David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Bowie, Prince und rüpelnde Rocker en masse. 04. November, da war doch was. Der Pop-Kalender.

erbarmungslos herabdoziert von David Wonschewski

Ich sag‘ nur: Wackeln im Sturm. Jaja, auch der 04. November 1995 hat sich ins kollektive Musikgedächtnis eingebrannt. Michael Jackson gibt bei „Wetten, dass…?“ alles. Und stellt nebenbei auch seine neue Single „Earth Song“ vor, als Weltpremiere. Dass Jackson ein Bewegungswunder war ist bekannt, machen die meisten aber unbegreiflicherweise am Moonwalk fest. Pah, den kann doch jeder! Was keiner kann, ist sich dermaßen aus dem Rahmen hängen zu lassen wie Michael Jackson bei dem TV-Auftritt seinerzeit, siehe Bild. Beziehungsweise: Raus käme ich eventuell noch, aber ganz bestimmt nicht mehr zurück, nicht mehr rein. Das können nur Außerirdische.

Und sonst so am 04. November? Jackie Wilson bringt am 04. November 1957 zum ersten Mal ein Lied in den US Charts unter, mit Ach und Krach und gerade eben noch: „Reet Petite“ landet auf der 62. Satte 29 Jahre später, 1986, geht er dafür in Großbritannien auf die 1 – es lebe die Bierwerbung. Ein netter Nebeneffekt des Songs war, dass er von Berry Gordy geschrieben wurde – der sich wiederum durch die Tantiemen aus dem Stück in die Lage versetzt sah, zur Bank zu gehen und einen Kredit zu erhalten. Eingesetzt zur Gründung von Motown Records.

Am 04. November 1963 haut John Lennon bi einem Auftritt im ehrwürdigen Prince Of Wales Theatre in London einen seiner berühmt gewordenen markigen Sprüche raus. Sinngemäß sagt er ins Mikrofon: Auf den paar billigeren Plätzen könnt ihr mit euren Händen klatschen. Alle anderen, ach, klimpert einfach mit eurem teuren Schmuck.

Soetwas würde Marketingprofis heute nicht passieren: Am kalt-nebligen 04. November 1966 steigt die Sommerwuchtbrumme „Good Vibrations“ von den Beach Boys in die englischen Charts ein, schafft es kurz darauf auf die 1 (in Deutschland im Dezember des Jahres immerhin auf die 8). Auf die Idee zu dem Song kam Liedmeister Brian Wilson durch seine Mutter, die ihm einst erzählt hatte, dass Hunde deswegen manchmal grundlos fremde Menschen anbellen, weil sie in der Lage sind deren „bad vibrations“ wahrzunehmen. Wilson, seines Zeichens Paranoiker vor dem Herrn, fand es ganz hilfreich, einmal über das Gegenteil nachzudenken, gute Vibrationen, so von Mensch zu Mensch. Wie viele Beach Boys-Stücke ist das, was hier so luftig und leicht klingt hochgradig kompliziert und aufwendig. 17 Aufnahmesessions waren nötig, um das Lied fertig zu produzieren, 50.000 Dollar kostete der Spaß – seinerzeit damit der teuerste Popsong aller Zeiten. Legendär auch, dass der Oberperfektionist, als es daran ging, die Nummer auch live auf die Reihe zu kriegen, seine Bandkumpanen dermaßen triezte, das die Beach Boys fast auseinandergebrochen wären darum. Dazu muss man wissen, dass nur Brian Wilson sich ab Mitte der 60er-Jahre auf musikalischer Entdeckungsreise befand – derweil seine Mitstreiter und vor allem das Label für möglichst simple und daher lukrative Sommermelodien waren. Im Übrigen ist bei dem Song auch gut zu hören, was Brian Wilson – der als berühmtestes Falsett der Popgeschichte gilt – immer über seinen jüngeren Bruder Carl, bei „Good Vibrations“ die Leadstimme, sagte: So schön wie Carl sang niemand.

Ganz wichtig: Am 04. November bringt David Bowie sein drittes Studioalbum „The Man Who Sold The World“ heraus, zuerst in den USA, erst einige Monate später im Rest der Welt. War das Vorgängeralbum „Space Oddity“ noch von ruhigeren, durchaus folkigen Einflüssen geprägt, wandte sich Bowie mit dieser LP nun der rockigen Seite der Musik zu. Bowie selbst gab seinerzeit zu Protokoll, dass ihn allen voran die Yardbirds, Jimi Hendrix und Cream angestachelt hätten, nun härte Klangsaiten aufzuziehen. Bowie Fans finden auf der Platte alles, was das Tieftaucherherz begehrt, eine textlich bizarre Mixtur aus Wahnsinn, Paranoia und Gewalt, hübsch unterfüttert mit Sprenkeln aus Science-Fiction, Philosophie und Gesellschaftskritik. Hm. Viel zu lange nicht mehr reingehört, zack auf die Playlist für den heutigen Tag. Sind ja schließlich US-Wahlen, da könnte das besser passen, als uns allen lieb ist .

Oh, auch ein 04. November: The Police bringen 1979 „Walking On The Moon“ heraus, als zweite Single von „Regatta de Blanc“. Der Legende nach fiel Sting das Stück im Vollsuff nach einem Konzert in München ein. Na wie gut, dass es November war. Einen Monat vorher hätte das Lied, so besoffen in München gewiss mehr Bierzelt-Atmo verströmt.

Am 04. November 1980 lässt sich Bob Marley innerhalb der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche taufen und heißt fortan Berhane Selassie, derweil Prince 1984 in Detroit eine fette Tour mit 87 Terminen beginnt, die den Beginn seiner Band „The Revolution“ markiert. Fünf Jahre später, 04. November 1989, presst Elton John seinen sage und schreibe 50. Song in die UK-Charts. „Sacrifice“ heißt die Ballade und ich gestehe: Ich mag das Lied total.

1993 dann wird ausgerechnet das Bandmitglied von Depeche Mode inhaftiert, von dem man es irgendwie als Letztes erwartet hätte: Martin Gore. Er hatte zu lange zu laut Musik gehört und auf die Bitte hin, die Stereoanlage leiser zu machen mit irgendwas gen Mittelfinger und deine Mutter reagiert. Scheint aber nicht am Menschen, sondern am Datum zu liegen: 1998 erscheint Mark. E. Smith (The Fall) vor Gericht, 1998 wird Liam Gallagher verhaftet. Die Details erspare ich uns mal, weise lediglich darauf hin, dass dieses allgemeine rüpelhafte Austicken ausgerechnet am Tag nach dem Weltmännertag (03. November) – nur Zufall sein kann.

Und morgen? Ach, morgen ist ein anderer Tag.

Viele Grüße, David Wonschewski

Ein Kommentar zu “Bowie, Prince und rüpelnde Rocker en masse. 04. November, da war doch was. Der Pop-Kalender.

  1. Bludgeon
    5. November 2020

    Fetzt wiedermal total, der Überblick. Zu Bowie noch ne Anmerkung: Der NDR-Hörfunk sendete in den frühen 80ern „Der Favorit“ von Heinz Rudolf Kunze; eine Sendereihe mit viiiiielen Folgen, der feierte dort die Bowie-Karriere bis „Lets Dance“ ab – und der erzählte, dass die „Man who versohlte die Welt“ vor allem von Black Sabbath beeinflusst sei. Er machte das am „plumpen Einsatz der E-Gitarre“ fest. Vermutlich hat Bowie selber in jedem Interview was anderes erzählt, um im Fanbereich aller Großkopferten zu wildern – denn zuvor lief’s ja nicht richtig. Egal. Die „Hunky Dory“ ist eh besser.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. November 2020 von in Musikrezensionen, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , , .
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