David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Frauen, die von Decken baumeln. Oder: Und, was lest ihr gerade so? 19. Oktober 2021

Weiß ich noch nicht, wie ich das finden soll. Dass ich seit etwa 5 Jahren zunehmend zu meinem Vater mutiere. Optisch wie charakterlich. Das leicht hamsterbäckige, egal was die Waage gerade anzeigt – eine typische Wonschewski-Alterserscheinung, die aber immer nur an einen Nachkommen weitergegeben wird. Die hohe Stirn, die höher auch nicht mehr werden wird, eine kleine lichte Stelle am Hinterkopf, die (immerhin das) niemals zu einer Halbglatze werden wird. Hätte ich einen Schnurrbart, wie mein Vater ihn bis Ende 40 trug, ich könnte so wie er direkt bei der Zollinspektion anheuern, die sehen da alle so aus. Ganz heftig aber das Verhalten. Die dunkel-sonore, sehr kräftige Stimme meines Vaters hatte ich schon immer, im Gegensatz zum ihm, der meine Schwester und mich qua Stimme mit manch peinlichem Jugenderlebnis in der Öffentlichkeit versorgte, war ich aber stets in der Lage, sie auch leise zu nutzen. Präteritum. Mittlerweile kann ich das nicht mehr, wenn ich beruflich mit Indien telefoniere, hat da der halbe Subkontinent was von. Derweil sich meine Nachbarschaft hier im Münster zusammenzuckend fragt, seit wann den wieder Punk- und Metalcore-Konzerte erlaubt sind. Drei Sätze schaffe ich noch besonnen, liebenswürdig, angenehm leise – danach fängt automatisch das Bellen an. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich allerdings hinzufügen, dass Indien aber auch sehr weit weg ist.

Genau wie mein Vater mache ich seit einiger Zeit auch übermäßigen Gebrauch von dem Wort „ungelogen“, immer hinten ans Satzende angehängt. Was, wie das so geht, natürlich kontraproduktiv ist, wenn man dieses Wort so exzessiv nutzt. Dann wirkt man erst recht wie einer, der gerne übertreibt, Quatsch labert, Storys an den Haaren herbeizieht. Noch schlimmer das Wort „garantiert“. Wie mein Vater kann ich es nicht mehr normal und in einem Stück aussprechen. Sondern nur noch nach Silben getrennt, zwischendrin immer bekräftigend mit der Faust auf den Tisch klopfend: ga – klopf – ran – klopf – tiert – klopf. Wenn gerade kein Tisch da ist, klopfe ich gegen eine Wand. Ist auch keine Wand da, nutzte ich die Stirn des Gesprächspartners.

Wie? Nein, verdammt, der Typ auf dem Buchcover ist natürlich nicht mein Vater. Das ist ja nicht mal der Vater des Schriftstellers James Ellroy. Es ist James Ellroy persönlich, Mitte der 80er-Jahre etwa. Wobei, gebt mir einen Schnurrbart und noch fünf Jahre – na gut: zwei Jahre reichen vermutlich – und es könnte optisch fast hinhauen, Nase und Ohren sind sich erschreckend ähnlich, finde ich….herrje, ihr könnt euch aber auch ranhalten, okay, ich gebe es zu: Ich bin James Ellroy! Nun zufrieden? Die 80er in L.A. waren meine besten Jahre, ich lochte als Cop reihenweise Tunten ein, schlitzte als Schizo intellektuelle Feministinnen auf und hängte sie an nur einem Bein an der Zimmerdecke auf, sodass es ein herrlich Schwingen und Baumeln gab, derweil die Gedärme sich den Weg aus der Leibesmitte bahnten…und bevor sich nun jemand aufregt und was von Menschenrechten faselt: selbstverständlich betäubte ich sie zuvor, bin ja kein Untier.

Erst später musste ich dann undercover nach Deutschland fliehen, eine neue Identität annehmen, den Schnurrbart ablegen. Die kalifornische Sonne vermisse ich nur manchmal, das Schlitzen und Einlochen dauernd. Wie jetzt, den Labersenf habe ich aus „Blut auf dem Mond“ (1984) geklaut und das stammt nicht von mir, sondern James Ellroy? Nein, verdammt, ich bin wirklich James Ellroy, ungelogen.

Ga-klopf-ran-klopf-tiert-klopf.

Und, in welchem Romanen fndet ihr euch selbst aktuell wieder?

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

3 Kommentare zu “Frauen, die von Decken baumeln. Oder: Und, was lest ihr gerade so? 19. Oktober 2021

  1. klimitsch
    19. Oktober 2021

    Sorge für dich,lebe! Weltrettend! Lesen und berichten,weitersagen.Mir gefällts,jetzt soll es noch 20000 Lesern auch gefallen.Sie sind dran! Lg Rudolf KlimitschVon meinem/meiner Galaxy gesendet

  2. Thomas Schad
    19. Oktober 2021

    Das mit dem Vater … kommt mir TOTAL bekannt vor! Sehr schön beschrieben, ungelogen.

  3. Mari Bu
    19. Oktober 2021

    Gar köstliche Frühstückslektüre. Ungelogen. 😁

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Oktober 2021 von in Nachrichten, Und, was lest ihr gerade so? und getaggt mit , , , , , , .
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