus drei ursprünglich eigenständigen Romanen, der erste erschien 1938 – liest sich sogar ziemlich oft wie Bukowskis romanisierte Jugenderinnerung „Das Schlimmste kommt noch“ (1982).

Ja, der Mann, den Charles Bukowski seinen Gott nannte, war lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis verschollen. Und das, obwohl er durch seinen Jünger durchaus weiterlebte: Wer mit Bukowskis Werk vertraut ist, wird bei der Lektüre Fantes so manchen Aha-Moment erleben – und den alten Meister danach durchaus nüchterner betrachten. Der italienischstämmige Autor schwingt sich auch zum Chroniker der Immigration auf. Vor allem der erste Band „Warte bis zum Frühling, Bandini“ beschäftigt sich mit der Jugend des Autors in Boulder, Colorado. Im Spannungsfeld zwischen seinem Vater, einem trinkwütigen, Zigarrenstummel rauchenden Maurer und seiner tiefgläubigen Mutter erzählt Fante von bitterer Armut, sozialer Kälte und Träumen von Aufstieg – Geschichten, die auch heute noch aktuell sind. Bereits im ersten Roman zeigen sich seine literarischen Qualitäten, die in seinem späteren Werk weiter aufblühen werden. So schreibt er zum Beispiel über seine Großmutter: „Donna Toscana hatte eine große, rote Zunge, aber die Zunge war doch zu klein, um die viele Galle im Zaum zu halten, die ihr beim Gedanken an ihren Schwiegersohn Svevo Bandini hochkam“.

Die Qualität des ersten Bandes liegt auch in der Erzählperspektive, respektive den schnellen Wechseln letzterer, die nur wegen des sicheren Stils und des Rhythmus nie gekünstelt wirken und auch die Nerven der Leser nicht strapazieren. Im Gegenteil, Fante baut hier ein quasi hypnotisches Narrativ auf, ein alles verschlingender Strom, in dem die Figuren und die Geschehnisse aneinander vorbeirauschen, als ob es kein Morgen gäbe.

In den Folgeromanen „Frag den Staub“ und „Warten auf Wunder“ wechselt Fante wieder zur Ich-Perspektive und erzählt im semi-fiktionalen Modus wie er als junger Getriebener versuchte, auf den Straßen von L.A. einen Teil des Glücks zu erhaschen. In schummrigen Hotels, schmuddeligen Bars und halb-verfallenen Hütten leben die Helden seiner Prosa – alle sind sie auf der Suche nach Glück, fast alle enden geblendet unter der ewig scheinenden kalifornischen Sonne. Unter ihnen: Arturo Bandini, aus den Schneewehen der Rocky Mountains geflohen, nach Ruhm und Geld lechzend und trotzdem ohne Plan und vor allem sich selber im Wege stehend. Es ist kein Wunder, dass Fante den Roman „Hunger“ des Norwegers Knut Hamsun öfters erwähnt: Die Parallelen zwischen seiner Persona und dem namenlosen, selbstzerstörerischen Osloer Irren sind nicht von der Hand zu weisen.

Sein Katholizismus steht der Figur Fantes dabei am meisten im Weg. Seine Hassliebe gegenüber der Religion und ihrer Anhänger blockiert nicht selten seine Wege zum Glück, sei es nun finanzieller oder sexueller Natur. Die Mutter, die obsessiv betete um sich von ihrer Armut abzulenken, scheint auch ihren Sohn nachhaltig geschädigt zu haben. In dem Sinne sind die Bandini-Romane auch sicher ein lesenswertes Zeugnis über die Schädlichkeit der Indoktrinierung – zumal, wenn sie an finanziell schwachen Menschen ausgeübt wird. Hinzu kommt, dass Fante eine Perspektive einsetzt, die in den 1930er-Jahren alles andere als üblich war: Er schreibt über das Schreiben, über das Verlangen nach einem perfekten Werk, über das Scheitern an den weißen Seiten und über die Erfüllung des Gelingens, wenn eine Geschichte veröffentlicht wird.

Wir sollten aufpassen mit Superlativen, aber das hier ist mindestes so gut wie Bukowski, wem das Sexuelle bei eben dem auf sonstwas geht wird es sogar um Längen besser finden. Bandini, der unbeholfene Schaumschläger, großspurig und mittellos – nach zuletzt vielen zähen Romanen in meiner Leseliste endlich ein richtiger Volltreffer.

Apropos zäh. Ehm, apropos Roman. Mein neuer Roman erscheint in diesem Jahr, wohl in den nächsten Wochen, wenigen Monaten. „Blaues Blut“ heißt er und es geht um einen Mann, der plötzlich feststellt, dass er ein Mann, aber nicht recht umzugehen weiß damit. Der dann eine Frau trifft, die keine Frau mehr sein will, aber keine Ahnung hat was sie sonst sein möchte, weil alles andere ja noch ätzender ist. Naja, uf jeden Fall ziehen die beiden durch die gegend, wissen aber nicht wohin, weswegen sie gar nicht erst losfahren. Das Finale findet aber auf einem Berg statt, der a.k.a.Kerl sagt „ich weiß nicht was ich bin und was ich will“ und die a.k.a. Frau sagt „als Frau wollte ich immer das, was ein Mann hat, zwar bin ich keine Frau mehr, das wäre ja Zuschreibung, aber das will ich auch“. Und dann schlendern beide romantisch den Berg runter. Und sie sind gerade beim Auto angekommen und wollen abdüsen in die Bedeutungs- und Identitätslosigkeit, da kommen die Chinesen und machen alles platt.

Wer den Quark bis hierhin zu Ende gelesen hat, kann mir gerne eine Privatnachricht schreiben. Ich habe noch meine ersten Romane hier, wurde ich „in Corona“ nicht los. Jubel ich gerne unters Volk.

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Lesen Sie „Schwarzer Frost“, den Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen: HIER.

2 Kommentare zu “Bukowski, Fauser und die Eskimos. Oder: Und, was lest ihr gerade? 24. Januar 2022 (John Fante – „Arturo Bandini“)

  1. Aaron
    2. Februar 2022

    Servus:)
    Ich lese wirklich genüsslich und begeisternd ihre Rezensionen. Viele Bücher die Sie kritisieren, sind allerdings eher negativ und pessimistisch. Können Sie mir positive und optimistische Bücher empfehlen? Gerne eine klassische Heldenreise oder ein Buch über echte Männer frei von politischen Diskursen. Ich lese gerne Bernhard, Bukowski, Mann, Hemingway…
    Über einige interessante Tipps würde ich mich sehr freuen.

  2. Bludgeon
    24. Januar 2022

    Hm. Bin an diesem Bandini vor kurzem gescheitert. hab genau DIE Ausgabe geschenkt bekommen.
    Das Vorwort von Olle Hank war toll. Aber die ersten Seiten danach machten keinen Appetit auf mehr.
    Da begann ich zu grübeln, ob es am Alter liegen könnte. An meinem.
    Denn wegen 30 Jahre Mauerfall wollte ich ein Bukowski-Revival starten. Und alle meine Buks Books lesen. Zum zweiten Mal. In den 90ern waren die total gut.
    30 Jahre später kam ich nicht durchs erste: „Liebesleben der Hyäne“. Abbruch des Lesevorgangs in der Mitte.
    Ich griff doch wieder lieber zu Raabe und zu Heyse.
    All diese Romantisierer des Existenzkampfes auf unterster Ebene: Das lockt wohl doch eher in jungen Jahren, weil es die Angst vor dem Scheitern nimmt. „Siehste! Geht ja doch weiter!“
    Wenn du später dann doch arriviert bist, fragst du dich: Was hat’s mit mir zu tun?
    Es HATTE einst. Aber es HAT nicht mehr.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Januar 2022 von in 5 Sterne, Fante, John, Nachrichten, Soeben ausgelesen, vor 1950.
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