David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

U2, Cream & der Herr Vizepräsident. 02. November, da war doch was. Der Pop-Kalender.

übelst zusammengestümpert von David Wonschewski

Auch wenn ich mich mit der Aussage nur bedingt beliebt mache: U2 hätten sich nach ihren ersten drei großartigen Studioalben „Boy“, „October“ & „War“ (1980) getrost auflösen können. Alles, was danach kam, war doch nur noch, tja: triefend pastoral. Sprach’s und wusste selbst, dass er sich schon im gleichen Atemzug selbst widerlegen würde. Denn 1991 tauchte Bono plötzlich mit einem neuen düsteren Schmierlook auf und die Iren brachten, auch wenn ich es ungern zugebe, eines der besten Alben aller Zeiten auf den Markt: „Achtung, Baby“. Erste Singleauskopplung war im Übrigen das irgendwie spacige „The Fly“, das in England am 2. November 1991 – also vor 29 Jahren – auf Platz 1 einstieg. In Deutschland reichte es nur für Platz 5. Inspiriert wurde Bono zu dem Stück durch Jenny Holzer, eine Künstlerin, die provokante Sprüche auf alles setzte, was ihr in die Quere kam, von T-Shirts bis zu Hauswänden. Weitaus interessanter aber ist, welche große amerikanische Indieband Pate stand bei „The Fly“: Die Pixies. Bono und The Edge sind große Fans der Undergroundikonen und versuchten sich nach all den Jahren im pastoralen Klangmatsch einen neuen Sound auf den Leib zu musizieren. Hat geklappt.

Und sonst so an einem 02. November? Pünktlich zur US-Wahl erinnere ich gerne an den weltweit einzigen Nummer 1-Song, der aus der Feder eines Vizepräsidenten stammte. Gut, diesen Vizepräsidenten, sein Name war Charles Dawes, kennen hierzulande bestenfalls noch Amerikanisten. Das von ihm geschriebene „It’s All In The Game“, das sich am 02. November 1958 auf Platz 1 der US-Charts setzte, dürfte aber, da gehe ich jede Wette ein, doch locker in einem der vielen „Eis am Stiel“-Streifen vorgekommen sein.

Heute vor 53 Jahren, am 02.November 1967, kam ein Album heraus, das Classic Rock-Fans noch heute mit der Zunge schnalzen lässt: „Disreali Gears“ vom, wie es vielfach heißt, talentiertesten Rocktrio aller Zeiten: Cream. Auch wenn ich persönlich in Sachen Trio The Jam noch weiter vorne sehe, war das LineUp aus Eric Clapton, Jack Bruce und dem unfassbar unberechenbaren Ginger Baker (der am Schlagzeug später das Vorbild für den zotteligen Muppet Show-Drummer „Tier“ bilden sollte) wahrlich nicht von Pappe. Wer es nicht so mit Classic Rock hat, hat es gewiss mit Flower Power, „Sunshine Of Your Heart“, das wohl bekannteste Stück des Albums, wurde schließlich nicht umsonst von Creams berühmtem Labelchef Ahmet Ertegun vor der Veröffentlichung noch voller Abscheu als „psychedelic hogwash“ abgekanzelt. Aber auch so ein Labelchef kann mal danebenhauen und so gehört das Gitarren-Riff von „Sunshine Of Your Love“ – keine Ahnung, wie man sowas zählt oder abmisst – hinter den unvermeidlichen Queen-, Deep Purple- und AC/DC-Klassikern wohl zu den von Teenagern meistgenannten Songs, wenn sie ein Gitarrengeschäft betreten, um sich ihr erstes Instrument zu kaufen und gefragt werden, was sie darauf spielen können wollen.

Am gleichen Tag, also auch am 02. November 1967, vollendeten die Beatles in den Abbey Road Studios London die Arbeiten an „Hello Goodbye“. Zu den ganz wenigen Menschen, die dieses Lied innig hassten, gehörte John Lennon. Dazu gab ihm schon die Entstehungsgeschichte Anlass: Ein Freund kam zu Paul McCartney und fragte ihn, wie er denn immer auf so tolle Liedideen kommt. Also setzte sich Paul, bekanntlich sehr humorig unterwegs, ans Klavier, klimperte drauf los und meinte zu seinem Kumpel, er solle ihm ein Wort zurufen und er würde ihm einfach das Gegenteil antworten und dann solle der ihm noch ein Wort zurufen und Paul würde ihm wieder das Gegenteil zurufen. Kaum zu glauben, wie gut das funktionierte. Durchaus zu glauben dafür, dass John Lennon angefressen war, wurde sein Songbeitrag „I Am The Walrus“ doch auf die B-Seite verbannt für diesen Nonsense. Die Frage, ob „I Am The Walrus“ jetzt so wahnsinnig viel intelligenter ist als „Hello Goodbye“ sollen Beatles-Enthusiasten bitte mit Fäusten unter sich ausdiskutieren:

I am he as you are he as you are me
And we are all together
See how they run like pigs from a gun
See how they fly
I’m crying

War sonst noch was? Apropos Beatles, am 02. November 1974 war George Harrison der erste Beatle, der das Wagnis aufnahm, solo auf Tour zu gehen, derweil zeitgleich Stevie Wonder mit „You Haven’t Done Nothin'“ seine vierte Nummer 1 hinlegte….funky shit!

Last aber gewiss nicht least wurde am 02. November 1985 einer der berühmtesten Aufkleber der Welt eingeführt: das Parental Advisory Label. Dabei handelt es sich um ein Etikett, mit dem Tonträgerunternehmen in den USA Musikveröffentlichungen kennzeichnen, die aufgrund anstößiger Texte als ungeeignet für Minderjährige empfunden werden. Die Initiative zur Gründung ging von Tipper Gore, der Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, aus. Eine führende Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit nahm Susan Baker, die Ehefrau des damaligen US-Finanzministers James Baker, ein. Tipper Gore engagierte sich, nachdem sie die Liedtexte des Prince-Albums „Purple Rain“ (1984) gehört hatte, das sie ihrer damals elfjährigen Tochter geschenkt hatte. Baker habe sich beteiligt, nachdem sie ihre 7-jährige Tochter den Text von „Like A Virgin“ von Madonna hatte singen hören.

Einen klangreichen Tag wünscht

David Wonschewski

3 Kommentare zu “U2, Cream & der Herr Vizepräsident. 02. November, da war doch was. Der Pop-Kalender.

  1. Bludgeon
    2. November 2020

    Das hab ich aus einem Interview damals auf MTV oder Viva, als die Platte neu war. Beiden Sendern war ich verfallen, bis die Klingeltöne kamen und das Bild deshalb immer kleiner wurde.
    Slowdive, Swans, Walkabouts, Bongwater, Replacements, Legendary Pink Dots – hach, herrlich ergiebige Indie-Zeiten! Und „Achtung Baby!“ knallte da ausnehmend gut rein – aber U2 blieben dann doch „außen vor“; letztlich kaufte ich sie nicht, weil ich schon vom „Joshua Tree“ enttäuscht war und vermutete, dass es mir mit „Baby!“ so ähnlich gehen könnte. Bono klingt halt auch auf Dauer nervig.

  2. davidwonschewski
    2. November 2020

    Besten Dank – die frage muss allerdings sein: Nein, ich habe nicht 12 U2-Biografien gelesen, aber diverse Schnippsel, mein Metier. Von den Swans stand da nix, sonst wäre mir das aber sofort eine Nennung wert gewesen, aber hallo. Nur zur eigenen Schlauerwerdung: Steht das in irgendeiner U2-Bio oder steht hier eher Schnippsel gegen Schnippsel? Shoegazin war aber schon leicht eher, aber ja, in der Zeit noch am Wirbeln. Das höre ich dafür da überhaupt nicht raus, so kann’s gehen.Shoegaze ist mein zwedrittliebster Musikstil. Ich hasse es nur, wenn er „Dreampop“ genannt wird, geschieht oft…;-)

  3. Bludgeon
    2. November 2020

    Joa, baasd scho!
    Kleine Berichtigung: The Edge wurde gefragt, woher der Fly-Sound inspiriert sei und er nannte da nicht die Pixies, sondern the Swans. Außderdem machte damals gerade Shoegazing (Slowdive!) von sich reden. Das mit den Pixies mag ja auf Bonos Mist gewachsen sein.

    Wenn ich „Bossa NOva“ oder „Dolittle“ höre, finde ich keine Brücke zu „Achtung Baby!“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. November 2020 von in Musikrezensionen, Nachrichten und getaggt mit , , , , , .
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